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Life is too short for boring stories

Spuren im Schnee

 

„Ich geh noch eine Runde“, sagte sie leichthin, „Kommst Du mit?“

„Es ist doch so kalt draußen“, erklärte er, und ließ sich in den Fernsehsessel plumpsen, „Aber seit wann gehst Du bei der Kälte freiwillig hinaus?“

 

Es war ihm aufgefallen. Natürlich war es ihm aufgefallen. Sie sollte ja nicht von ihm glauben, dass er nichts bemerkte, wie sie ihm das eine oder andere Mal vorzuhalten pflegte. Zumindest was sie betraf war er aufmerksam. Er musste nicht alles gleich kommentieren. Aber das kam ihm jetzt doch komisch vor. Seit mindestens zwei Wochen ging sie jetzt jeden Abend spazieren, ganz gleich wie kalt es draußen war. Es hatte geschneit. Sie war spazieren gegangen. Es hatte geregnet. Sie war spazieren gegangen. Das Wasser fror und verwandelte die Straßen in einen Eislaufplatz. Sie war spazieren gegangen. Dafür musste es einen Grund geben. Aber was für einen Grund gab es, der so wichtig war, dass sie sich Abend für Abend aufraffte um rauszugehen, in die Kälte, die sie so gar nicht mochte? Ob sie sich mit jemanden traf?

„Warte ich komme doch mit“, rief er, einem plötzlichen Entschluss folgend.

„Wieso das plötzlich? Ich dachte, es sei so kalt draußen“, gab sie schmunzelnd zurück, „Oder meinst Du, Du musst auf mich aufpassen?“

„So ein Unsinn. Du bist ja ein großes Mädchen. Nein, ich dachte, Du hast recht, ein wenig Bewegung wird nicht schaden“, erklärte er ausweichend.

 

Sobald sie die Straße betraten, wurde ihm schlagartig bewusst, warum er nicht hatte gehen wollen. Der Wind pfiff durch die Straßenschluchten der Stadt. Automatisch hielt er seinen Hut fest. Doch sie schien es nicht einmal zu bemerken. Lächelnd nahm sie seine freie Hand und zog ihn hinter sich her. Vielleicht sollte er doch noch umkehren, aber es gab kein Zurück mehr. Wie würde das denn aussehen, wenn er jetzt kniff? Also ließ er sich ziehen. Sie schien genau zu wissen, wo sie hinwollte. Er hoffte nur, es würde nicht allzu weit sein.

 

„Sag, haben wir ein bestimmtes Ziel?“, fragte er, nachdem sie ein weiteres Mal abgebogen waren.

„Ja“, gab sie knapp zurück.

„Also hatte ich doch recht gehabt“, dachte er, als sie ihren Schritt nach einer weiteren Biegung plötzlich verlangsamte.

 

Die Schneeräumer hatten ganze Arbeit geleistet. Die Straßen und Gehwege waren frei, doch außer ihnen war kein Mensch zu sehen. Wer geht auch bei so einem Wetter freiwillig hinaus, bloß um spazieren zu gehen? Nicht einmal Kinder mit ihren Schlitten, aber die hatten in der Stadt sowieso nichts verloren. Da gab es schließlich eigene Refugien. Kinderrefugien. Zwischen Leuchtreklamen und altehrwürdigen Mauern, zwischen Laternen und Geschäftigkeit hatten Kinder nichts verloren. Das war eine Erwachsenenwelt. Eine Welt für menschliche Erwachsene. Und während er noch über aufrechtgehende, zweibeinige Affen nachdachte, spürte er plötzlich nichts mehr in seiner Hand. Sie hatte die seine losgelassen und bedeutete ihm stehen zu bleiben, während sie ein paar langsame Schritte vorwärts machte, ihre Füße so behutsam wie möglich aufs Trottoir setzend. Endlich ging sie in die Hocke. Was sollte denn das werden?

 

Endlich nahm er eine Bewegung wahr. Ein kleines Etwas lief auf sie zu. Kurz hielt es inne, bevor es ganz nahe zu ihr lief und etwas aus ihrer offenen Hand nahm, bevor es blitzschnell kehrt machte und wieder verschwand, kleine, fast unsichtbare Spuren im verbliebenen Schnee hinterlassend.

 

„War das eben, was ich denke, dass es war?“, fragte er erschrocken, als sie sich erhoben hatte und zu ihm ging.

„Woher soll ich wissen, was Du denkst?“, entgegnete sie. Natürlich wusste sie was er dachte. Aber sie wollte es ihm nicht allzu leichtmachen.

„Das war doch eine Ratte, und Du hast sie auch noch gefüttert!“, entfuhr es ihm.

„Natürlich, sie braucht jetzt viel Kraft, jetzt, wo sie Junge hat“, erklärte sie trocken, während sie ihn hinter sich herzog. Er ließ es widerstandslos zu.

„Aber die wühlen im Müll und übertragen Krankheiten, und überhaupt, die haben hier nichts verloren“, meinte er kopfschüttelnd, „Und Du fütterst sie auch noch!“

„Bevor der Mensch war und alles zubetonierte war die Ratte. Dann kam der Mensch und machte sich breit und nahm alles in Anspruch. Und die Ratte fand sich darin ihren Ort, einen kleinen, verschwiegenen, weil es so viel gab, was noch brauchbar war und der Mensch einfach wegwarf. Sie dachte, da ist Platz für uns alle“, versuchte sie zu erklären.

„Und dann vermehren sie sich und werden immer mehr und mehr und überziehen die Stadt und nehmen alles in Besitz!“, entfuhr es ihm, der die Ratteninvasion schon kommen sah.

„Seltsam, dass die Ratte das nicht darf, was der Mensch tagtäglich macht, weil er meint, er ist ein Mensch und er darf das. Das dort, das ist ja nur eine Ratte“, sagte sie leise, „Dabei gibt es keinen Unterschied. Alles Leben will nichts als leben. Du und ich und auch die Ratte.“

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