Nörgeln, der Österreicher*innen liebstes Hobby (2)

Nörgeln, der Österreicher*innen liebstes Hobby (2) – Alle Geschichten

„Hier spricht die Partei“, begann das Gespräch an diesem Vormittag, an dem sich Dominik Nörgl vor den zahlreichen Bildschirmen befand, die er zu überwachen hatte, wie jeden Tag.
„Aha“, antwortete Dominik knapp, weil ihm nichts Besseres einfiel, jetzt zumindest nicht. Es wäre ihm wohl auch zu keinem anderen Zeitpunkt eine passendere Antwort in den Sinn gekommen, aber das machte nichts, denn der Mann am anderen Ende ließ sich davon nicht verunsichern.
„Wir verfolgen Ihre Social Media Karriere mit großem Interesse, denn Sie sprechen genau die Themen an, die uns auch am Herzen liegen“, erklärte der, der von sich selbst sagte, er wäre die Partei, die ganze offenbar.
„Aha“, erwiderte Dominik wiederum, aber diesmal mit sehr viel mehr Nachdruck. Sollte der doch nicht meinen, er wäre sprachlich untalentiert.
„Wir möchten Sie für uns gewinnen“, fuhr der Mann fort.

„Mich kann man gewinnen?“, entfuhr es Dominik unwillkürlich, weil er sofort an ein Preisausschreiben dachte.
„Nein, nicht so. Ich meinte, wir möchten, dass Sie zu uns kommen und das, was Sie jetzt für sich machen, in Zukunft in unserem Namen verbreiten“, erklärte ihm der Mann geduldig, „Mein Name ist Friedrich Freilieb und ich bin sitze im Landtag. Da ist gerade ein Platz freigeworden. Den könnte ich Ihnen anbieten. Sie könnten morgen bei vollen Bezügen anfangen. Was sagen Sie?“
„Aber da muss ich doch für irgendetwas gut sein?“, zeigte sich Dominik konsterniert, obwohl er das nie so ausgedrückt hätte, weil ihm das Wort konsterniert das war, was es eben war, ein Fremdwort, sowohl was seinen aktiven Wortschatz betraf als auch sein Gehabe.
„Nein, sie sind ohne Amt, aber damit mit Würde und Social Media Auftrag“, sagte der, der sich Friedrich nannte, „Sie müssen nichts weiter tun, als mehr von diesen Sachen machen, die sie bisher machten. Natürlich gehören manche Themen noch genauer herausgearbeitet und andere kommen gar nicht vor. Sowas wie Stolz auf das Land und das mit den richtigen Männern und natürlich Ausländer. Das letzte ist ganz wichtig. Und natürlich mehr von diesen Sozialschmarotzern, die Geld bekommen, ohne was zu arbeiten. Das mit dem Obdachlosen war großartig. Das traut sich sonst keiner sagen. Aber mit dieser Naivität und Unbescholtenheit vorgebracht, das ist toll. Und Sie würden € 10.000,– im Monat verdienen.“
„€ 10.000,– sagten Sie“, konnte Dominik nur tonlos wiederholen, weil er so schlecht reden konnte, wenn ihm der Mund vor Verwunderung offenstand.
„Das ist wohl nur Rechtens“, ergänzte Friedrich, „Ich gehe davon aus, dass Sie noch heute ihre Arbeit kündigen und sich morgen um 09.00 Uhr in der Parteizentrale einfinden.“
„Einfinden“, brachte Dominik noch gerade heraus, mehr nicht. Friedrich verabschiedete sich noch und legte auf. Dominik jedoch saß noch einige Zeit da, mit offenem Mund und den Hörer in der Hand. Endlich erwachte er auf seiner Benommenheit, stand mit aller Entschlossenheit, deshalb nicht weniger mühsam auf und begab sich in das Personalbüro, das er als freier, sprich arbeitsloser, Mensch wieder verließ. Den restlichen Tag verbrachte er damit, das zu erstellen, was sich Content nannte, wie er inzwischen gelernt hatte. Je mehr er davon fabrizierte, desto mehr viel ihm ein. Die Lehrerin, die sich so aufgespielt und ihn in seiner männlichen Überlegenheit nicht anerkannt hatte. Oder das Mädchen, das meinte, sie wolle ihn nicht, bloß weil er sie gefragt hatte, ob sie kochen und putzen können. Oder der Sprayer, der fremdes Eigentum beschädigt und sich über ihn, den aufgehenden Star am Social Media Kanal, lustig gemacht hatte.

Am nächsten Morgen erschien er pünktlich um 9.00 Uhr in der Parteizentrale und wurde herzlich von Friedrich Freilieb begrüßt. Dieser führte ihn in das Büro, das von nun an sein eigenes sein würde. Sicherheitshalber fragte Dominik nochmals nach, was er denn zu tun hätte.
„Nichts, außer über die Zustände zu jammern, die Schuldigen zu benennen und den anderen die Schuld zu geben“, erklärte ihm Friedrich mit bemerkenswerter Geduld.
„D.h. ich muss nichts weiter tun, als zu nörgeln und dafür werde ich bezahlt“, fasste es Dominik Nörgl zusammen, der sich wie im siebten Himmel fühlte. „Nomen est omen“, hätte er wohl hinzugefügt, wenn er diesen Ausspruch denn gekannt hätte. Aber das machte nichts, denn es genügte, dass es so war, dass er Nörgl hieß und darin seine Berufung lag, die nun endlich entdeckt und gewürdigt wurde. Es war allerhöchste Zeit.

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