novels4u.com

Life is too short for boring stories

Zurückzukehren birgt Gefahren mit sich. Obwohl man nie wirklich zurückkehren kann, denn der Mensch, der man damals war, der ist man nicht mehr, und der Mensch, der man jetzt ist, war man damals noch nicht. Der Ort, der bleibt gleich. Vielleicht. So lange sich nichts verändert, aber als sie an diesen Ort zurückkehrte, stellte sie als erstes fest, dass sich wenig verändert hatte. Viele Jahre waren vergangen. Die Geschäfte hatten gewechselt. Das war schon alles. Dachte sie gerade, als sie innehielt. Es war eine Auslage, eine, wie viele andere auch. Sie fühlte sich plötzlich eingesogen in eine Erinnerung, eingesogen in ein Damals. Es war nicht gut, gar nicht gut, aber der Sog war stärker als ihr Wollen.

„Lass uns da hineingehen und einen Smoking probieren“, hörte sie sich in jenem Damals sagen, den Arm um die Hüfte des Mannes gelegt, den sie liebte. Damals. Nicht jetzt. Sie sah sich selbst, diesen kecken, neckischen Ausdruck in den Augen, der gleichzeitig so viel Sehnsucht und Wärme trug. Wie viel Blicke doch zu tragen vermögen. Es war als Scherz gedacht, eigentlich.

„Warum nicht?“, antwortete er lachend, „Und die Maske gleich dazu, für den Maskenball.“

„Unbedingt!“, erwiderte sie und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Wie war es nur möglich gewesen, möglich, so unheimlich, ungeteilt, uneingeschränkt, rückhaltlos glücklich zu sein. Sie sah sich selbst, selbstvergessen, die Welt vergessend, so voller Energie und Lebensfreude. War das wirklich sie gewesen? Sie sah es in ihren Gedanken, aber es schien wie ein Film zu sein, den sie irgendwo gesehen hatte.

 

Was als Scherz gedacht begonnen hatte, endete in einer Wirklichkeit. Der Kauf des Smokings und das Miteinander. So gut hatte er ausgesehen, in diesem Smoking. Das hatte sie ihm auch gesagt. So verdammt gut, und die Maske, die er sich vorhielt, verlieh ihm etwas Geheimnisvolles. So gingen sie auf den Ball. Niemals zuvor und niemals wieder danach hatte sie sich so strahlend gefühlt.

 

Und es war der nächste Morgen. Unerbittlich kam der nächste Morgen, an dem sie erwachte. Er hängte den Smoking in den Kasten. Die Maske legte er in ein Fach darüber. Sie sah seinen Rücken. Sie war gerade im Begriff aufzustehen, ganz leise, dass er es nicht bemerken sollte, denn er wusste noch nicht, dass sie wach war und ihm zusah. Ganz sacht wollte sie sich an ihn heranschleichen und ihn von hinten umfassen. Die Hände sehnten sich nach der Wärme seiner Haut. Sie war gerade im Begriff, hatte die Hand am Rand der Decke, bereit sie aufzudecken um darunter hervorzuschlüpfen, als er sich unversehens umwandte.

 

Da war etwas in seinem Ausdruck, dass sie zusammenschrecken ließ. Es war eine scheinbar unmotivierte Reaktion, doch sie war da. Ob sie noch träumte? Ob sie sich das nur einbildete? Nein, es war wirklich. Alle Wärme und Herzlichkeit waren aus seinen Augen verschwunden. Die Maske war abgenommen, doch unter der Maske, die sie miteinander gekauft hatten, war noch eine andere gewesen. Es war ein Spiel des Umgarnens und Einfangens und Vernichtens. Wie ein Jäger auf der Pirsch, der sein Opfer anlockt und zur Strecke bringt. Dann lässt er es liegen. Ein unsäglicher Schmerz durchfuhr ihren Körper, der sie zurückschrecken ließ. In dem Moment wusste, sie, dass sie für ihn bereits Vergangenheit war.

 

Langsam stand sie auf und zog sich an. Wortlos wollte sie gehen. Es gab nichts mehr zu sagen. Er hielt sie nicht auf. Schon die Klinke in der Hand, wandte sie sich noch einmal um und sah ihn an. Nur das Eine wollte sie ihm noch sagen.

 

„Du hast eine Strecke gelegt, eine lange, nichts als Tod und Verwüstung. Es ist Dein Triumph, aber letztlich bist Du ein Getriebener, der nicht bleiben kann. Es tut mir leid für Dich.“

 

Er erwiderte nichts, weil es nichts zu erwidern gab. Und während sie nun ihre letzten Kräfte darauf verwandte die Klinke hinunterzudrücken und sich dabei aufrecht zu halten, musste sie über sich selbst schmunzeln. Es war ihr Schmerz, der sie fast zerriss, während er froh war, dass alles so gut abgelaufen war. Wie ein Reh, das im Moment des Schusses seinem Mörder wünschte, sein Fleisch möge ihm schmecken.

 

Es war lange her, aber der Schmerz war noch da, wie damals. Man wird nicht klüger, nur älter. Und die Auslage war einfach nur eine Auslage.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: