Sterben lassen

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Es war finster. Auch kalt. Im Stall war es wärmer. Aber auch stickig. Es stank, nach Fäkalien und Blut und Tod. Schweine auf Vollspaltenboden. Was hatte ich in diesem Stall verloren? Nichts. Er gehörte nicht mir und auch nicht die Tiere. Fremdes Eigentum. Fremder Grund. Ich hatte beides missachtet, als ich das Tor öffnete, das nicht verschlossen, sondern nur angelehnt war. Eigentlich war ich gekommen, um mich davon zu überzeugen, dass es nur Lügen waren, die die selbsternannten Tierrechtsaktivist*innen verbreiteten. Ihre Bilder waren gefälscht. Das konnte nicht stimmen. Schließlich lebten die Landwirt*innen von ihren Tieren. Da wäre es doch völlig unlogisch, sie so schlecht zu behandeln, wie von ihren Gegner*innen behauptet wurde. 25% der Schweine, die auf Vollspaltenboden gehalten werden, sterben noch bevor sie einen Schlachthof von innen gesehen haben, wird gesagt. Aber es erschien mir unlogisch, denn schließlich bestreiten diese Halter*innen ihren Lebensunterhalt mithilfe dieser Tiere.

Doch nun stand ich da, im fahlen Licht, denn die Fenster waren so dreckig, dass es sehr duster war in diesem Raum. Da war ein Gang und links und rechts davon Buchten. Die Schweine schrien, weil sie spürten wohl, dass jemand gekommen war. Ich hörte Hufgetrappel auf Betonboden. Sie kamen näher, drängten sich an der Buchtenwand, die diese vom Gang abgrenzte. Sollte ich das wirklich tun? Hinsehen? Es war immer noch möglich, einfach umzudrehen und klammheimlich diese Stätte zu verlassen. Doch ich entschied mich dagegen, jetzt, da ich mich schon so weit vorgewagt und gegen mindestens noch mehr Gesetze verstoßen hatte. Deshalb beugte ich mich über die Wand und sah sie, die Schweine, die mich neugierig ansahen. Diese offenen Augen, diese Zugewandtheit und Neugierde rührten mich. Doch die Augen waren nicht klar, sondern die meisten rot, von den Dämpfen. Ich hörte Husten. Der Ammoniak-Gestank von den Fäkalien unter den Spalten ließ auch meine Augen tränen, die Luft kratzte im Hals beim Atmen. Aber da war noch mehr. Geschwüre an den Gelenken und Verletzungen am ganzen Körper. Offene Wunden, wo der Schwanz war. Tatsächlich waren sie sämtlich kupiert worden. Und dann fiel mein Blick auf ein Tier, das da lag und wirkte, als könne es nicht mehr aufstehen. Ich öffnete die Türe und ging hinein in die Bucht. Es war mir egal, ob die Schweine nun auf den Gang laufen konnten, denn ich wollte bei diesem einen Schwein sein, das so offensichtlich im Sterben lag. Deshalb setzte ich mich neben seinen Kopf und streichelte es, dieses Wesen, das niemals in seinem kurzen Leben irgendetwas Gutes von einem Menschen erfahren hatte, wurde kurz vor dem Ende gestreichelt. Der Atem ging flach und die Augen erhoben sich schwach, noch ein einziges Mal. Dieser Blick traf mich und ging mir durch und durch. Es lag ein Flehen darin, um Hilfe, doch ich konnte nichts tun. Ich erzählte diesem misshandelnden, in den letzten Zügen liegenden Wesen, dass ich den Tierarzt holen könnte. Der würde behaupten, dass alles in Ordnung sei, auch dass es so elendiglich krepierte. Dieser Arzt, der ausgab, sich um kranke Tiere zu kümmern, würde es als normal ansehen, hier in diesem Stall. Meine Anzeige wegen Tierquälerei würde ins Leere gehen. Stattdessen holten sie mich auf die Wache. Natürlich wegen des Einbruchs, weil ich da nichts verloren hatte und mich das gar nichts anginge. Ich würde angezeigt werden wegen Tierquälerei aufgrund unterlassener Hilfeleistung. Aber was hätte ich tun können. Dann schloss es die Augen für immer. Lautlos weinte ich um ein ungelebtes Leben, doch auch das änderte nichts. Ich konnte es nicht einmal beerdigen. Deshalb ging ich und schloss mich den Tierrechtsaktivist*innen an, denn es war nicht nur wahr, was sie erzählten, sondern es war noch viel schlimmer, wenn man es nicht nur auf Bildern oder in Filmen sah, sondern live dabei war, wenn ein Leben verging, so völlig sinnlos. Der Bauer würde es entdecken und es in der Kadavertonne entsorgen. Wie so viele andere davor. Für ihn ist das ganz normal. Aber ich, ich werde diesen Blick niemals vergessen, der meinte, ich wäre da, um zu helfen. Und ich konnte es nicht. „Dir kann ich nicht mehr helfen“, sagte ich zu diesem geschundenen Wesen, „Aber ich verspreche Dir, dass ich alles tun werde, was ich kann, dass der Tag kommt, an dem kein Lebewesen mehr derart misshandelt wird und alleine sterben muss.“

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