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Life is too short for boring stories

Mit aller Selbstverständlichkeit. So war es, Alles zu teilen, auch die Hausarbeit. Jesus, Maria und ich. All die kleinen Dinge, die gemacht werden, weil sie gemacht werden sollen. Die Teetassen abzuspülen z.B. Weil man sie wieder befüllen will. Die Küche aufzuräumen und den Rest des Hauses. Es gab keine Diskussionen. Es geschah einfach. Jeder nach seinem Gutdünken, und wenn dieses Gutdünken eines ist, das sich aufs Miteinander richtet, dann funktioniert es auch. Genauso wie es nicht in Frage gestellt wurde sich zurückzuziehen, wenn man das wollte. Jesus, Maria oder ich. Hope und ihre Jungen zu versorgen, ihnen einen Namen zu geben.

„Du musst Acht geben, wenn Du einen Namen gibst“, meinte Maria, „Erwartungen sind damit verknüpft. Richtungen werden vorgegeben, die vielleicht gar nicht passen. Vereinnahmung für die eigenen Wünsche.“

Und so war es, dass Jesus den kleinen Buben Joy nannte, weil er die Schwestern beständig herausforderte zu spielen. Maria nannte das eine Mädchen Sunny, weil sie ihr wie ein Sonnenstrahl erschien, auch wegen den hellen Sprenkeln im ansonsten dunklen Fell und ich gab der zweiten Schwester den Namen Grace, weil sie die ruhigste war, aber in dieser Ruhe eine Sicherheit ausstrahlte, als wäre sie sich dessen bewusst, das Leben bereits von seiner dunklen und von seiner hellen Seite kennengelernt zu haben.

„Die dunkle und die helle Seite des Lebens“, widerholte Jesus, als wir auf der Couch saßen, wie so oft, nach getanem Tagewerk, nach einem Spaziergang, nach dem Essen, oder einfach nachher, während die Hunde ruhig schliefen, eng aneinander gekuschelt, sich gegenseitig signalisierend, dass sie da waren, „Wie die dunkle und die helle Seite der Liebe, Einheit und Vertrautheit, Zwiespalt und Unbekanntes. Beide Seiten gehören zueinander, wie der Tag zur Nacht, wie das Licht zum Schatten, wie das Leben zum Tod, wie der Anfang zum Ende, wie die Freude zum Schmerz, wie das Lachen zum Weinen, wie das Wachen zum Schlafen, wie die Tat zum Gedanken, wie das Reale zum Traum …“

„Wie Lilith zu Eva“, meinte Maria, mitten in den Satz der poetischen Zweigestirne hinein, was mir ein wenig leid tat, da ich wissen wollte wie viele von diesen Jesus noch aufgezählt hätte, sich diametral gegenüberstehend, und doch miteinander verbunden.

„Nein, Lilith und Eva sind kein Gegensatz“, widersprach Jesus sehr direkt, „Lilith ist der Widerspruch in sich. Eva ist nichts weiter als der farblose, zurechtgestutzte Abklatsch ihrer Vorgängerin, der Verbannten. Das was übrig bleibt, wenn man alles von Lilith entfernt, was speziell den Männern Angst macht.“

„Also ist der eigentliche Gegensatz, der sich ergänzt und heil und ganz macht, Mann und Frau“, nahm ich den Faden auf und spann ihn weiter, „In all ihren spezifischen Eigenheiten gehören sie zusammen.“

„Nein, ganz und gar nicht“, widersprach Jesus auch mir, „In jedem Menschen, egal ob Frau oder Mann, ja in jedem Lebewesen, sind die Gegensätze präsent, als das Ins-Leben-treten bei der Geburt und im Verlassen am Tag des Todes, in der wachen Aufmerksamkeit bei Tag und der stillen Ruhe bei Nacht, aber auch all die Möglichkeiten Schmerz oder Heilung zu sein. Die Gesamtheit liegt in jedem Einzelnen.“

„Und wozu ist dann ein Miteinander gut? Warum steht dann geschrieben, dass der Mann seine Frau sucht, um mit ihr zu sein?“, warf Maria ein, gerechtfertigt, wie ich meinte.

„Dabei geht es nicht um eine Notwendigkeit, die sich aus dem Leben ergibt, sondern um eine feste Ordnung, um Struktur“, erklärte Jesus amüsiert, „Wo ein Mann und eine Frau eine Familie gründen, da weiß man, und in dem Fall ist mit man die Obrigkeit, in welcher Form auch immer, gemeint, die weiß, wo die Menschen zusammen leben, dort ihre Kinder bekommen, dort ihren Besitz verwalten. Es bringt Ruhe und Ordnung in das Volk. Die Verantwortung macht verlässlich. Die Familie zu ernähren, den Besitz zu erhalten. Darum geht es. Wenn man aber diesem Menschen nun sagt, Du trägst alles Potential, zu allem in Dir, dann ist der nicht angewiesen auf diese eine Form des Miteinander. Dann ersinnt er andere Möglichkeiten.“

„Und Lilith wusste darum, Lilith lebte es und wollte es auch weitergeben“, fuhr ich sinnend fort, während ich an diese wunderschöne, starke Frau dachte, die als Dämonin in die Annalen einging. Da war eine erste Ahnung, warum das geschehen war, doch noch nicht genug.“

„Lilith, die dunkelhaarige und dunkeläugige Schönheit, die Verführerin, wie sie dargestellt wurde und wird, zeigt ihre Kraft immer noch, aber vor allem stellt sie eine Gefahr dar, denn wo sie auftaucht, und sei es nur in scheinbar harmlosen Geschichten, die von ihr erzählt werden, stellt sie in Frage, die Ordnung, die Strukturen, die Machtgefüge. Eigentlich war Lilith die erste Anarchistin, eine von einer alles umfassenden Liebe getriebenen Anarchistin“, erwiderte Jesus sanft, und aus seinen Worten war eine tiefe Verbundenheit mit dieser außergewöhnlichen Frau zu spüren, „Lilith war und ist die allumfassend Liebende, ja sie ist die Liebe, die sich einsetzt, mit aller Kraft, für das Leben. Wie ein Sturm und ein Hauch, wie ein Feuer und ein Flämmchen, ist sie dem Leben mit aller Kraft verbunden, denn das Leben entsteht aus der Liebe und die Liebe wird am Leben, wie zwei Rosenranken, die sich ineinander verweben, bis man nicht mehr unterscheiden kann, welcher der eine und welcher der andere ist. Wo man sie trennt, sterben beide. Die Liebe. Das Leben. Zurück bleibt die Mittelmäßigkeit, das Seichte, das Langweilige und die Gleichgültigkeit, gegenüber dem Leben ebenso, wie der Liebe. An ihre Stelle tritt die Institution und das Reglement. Deshalb ist Lilith gegangen. Sie hatte keinen Platz mehr und keine Berechtigung. Es war zu eng für das Allumfassende. Dabei wollte sie nichts als Adam zu zeigen, wie viel Farbe und Freude und Lust das Leben in sich trägt und zur Entfaltung gebracht werden kann. Sie war die Entfaltung, und ist es. So voller Tatendrang und Entdeckergeist, so voller Zugewandtheit und Lerneifer, forderte sie Adam heraus zu werden, immer mehr zu werden. Doch der fühlte sich bedroht und überfordert. Es war ihm alles Zuviel, was sie von ihm wollte, ja forderte. Um seinetwillen wollte und forderte sie. ‚Werde was Du bist‘, forderte sie ihn auf. Aber er zog sich in seiner Furcht zurück, blieb passiv und indifferent. Das machte Lilith wütend, wieder um seinetwillen, dass er so weit hinter sich und seinen Möglichkeiten zurückblieb. Doch die Wut war nur ein Vorhang, hinter dem sich der Schmerz und die Verzweiflung verbargen, die immer mit einer Liebe einhergehen, die sich ihrer selbst bewusst ist, aber dennoch nicht erkannt wird. Der Schmerz und die Verzweiflung über die Leblosigkeit, das vertane Leben. Denn sie sah auch was kommen würde. Wer sich dem Leben und der Liebe in ihrer allumfassenden Kraft nicht verbunden fühlt, wer sich nicht darauf einlässt, verliert die Verbundenheit, und wer die Verbundenheit mit dem Leben nicht mehr hat, der hat auch kein Problem damit dem Lebendigen um sich Leid zuzufügen, es zu misshandeln, zu vergewaltigen, auszubeuten und zu töten. Er fühlt den Schmerz nicht, weil es nicht seiner ist. Es geschieht nicht aus bösem Willen, sondern aus bloßem Unvermögen. Lilith ging, weil es ihr zu eng wurde, weil sie keinen Platz hatte. Vielleicht hatte sie zu schnell aufgegeben. Vielleicht hätte sie sich stellen sollen. Aber was sollten diese Versuche, wo sie sah, dass sie verloren hatte. Deshalb ging sie und wurde verdammt. Aus Angst, die Lebendigkeit könnte zurückkehren. Sie, die Unsterbliche, kehrt auch zurück, in all denen, die die Verbundenheit mit dem Leben, mit der Liebe zurückgewonnen haben. Gefährlich ist sie, weil sie hinterfragt und nicht einfach gelten lässt, was angeblich von sich aus Gültigkeit hat, das Für immer beschwörend, die Nichtigkeit verdeckend. Die mit dem Leben verwobene Liebe, das mit der Liebe verwobene Leben. Die Grundfesten erschütternd, der Behaglichkeit und Wohlanständigkeit und Mittelmäßigkeit.“

„Deshalb kam Eva“, fuhr nun Maria fort, „Eva, als Garantin der Sicherheit und der Verlässlichkeit im Althergebrachten. Und um ganz sicher zu stellen, dass sie sich in ihre unterlegene Rolle fügte, wurde ihr eine Sünde, ein Verstoß wieder die Gemeinschaft angedichtet, die sie nie wieder loswurde. Die Schuld, die sie von Anfang an bis zum heutigen Tag zu tragen hat, ist das, was sie bei der Stange hält. Sie begehrt zwar manchmal auf, aber letztlich bleibt es ein Sturm im Wasserglas. Es nimmt sie niemand ernst. Nicht einmal sie sich selbst. Erst wenn sie die Kraft der Lilith in sich entdeckt und die vermeintliche Schuld von sich weist, dann erst wird sie zur Gefahr und bekämpft. Doch weder das Leben noch die Liebe lassen sich niederringen, weil sie selbst das nochmals umfassen. Denn sie sind alles.“

„Und wo die Liebe und das Leben in jener Verbundenheit sind, da kann Weihnachten Sinn haben“, setzte ich hinzu. Und der Tag ging, so wie er gekommen war.

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