Es war ein anstrengender, langer Tag gewesen. Mitten unter der Woche. Nach der Arbeit und den entsprechenden häuslichen Verpflichtungen, fuhr ich zu einer Besprechung. Diese fand in einer Stadt, circa eine Autostunde entfernt von meinem Heimatort statt. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, weil mir diese Besprechungen immer wieder aufs Neue Mut und Motivation schenkten. Deshalb hatte ich meine innere Trägheit überwunden, um mein warmes, gemütliches Heim zu verlassen. Ich wurde nicht enttäuscht. Zwei Stunden später und eine informative, motivierende und aufmunternde Besprechung später saß ich wieder im Auto, um denselben Weg nochmals zu bewältigen. Diesmal in die Gegenrichtung.
Ich hatte mich durch den abebbenden städtischen Verkehr geschlängelt und fuhr nun auf der Autobahn. Wenige Autos waren unterwegs. Kein Wunder, schließlich war es schon neun Uhr abends. Ich lehnte mich entspannt zurück und ging den Abend gedanklich nochmals durch. Ich konnte tatsächlich viel mitnehmen, auch Gedanken, die der Umsetzung in Worte oder Taten harrten. Dann merkte ich, dass ich Hunger bekam. Bald schon würde ich zu Hause sein, eine Kleinigkeit essen und mich dann mit einem Buch auf die Couch kuscheln. Da forderte plötzlich etwas meine Aufmerksamkeit. Eigentlich war es nur ein LKW. Er war nicht der einzige, der um diese Zeit noch unterwegs war. Dennoch schien er anders zu sein, als die anderen. Deshalb drosselte ich die Geschwindigkeit und wechselte auf die erste Spur, um direkt hinter diesem zu fahren. Da wurde mein Verdacht bestätigt, durch eine Aufschrift auf den Ladetoren: „Attention! Living Animals!“. Es handelte sich um einen Tiertransporter, so wie ich es vermutet hatte. Am sehr späten Abend fuhr er in die Nacht hinein. Ich beruhigte mich zunächst selbst, indem ich mir sagte, nur weil es sich um einen Tiertransporter handelte, hieß das noch lange nicht, dass sich in ihm auch Tiere befanden. Oft genug hatte ich solche Wägen schon leer herumfahren gesehen. Doch jetzt wollte ich es wissen. Deshalb beschleunigte ich ein wenig, wechselte auf die zweite Spur, um das Gefährt von der Seite zu sehen. Das erste Indiz, dass er lebende, leidende, fühlende Fracht geladen hatte, bestand darin, dass die Lüftungsklappen offen standen, denn normalerweise sind diese geschlossen, wenn der Wagen leer fährt.
Es war finster und man musste sehr genau hinsehen, aber es war eindeutig, der LKW hatte Kälber geladen, kleine, verängstigte Babies, die, kaum auf der Welt, der Mutter entrissen worden waren, um weit weg gebracht zu werden. Wahrscheinlich über eine lange Strecke zu einem Hafen, um dort auf ein Schiff geladen in den Nahen Osten zu kommen. Vielleicht endete die Reise auch in Italien. Wo sie aufgezogen werden. Während ich kurze Zeit später in mein zu Hause kommen würde, in dem ich allen Komfort habe. Es wird warm sein, während diese Babies auf einem zugigen LKW frieren müssen. Sie werden tatsächlich bei jeder Temperatur verbracht. Selbst wenn es so kalt ist, dass sie bei der Fahrt erfrieren. Kollateralschäden. Nicht so schlimm. Ich habe es warm. Ich kann mich auch vor der Sonne schützen, wenn es im Sommer heiß ist, doch sie werden selbst bei der größten Hitze transportiert. Dann sterben auch manche an Überhitzung. Und während sie entweder vor Hitze oder vor Kälte eingehen, ungesehen, ungehört, habe ich es zu Hause gemütlich, kann nach Bedarf heizen oder kühlen. Nicht nur ich, die meisten Menschen können das. Wenn ich Hunger habe, nehme ich mir etwas aus meinen Vorräten oder gehe essen oder lasse mir was liefern. Diese Babies sind oft genug noch nicht einmal abgestillt. In den LKWs gibt es zwar Wasserspender, aber die Babies können sie nicht benutzen. Sie hungern und leiden Durst. Manche verhungern. Andere verdursten. Das alles direkt vor unseren Augen. Dennoch ist es noch immer erlaubt. Ab und an wird ein solcher Transport aufgedeckt. Dann rauscht das Entsetzen durch die Menge. Am Tag danach ist es schon wieder vergessen. Und die Transporte gehen weiter wie bisher. Wofür? Für Profit. Ist das alles? Nein, noch mehr Profit. Die Ausbeutung unserer Mitgeschöpfe, die Verdinglichung und Ignoranz gegenüber ihrem Leid geht weiter, so lange es Menschen gibt, die davon profitieren. Erst wenn wir uns zu einer Gesellschaft finden, die dem Profit abgeschworen hat, wird das Leiden ein Ende haben.
Was hält uns ab, das zu tun? Was hält uns ab, unsere Gesellschaft so zu transformieren, dass nicht mehr 90% aller Lebewesen darunter leiden, während höchstens 10% davon profitieren, sondern alle gleichermaßen von Unterdrückung, Leid und Ausbeutung befreit werden? Was hält uns davon ab, menschlich zu sein?


Kommentar verfassen