Emma war ihr Name. Ich hatte sie nach meiner Großmutter benannt, die ich sehr liebte und die sich immer um unsere Hühner gekümmert hat, so lange sie lebte. Nach ihrem Tod übernahm Tante Agathe, mit der wir, also meine Mutter, die die Schwester der Tante ist, mein Vater, meine Schwester und ich, auf dem Hof zusammenleben. Die Tierwirtschaft, so wurde mir erzählt, hatten wir schon lange aufgegeben. Bloß ein paar Hühner waren geblieben. „Weißt Du, Tommi, die dürfen so lange leben, wie sie können“, hatte mir meine Mutter einmal erklärt, „Dafür nehmen wir ihre Eier, so lange sie welche legen.“ Damit war ich zufrieden, denn ich glaubte ihr. Vielleicht hatte sie es tatsächlich nicht besser gewusst. Ich war damals zehn Jahre alt und hatte keinen Bezug zu diesen gefiederten Tieren, die eben auch da waren. Doch dann sollte sich alles ändern. Schuld war besagte Emma.
Eines Tages lief ich wieder von der Schule nach Hause, als ich die Henne am Weg, der zu unseren Nachbarn führte, liegen sah. Ich wusste, sie hatten eine große Hühnermast, doch man sah sie nie heraussen, also die Hühner. Die Menschen schon. „Das ist Bodenhaltung“, wurde mir erklärt, „Da geht es ihnen eh gut, auch wenn sie nicht rauskönnen.“ Doch als ich dieses Huhn da liegen sah, fing ich an daran zu zweifeln, an dem gut gehen, denn es hatte kaum noch Federn und konnte fast nicht aufstehen. Ich nahm es mit nach Hause und mit der Zeit erholte sie sich. Ihre Federn wuchsen nach und es war Zeit ihr einen Namen zu geben, eben Emma. Jedes Mal, wenn ich nach der Schule nach Hause kam, lief ich zuerst zu den Hühnern und meine kleine Emma lief mir entgegen, sobald sie merkte, dass ich da war. Mittlerweile war sie anhänglich wie ein kleiner Hund. Wohl waren da noch mehr von ihnen, aber ich interessierte mich nur für Emma. Was mir allerdings schon auffiel war, dass die anderen zuerst immer vor mir davongelaufen waren. Mit der Zeit hatten auch sie sich an mein Kommen gewöhnt und sie blieben. Ich beachtete sie nicht und sie mich nicht. Wir ließen uns gegenseitig in Ruhe. Am schönsten war es, wenn Emma sich auf meinen Schoß setzte und streicheln ließ. „Wie schlimm muss es da drüben zugehen“, dachte ich, aber ich sagte nichts, denn das war mir verboten worden. „Dafür sind Hühner schließlich da, dass wir sie essen“, herrschte mich meine Tante Agathe an. Es war mir zu dem Zeitpunkt noch egal, so lange es nicht meine Emma beträfe.
Eines Tages kam ich später als gewohnt von der Schule nach Hause. Der Gang zu Emma musste noch ein wenig warten, denn ich hatte großen Hunger. Das Essen stand schon auf dem Tisch. Es war Hühnchen. Mit großem Appetit aß ich von dem Fleisch und zappelte herum, bis mir endlich gestattet wurde, den Esstisch zu verlassen. In Windeseile lief ich zu dem umzäunten Bereich, der den Hühnern vorbehalten war, trat ein und rief nach Emma. Doch so sehr ich auch rief, sie kam nicht. „Da brauchst gar nicht mehr schreien, die hast heute gegessen“, tönte die Stimme meiner Tante plötzlich hinter mir, als sie vorbeiging. Ich fühlte mich wie erschlagen, als ich endlich begriff, was sie da von sich gegeben hatte. Alle hätte sie mir vorsetzen können, nur Emma nicht. Ich ließ mich auf den Boden plumpsen, da wo ich gerade stand und die Tränen rannen mir über die Wangen. „Das hätte sie nicht tun dürfen“, dachte ich, als ich plötzlich merkte, wie sich die anderen Hühner näherten. Eine von ihnen wagte es sogar auf meinen Schoß zu springen. Da endlich wurde mir bewusst, was ich bisher verdrängt hatte. Diese Henne war zwar nicht Emma, aber sie hatte genauso ein Recht zu leben, wie sie. Nur, weil mir diese eine Henne vertraut gewesen war, hatte ich sie leben sehen wollen. Aber letztlich war es egal, ob sie mir vertraut war oder nicht. Jede einzelne von ihnen lebte, schloss Freundschaften und hing an ihrem Leben. Niemand hatte es sich verdient, getötet zu werden, nur weil ich Hunger habe. Schließlich wuchs alles, was satt macht auf unserem Hof. Und es war der Tag, an dem ich aufhörte Fleisch zu essen. Ich war Emma so dankbar, denn sie hatte mir die Augen geöffnet. Und ich wünschte mir nur mehr, dass auch alle anderen Menschen begreifen, was ich begriffen habe.


Wer auch immer dies liest und es immer noch nicht kapiert, das alle diese „Nutztiere“ ihr eigenes Leben UND das Recht zu leben haben, der sollte sich mal selber in die Rolle von Emma oder irgendeines anderen Tieres versetzen und sich vorstellen, als „Nutztier“ behandelt, gequält und gegessen zu werden.
Genau das ist meine Hoffnung, dass es Menschen gibt, die versuchen, sich an deren Stelle zu versetzen oder auf einen Lebenshof fahren, sie kennenzulernen, die, die wir einsperren, lebenslänglich. Daran ändert auch die angeblich „gute“ Haltung nichts, denn am Ende des Tages bleibt die Haltung, also jemanden gegen seinen Willen zu halten und mit diesem zu verfahren, wie mir beliebt.