Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
„Dass die Kinder sich das gemerkt haben …“, meinte Franziska, die von allen nur Fanny genannt wurde.
„Als wenn Du ihnen das nicht oft genug erzählt hättest. Das konnten sie sich nicht nicht merken“, erklärte ihr Mann Alexander gutmütig und ein wenig amüsiert.
„Dennoch, Du musst doch zugeben, das war eine so schöne Idee von ihnen“, blieb Fanny beharrlich.
„Ja, das stimmt“, gab er seiner Frau recht, der Frau, mit der er nun seit 50 Jahren verheiratet war. Und was für ein schöneres Geschenk hätte es geben können, als Karten für das Stück in dem Theater, in dem sie sich kennengelernt hatten.
„Hanneles Himmelfahrt von Gerhard Hauptmann, das spielt es gerade in der Burg“, hatte vor einigen Wochen Harald seiner Schwester Gabriele erzählt bei einem Telefonat.
„Das haben sie damals gesehen. Ist das nicht romantisch?“, hatte die Schwester geantwortet, die viel für Romantik übrig hatte, aber wenig für Gerhard Hauptmann, aber das machte nichts, denn das Geschenk war schließlich nicht für sie, „Ich werde die Karten besorgen und Du bringst sie hin. Schön wäre ein Abschluss im Café Landtmann, das haben sie sich nie gegönnt. Was meinst Du?“
„Ausgezeichnet, das machen wir. Ich mache den Chauffeur und kümmerst Dich um den Rest“, fasste er ihr Vorhaben zusammen.
„Sollten wir vielleicht Luise auch fragen, ob sie mitmachen möchte?“, fragte Gabriele, beinahe ein wenig verschämt.
„Die Tussi? Mit ihrem feinen Pinkel als Mann, die sich für ihre eigene Familie geniert?“, wollte Harald wissen. Aus seiner Stimme sprach Erbitterung. Ja, ihre Eltern waren einfach Arbeiter, aber es hatte den Kinder niemals an etwas Grundlegendem gemangelt. Schließlich hätten sie auch ihnen die Schuld dafür geben können, dass sie keine weitere Ausbildung ergreifen hatten können. Auch wenn es natürlich ungerecht wäre. Schließlich kann das Kind nichts für die Schwangerschaft der Mutter, aber wie viele Menschen sind schon rational. Damals waren sie jung und naiv gewesen, die Eltern, mit einer Vorliebe fürs Theater. „Stehplatzkarten hatten wir ergattert“, hatten sie immer wieder erzählt, „Das war gar nicht so einfach. Stundenlang standen wir bei der Kassa. So kamen wir ins Gespräch. Und als wir endlich an der Reihe waren, da gab es nur mehr eine Karte. Wir haben so lange diskutiert, wer die eine nun bekommen sollte, bis eine Frau meinte, sie gäbe uns ihre dazu, denn ein liebendes Paar solle man nicht trennen. Sie hatte offenbar etwas gewusst, was uns selbst noch nicht klar war, aber spätestens nach dem Abend waren wir uns sicher, dass wir zusammengehörten. Hanneles Himmelfahrt von Gerhard Hauptmann war und blieb unser liebstes Stück. Kurz darauf wurden wir schwanger und für uns war es keine Frage, dass wir das gemeinsam auf uns nahmen.“ So war das gewesen und ihre Liebe hatte beengte Verhältnisse, drei Kinder und lange Arbeitszeiten überstanden.
„Ich bin so froh, dass sie einander haben“, riss Gabriele ihren Bruder aus seinen Gedanken.
„Ja, das stimmt“, gab ihr ihr Bruder recht, „Aber ich weiß, dass es ihnen sehr weh tut, dass Luise nicht mehr mit ihnen redet.“
„Es ist auch schlimm“, meinte Gabriele nachdenklich, „Lernt diesen Millionär kennen, schafft es, dass er sie heiratet und jetzt verleugnet sie ihre Herkunft, ihre Familie. Es ist schon merkwürdig, dass sie so ganz anders ist, als wir.“
„So ist das eben bei Menschen“, meinte Harald. Einige Tage später kamen die Geschwister zu den Eltern, um ihnen zum Hochzeitstag zu gratulieren und das Geschenk zu überreichen. Sprachlos vor freudiger Überraschung umarmte Fanny ihre Kinder.
„Das ist wirklich das schönste Geschenk, das ihr uns machen konntet“, sprach Alexander aus, was seine Frau dachte. Bereits am darauffolgenden Samstag brachte Harald die Eltern zum Burgtheater. Er war überzeugt davon, dass es ein unvergesslicher Abend für die beiden alten Leute werden würde. Zusätzlich zu den Karten hatten die Geschwister einen Gutschein erworben, der auf zwei Gläser Sekt lautete. „Um in der Pause auf Euren Hochzeitstag anzustoßen“, hatte ihnen Gabriele erklärt. Alexander nahm seine Frau an der Hand und führte sie die Stufen hinauf. Galant öffnete er Fanny die Türe. Es war so lange her, dass sie das Theater zum letzten Mal betreten hatten, als wäre es ein anderes Leben gewesen. Und ein wenig war es das wohl auch. Lächelnd und händchenhaltend wie zwei Jungverliebte gingen sie zur Garderobe, um ihre Mäntel abzugeben. Sorgfältig legten sie dieselben auf den Tresen, als sie ein abschätziger Blick traf, also zuerst die Mäntel, dann das Ehepaar.
„Heutzutage muss man schon alles nehmen“, erklärte die Frau hinter dem Pult, als sie die Kleidungsstücke mit spitzen Fingern nahm. Alexander nahm den Kupon und steckte ihn in die abgewetzte Brieftasche. Wortlos wandten sie sich ab, um sich zu ihren Plätzen zu begeben.
Du möchtest wissen, wie es weitergeht? Dann kannst Du hier den zweiten Teil lesen.
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