Das junge Mädchen, das eine kleine Wohnung im Gemeindebau bewohnte, war glücklich. Nicht nur, weil das Kleid, das sie trug, das schönste war, das sie je genäht hatte, in Schnitt und Farbe optimal und ein wahres Meisterwerk ihrer Handwerkskunst, sondern weil sie es nun tatsächlich geschafft hatte, auf eigenen Beinen zu stehen. Auf beengten Raum mit vier großen Brüdern aufgewachsen, einer Mutter, die ihren Kummer regelmäßig im Alkohol zu ertränken suchte und einem Vater, dessen Umgangston mit seiner Familie der der Faust, manchmal auch des Gürtels war, hatte sie sich eines zu Herzen genommen. „Mädel, lern etwas, damit Du nicht so endest wie ich“, hatte ihr ihre Mutter als guten Rat mit auf den Weg gegeben. Das Mädchen war gerade zehn, als ihre einzige Vertraute starb. Danach musste sie alles in der Familie übernehmen, was einer Frau zuzumuten war. Sie war für die Wäsche, das Putzen und das Kochen zuständig. Dennoch schaffte sie es, die Schule zu beenden und eine Lehre als Damenschneiderin zu machen.
„So ein Schwachsinn“, meinte ihr Vater immer wieder, „Wozu lernst Du was? Du heiratest und dann ist alles umsonst.“ Ihre Brüder nickten zustimmend. Aber sie ließ sich dennoch nicht beirren. „So lange sie ihren Pflichten nachkommt“, meinte ihr ältester Bruder immer wieder, „Soll sie halt ihren Sturschädel durchsetzen.“ Trotz der Belastungen, die manch erwachsener Frau zu viel geworden wäre, schloss sie die Lehre mit so gutem Erfolg ab, dass sie sofort eine Stelle bei einer Schneiderin bekam. Das ermöglichte ihr auch, aus der Familienwohnung auszuziehen. Fünf Männer standen von einem auf den anderen Tag vor vollendeten Tatsachen und verstanden die Welt nicht mehr. Wo sie sich doch immer so gut um ihre kleine Schwester bzw. die Tochter gekümmert hatten, merkten sie kopfschüttelnd an und was sie doch nicht für ein schönes Leben bei ihnen gehabt hatte, mussten sie immer wieder betonen. Das junge Mädchen sah sie an und erkannte, sie meinten es ernst, waren davon überzeugt, dass sie ihr, der Jüngsten, ein Leben wie einer Prinzessin bereitet hatten, obwohl sie doch nur eine Dienstmagd war. Und bereits ein Jahr später bot ihr ihre Chefin an, die Schneiderei zu übernehmen. Sie würde sie weiter unterstützen, so gut es ginge, aber sie wäre schwer krank und müsse sich schonen. Es wäre wie ein Wink des Schicksals gewesen, dass das Mädchen zu ihr gefunden hätte, denn ohne dieses würde sie die Schneiderei schließen müssen. „Ich habe mein Leben lang hier gearbeitet und ich war immer glücklich damit“, erklärte ihre Chefin, „Es würde mir das Herz brechen, wenn ich sie schließen müsste. Ich sehe, dass Du meine Kundinnen genauso gut betreuen wirst, wie ich es tat, wenn nicht sogar besser, mit all Deinen Ideen.“ Und so kam es, dass das junge Mädchen einen eigenen kleinen Betrieb hatte, bevor sie ihren 20 Geburtstag feierte. Wenn das kein Grund war, einfach einmal das Leben zu genießen, hinauszugehen und sich ein paar freie, sorglose Stunden zu gönnen. Das hatte sie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gemacht. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, so hatte sie das noch nie gemacht. Desto aufgeregter war sie und erfüllt von Vorfreude.
Kurze Zeit später stieg sie aus dem Zug, überquerte den Platz vor dem Bahnhof und beschloss, das Kaffeehaus zu besuchen, das bereits von unserem Ethnologen und dem reichen Schnösel besucht wurde. Der Wissenschaftler erkannte bei ihrem Herannahen und der Reaktion des reichen Schnösels darauf, dass sich nun etwas Interessantes entwickeln könnte. Das junge Mädchen suchte sich einen Platz. Sie war wirklich eine ausnehmend angenehme Erscheinung. Nachdem sie Kaffee und Kuchen bestellt hatte, stand der reiche Schnösel auf und trat an ihren Tisch. „Hallo, schöne Frau“, sagte er, mit dem einschmeichelndsten Tonfall, den er zu generieren vermochte, „Darf ich mich zu Dir setzen?“ „Warum das? Du hast doch einen Tisch“, fragte das Mädchen verdutzt. „Ganz einfach“, erwiderte er, „Ich bin ein gut aussehender Mann, Du bist ein Schnuckelchen, das würde doch gut passen. Keine Sorge, ich zahle auch für alles.“ Daraufhin musterte das Mädchen den Mann im teuren Anzug, was ihr fachkundiges Auge sofort erkannte, nochmals eingehend, um dann zu antworten. „Du magst reich sein, Du magst gebildet sein und scheinst deshalb der Meinung zu sein, dass Du alles kaufen kannst, aber es tut mir leid, ich gehöre nicht dazu.“ Der Ethnologe, der dies alles genau beobachtet hatte, war amüsiert. Der reiche Schnösel nicht. Sein Gesicht färbte sich dunkelrot, wohl vor Wut und seine Hände fassten die Lehne des vor ihm stehenden Stuhles so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. So etwas war ihm noch nie passiert. Deshalb brauchte er einige Momente, um sich darüber im Klaren zu werden, wie er auf diese Unverfrorenheit reagieren sollte.
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