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Life is too short for boring stories

Immer wieder kam ich darauf zurück. Letztlich schien sich alles nur von dem Einen auszugehen, sich darum zu ranken und wieder darin einzufinden, das Leben und die Liebe, die Liebe und das Leben, die sich so eng miteinander verbinden wie zwei Rosensträucher ihre Triebe, so dass nicht mehr unterscheidbar ist welcher Trieb zu welchem Strauch gehört. Bewahrt im Zustand der ursprünglichen Unschuld. Nichts drückte dies für mich deutlicher aus als unsere kleine Hundefamilie, das Miteinander von Mutter und Kindern, wie sie sich annahmen und entwickelten. Sie kannten weder Misstrauen noch Verstellung. Sie waren einfach. So wie das Sein sich im Seienden fraglos entfaltet und nichts will als zu sein. Lebendig und liebend. Liebend und Lebendig. Ich durfte zusehen, wie sie sich spielerisch zankten und kuschelten, wie sie sich zum Spielen anstachelten und liebevoll stupsten. So sollte es sein. Einfach so.

„Sie haben kein Interesse sich die Welt anzueignen“, sagte ich, und es war ein Stück weit das Ergebnis dieser Beobachtungen, „Wollen nicht die Welt beherrschen oder sich irgendjemand oder irgendetwas unterwerfen. Alles was sie wollen ist, ein Platz zum Leben, wo sie ihren Lebensentwurf ausgestalten können. Nichts weiter. Nur der Mensch möchte das und unterstellt es automatisch allen Lebewesen. Er braucht für alles eine Besitzurkunde. Oder zumindest eine Fahne, deren Stange er, an der sie befestigt ist, irgendwo in den Boden rammen kann und sagen, ‚Alles meins’.“

„Und was ist mit den Tieren, die ihre Territorien abstecken?“, warf Maria ein.

„Dann ist das temporär“, entgegnete ich, „Die Eigner wechseln.“

„Um das zu erklären brauchte man die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies“, warf nun Jesus ein, „Eine Erklärung warum der Mensch nicht im Paradies blieb, was naheliegend gewesen wäre, weil er dort doch alles hatte, was er zum Leben brauchte. So wie die Frage beantwortet wurde, schaffte man es gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Der Mensch hatte gesündigt. Dadurch hatte er es erreicht, seinen Platz im Paradies verwirkt zu haben. Die Ursprungssünde oder Erbsünde, wie man sie nannte, weil sie nicht nur beim ersten Paar verblieb, sondern von Generation zu Generation weitergegeben wurde, machte plausibel warum der Mensch dann auszog, sich den Planeten zu unterwerfen. Er ging hinaus und eignete sich das Land an. Von Anfang an, so wie uns suggeriert wird. Von Anfang an war der Mensch Eroberer und Unterdrücker.“

„Dabei gab es zu Anfang der Menschheit, also zu dem Zeitpunkt, da sich die Erde mit dem Virus ‚Homo Sapiens’ infizierte, so wenige Exemplare, dass sie sich kaum je begegneten, geschweige denn einander Land streitig machten. Deshalb musste sich das Virus ausbreiten, sich vermehren. Wie es wohl auch jedes andere Virus in seinem Lebensentwurf verankert hat. Es kamen immer mehr und mehr von ihnen. Doch von Aneignung war noch lange keine Rede. Es war auch nicht notwendig, da der Mensch in seinen Anfängen umherzog. Deshalb brauchte er gar keinen fixen Platz, den er sich aneignen und gegen andere verteidigen musste. Erst später. Da ließ er sich nieder, baute Zäune und sagte, das ist nun meins. Das Land und die domestizierten Tiere, die darauf lebten und wohl auch die Menschen. Alles meins.“, rekapitulierte ich kurz und bündig die Ursprünge, die zu den bestehenden Zuständen führten, „Das Land, das allen gehörte und damit niemandem, bekam plötzlich einen Besitzer. Woher nahm und nimmt der Mensch das Recht etwas als Besitz zu deklarieren, was allen Geschöpfen gehörte und gehört? Allen und niemandem. Mit der ihm eigenen Präpotenz und Arroganz machte er sich etwas zu eigen, was niemandes Eigentum sein konnte. Jeder, der sich Land aneignet, muss es zwangsläufig stehlen, da es keine ursprüngliche Besitzurkunde gibt, auf die man sich berufen könnte. Am Anfang war der Diebstahl und der Betrug, der Diebstahl am allgemeinen Eigentum und der Betrug an allen anderen, die genau dasselbe Recht darauf hatten.“

„Es gab noch einen entscheidenden Umbruch mit der Seßhaftwerdung“, warf Maria ein, „Der Wechsel von der matrilinearen Gesellschaft zum Patriarchat. Es bedurfte keiner Herrschaft, keines Oben und Unten, zuvor, doch jetzt, wo Eigentum gegenüber anderen, wohl auch noch nomadisierenden Gruppen, da nicht alle Menschen gleichzeitig an einem Montagmorgen um acht Uhr sesshaft wurden, sondern es sich um einen langandauernden Prozess handelte, musste es jemanden geben, der Befehle erteilte. Bei einem Überfall galt es rasch zu handeln. Das konnte man nicht überlegen oder ausdiskutieren. Deshalb wurde jemand dazu bestimmt, diese Aufgabe zu übernehmen. Es wäre nun durchaus möglich gewesen zu sagen, diese Befehlsgewalt bekommt jemand, der aufgrund seiner Fähigkeiten dazu geeignet ist. Aber nicht immer, sondern nur zu Zeiten, wo es notwendig ist, wie bei einem Überfall. Ansonsten sollte die Egalität bleiben. Vielleicht war das auch so. Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher. Aber irgendwann fragte sich dieser Führer wohl, warum es sich damit begnügen sollte. Möglicherweise gefiel es ihm, dass er den anderen anschaffen konnte und sie mussten tun, was er sagte. Deshalb wollte er es immer tun und konnte auch andere überzeugen. Vielleicht gefiel den Männern auch nicht, dass die Frauen, die doch nur zu Hause saßen, so viel Einfluss hatten. Sie hatten erlebt wie sich ihr Führer im Gefahrenfall bewährt hatte, so dass es naheliegend war, ihn für immer einzusetzen. Zunächst über die gesamte Gemeinschaft. Dann wurde das auch auf die Untereinheiten übernommen. Der Hausherr kam ins Spiel. Mein Haus, mein Land, meine Tiere, meine Familie, alles meins. Und dann wurden es immer mehr und mehr. Nachdem aber der Platz nicht beliebig vermehrbar ist, rückten die Menschen näher aneinander heran. Überall Zäune, und auch wenn der Platz eng wurde und die Ressourcen knapper, vermehrten sie sich weiter. Doch statt darüber nachzudenken sich vielleicht nicht so ungehemmt zu vermehren, was wohl zu dieser Zeit nicht so leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre oder Ressourcen zu sparen, vielleicht auch mit anderen auszutauschen, was sich dann Handel nannte, und durchaus auch gemacht wurde und wird, fasste man eine andere Möglichkeit ins Auge. Das, was der Nachbar hatte, das gefiel einem. Man wollte es haben. Der Nachbar jedoch gab es natürlich nicht freiwillig her, weil er es schließlich selbst behalten wollte. Deshalb sollte es ihm weggenommen werden. Damit wurde der Krieg geboren. Dem Verlierer wurde sein Eigentum entwendet. Aber man beließ es nicht dabei, denn man musste immer damit rechnen, dass sich der ehemalige Eigentümer dieses zurückholen wollte. Deshalb wurde er ermordet, mit all seinen Angehörigen und Mitgliedern der Gruppe, oder sie wurden unterworfen. Man eignete sich die Menschen, deren Arbeitskraft man ausbeutete, genauso an wie das Land. Auch für Menschen gab es Besitzurkunden. Wie für die domestizierten Tiere.“

„Domestizierte Tiere und Menschen auf einer Stufe“, überlegte ich laut, „Sklaven, über die Speziesgrenzen hinweg. Aber mit den domestizierten Tieren und den menschlichen Sklaven war es wie mit dem Land. Man konnte sie sich nicht aneignen, ohne ihnen ihre ursprüngliche, dem Leben verbundene Freiheit, zu rauben. Auch hier standen am Anfang Diebstahl und Betrug. Diebstahl der Freiheit und Betrug an der Durchsetzung des jedem zustehenden Lebensentwurfes. Es scherte niemanden. Absolutismus. Feudalherrschaft. Diktatur. Macht. Alles meins. Da war dann plötzlich einer, der über alles und jeden schalten und walten konnte, wie er gerade lustig war.“

„Imperialismus wurde das irgendwann betitelt“, ergänzte Jesus, „Offen ausgetragen, weil es eben so war und weil niemand etwas dabei fand, dass man Schwarze und Rote und Gelbe, die man kurzerhand als minderwertig klassifizierte, unterwarf und ihnen alles wegnahm. Von Herrenrasse und Überlegenheit war die Rede. Bis heute versucht man das zu begründen. Und immer wieder finden sich genügend Menschen, die diesen obskuren Begründungen Glauben schenken. Aber der offene Imperialismus ist verschwunden. An seine Stelle ist der des sog. freien Handels getreten. Jeder hat angeblich die gleichen Möglichkeiten und Chancen, wobei gerne unter den Teppich gekehrt wird, dass in irgendeiner Weise überlegene Nationen diese ausnützen um die anderen auszubeuten und klein zu halten. So wird der Imperialismus hurtig und lustig fortgeführt, nur unter einem anderen Fähnchen. Z.B. dem der Entwicklungshilfe. Die, die davon profitieren, haben keinen Grund sich zu beschweren, und die, die darunter leiden, haben keine Möglichkeit sich Gehör zu verschaffen.“

 

Und so war die Realität, der Welt dort draußen, die an der Zerstörung arbeitete, und die hier herinnen, die von Entfaltung und Freude getragen war. Das erste rückte jegliche Möglichkeit einen Sinn in Weihnachten zu erkennen in unendlich weite Ferne. Das zweite gab mir Hoffnung, ein wenig.

Ein Gedanke zu “Auf der Suche nach dem Sinn von Weihnachten (12): Alles meins

  1. Bastian Rosenzweig sagt:

    „Am Anfang war der Diebstahl und der Betrug, der Diebstahl am allgemeinen Eigentum und der Betrug an allen anderen, die genau dasselbe Recht darauf hatten.“
    Stark.

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