Liberale Gesellschaft? (2)

Liberale Gesellschaft - Daniela Noitz | vegane österreichische Autorin

Es waren gute Plätze, wie sich herausstellte.
„Ganz anders als am Stehplatz damals“, flüsterte Alexander Franziska zu.
„Aber ich war so froh damals, dass ich zumindest das machen konnte. Eine reguläre Karte hätte ich mir nie leisten können“, entgegnete seine Frau.
„Und vor allem bin ich glücklich, weil ich Dich kennenlernte“, sagte Alexander und gab seiner Frau einen sanften Kuss auf den Mund.
„Wenn das nicht grauslich ist, die alten Säcke“, hörten sie eine laute Stimme hinter ihnen. Verdattert sahen sie sich um. Da stand ein junger Mann, der so teuer wie schlampig gekleidet war.
„Was ist, schauts nicht wie die Uhus, geht’s weiter, Euch will niemand knutschen sehen“, forderte er, mit dem geballten Selbstbewusstsein eines Menschen, der es gewohnt war, reich zu sein.

„Lassen wir ihn“, meinte Franziska nur, aber Alexander wusste, dass es ihr alles andere als egal war, denn sie umklammerte seine Hand noch fester. Doch er wusste, hier konnte man nur hocherhobenen Hauptes aus der Situation gehen. Allzu oft hatten sie dies getan, tun müssen.
„Hey, die ignorieren mich, diese Prolos“, schrie der junge Mann ihnen hinterher, aber auch davon ließen sie sich nicht beirren.

Franziska und Alexander konzentrierten sich auf das, was kommen würde, bemüht diese unschönen Erlebnisse hinter sich zu lassen, um das Stück zu genießen. Doch bereits nach wenigen Minuten war den beiden klar, das war nicht mehr Gerhard Hauptmann, also nicht der Text, der ihnen geläufig war. Darüber hinaus war das unternommen worden, was heutzutage zum guten Ton zu gehören schien, nämlich das Stück in die Moderne zu transformieren, was gründlich schief ging. So sehr hatten sie sich auf diesen Abend gefreut und dann wurde ihr Lieblingsstück so entstellt.
„Ich würde gerne gehen“, meinte Alexander, der zutiefst enttäuscht war.
„Aber das sollten wir den Kindern sagen, die sich so viel Mühe gegeben haben?“, fragte Franziska.
„Die Wahrheit“, entgegnete Alexander lapidar.
„Lass uns zumindest noch bis zur Pause bleiben und mit dem Sekt anstoßen, den wir bekommen. Dann können wir immer noch überlegen, was wir tun“, erklärte Franziska. Und so blieben sie, standen den ersten Teil der seltsamen Aufführung durch. Dann begaben sie sich zum Büffet, um sich den Sekt zu holen. Alexander überreichte der Dame an der Bar den Gutschein. Diese sah ihn kurz an, um dann zwei Gläser Sekt zu nehmen und sie Alexander zu reichen.
„Herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln, das Alexander für vieles entschädigte.
„Holla, auch noch Sekt schnorren“, vernahm das Paar in dem Moment eine bereits vertraute Stimme, „Die sollten nicht Hochzeitstag feiern, sondern schon längst im Krematorium sein.“ Es war der junge Mann, der sie schon einmal beleidigt hatte. Dabei schlug er so auf Alexanders Hand, dass ihm das Glas entglitt und sich der Inhalt über sein Sakko ergoss. Traurig sah er an sich hinab.
„Tja, das kommt davon, wenn man in Deinem Alter noch rausgeht. Bleib zu Hause, Opa“, meinte er. Alexander überlegte gerade, wie er angemessen reagieren konnte, da schoss die Dame, die ihnen den Sekt gereicht hatte, herbei und gab dem reichen Schnösel eine schallende Ohrfeige.
„Ich denke, es wäre angebracht, diese Menschen mit Respekt zu behandeln. Brave, fleißige Menschen, die einfach nur einen schönen Abend verbringen wollen, doch dann kommt so ein Widerling wie Du und macht ihnen alles kaputt“, erklärte sie, „Und warum? Weil Du alles hast, aber nichts im Hirn und kein Herz.“
„Das wird Dich Deinen Job kosten, Du kleine Schlampe“, zischte der Bursche zwischen den Zähnen hervor, der sich immer noch die schmerzende Wange hielt, „Mein Vater ist der Direktor. Ein Wort von mir und Du stehst auf der Straße.“

„Oh bitte, das wollte ich nicht, dass Sie Ihre Arbeit verlieren“, meinte Franziska, die nicht glauben konnte, dass sich eine fremde Person so für sie einsetzte.
„Oma, das wird nichts mehr nützen“, erklärte der eigentliche Übeltäter, „So eine wie die, die nicht weiß, wo ihr Platz ist, können wir nicht brauchen. Und ich kann Dir gleich sagen, Du bekommst auch nirgendwo anders mehr eine Stelle, Du kleines, mieses Flittchen.“ Grinsend stand er da und fühlte sich wie der König, doch was dann kam, das führte dazu, dass ihm die Überheblichkeit ein wenig ausgetrieben wurde, zumindest für den Moment.

Du möchtest wissen, wie es weitergeht? Dann kannst Du hier den dritten Teil hier lesen.

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