Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Frau Maria von Hogendorf, ihres Zeichens stolze Ehefrau des Notars des kleinen Städtchens, in dem sie wohnten, geachtete Mutter von einer bereits erwachsenen Tochter und beeindruckende Hausfrau, mit einem Wort, eine respektable, tugendhafte Person aus Sicht der konservativen Oberschicht und das war auch die einzige, die zählte, eben jene also betrat am 22. Dezember das Buchgeschäft des Ortes und sah sich irritiert um.
Die angesehene, respektable Dame, die in ihrem Leben drei vollwertige Arbeitsplätze ausfüllte, den der Hausfrau mit tadellosen Putz- und Staubwischergebnissen incl. Polierten Silberbestecks, den der repräsentativen Ehefrau, die im kleinen Schwarzen am Arm ihres werten Gatten ebenso brillierte, wie im kessen Golfgewand am Grün und nicht zuletzt den der hingebungsvollen, fürsorglichen Mutter, die ein 24 Stunden Rundumbetreuung ihrer Tochter garantierte, also, wenn sie sich nicht gerade am Golfplatz befand oder das Silber polierte. Dennoch schaffte sie es seit 25 Jahren, diese Aufgaben tadellos zu erfüllen. Es versteht sich von selbst, dass sie bei dieser Überfülle an Aufgaben zum Lesen keine Zeit hatte. Und wenn sie ganz ehrlich zu sich war, was gelegentlich geschah, bevorzugte sie Fernsehen und leichte Soaps mit viel Drama. Kurz und gut, sie hatte für Bücher mit vielen Buchstaben nicht viel übrig. Es jagte ihr regelrecht einen Schrecken ein, wenn sie ein dickes Buch zur Hand nahm. Wie schwer doch Bildung war. Sie selbst war von derselben weitgehend verschont geblieben. Auf dem Mädcheninternat, das sie besucht hatte, war sie auf eben jene Aufgaben vorbereitet worden, die sie nun ausfüllte. Wissen beschwert nur das Köpfchen, war die einhellige Meinung sowohl ihrer Eltern als auch der Erziehenden im Internat. Das war ganz im Sinne der Heranwachsenden. „Alles andere bringt Mädchen nur auf dumme Ideen. Sie werden aktivistisch. Sie lehnen sich auf. Zum Schluss werden sie sogar politisch“, wie ihr Vater nicht zu betonen müde wurde, „Und außerdem muss man sie jung verheiraten, dann passt der Mann auf sie auf.“ Tatsächlich stand Maria kurz nach ihrem 18 Geburtstag vor dem Traualter und hatte es seitdem nie bereit. Männer, so war sie selbst überzeugt, wussten einfach besser Bescheid, über das, was gut für ein Mädchen respektive eine Frau war, als diese weiblichen Personen selber. Deshalb fühlte sie sich in Buchhandlungen nie wohl. Dennoch war sie über ihren Schatten gesprungen und hatte besagtes Geschäft betreten, denn sie wollte vor ihrer Tochter glänzen und ihr ein Buch schenken.
Die hochangesehene Dame sah sich um und fühlte sich erschlagen von so vielen Büchern. Im nächsten Moment nahm sich eine Verkäuferin der eingeschüchtert wirkenden Frau an.
„Guten Tag“, sprach sie sie, mit einem Lächeln bewaffnet an, „Was kann ich für Sie tun? Suchen Sie etwas Bestimmtes?“
„Grüß Gott“, erwiderte Maria reflexartig, denn sie wollte betonen, dass sie eine gute Christin war, wie es sich gehörte und keine Sozialistin, um dann kurz und knapp die Frage der Anderen zu beantworten, „Ja.“
„Und was genau suchen Sie?“, fragte die Verkäuferin unbeirrt weiter.
„Ein Buch“, erwiderte diese lapidar.
„Wie Sie sehen, gibt es derer viele“, erklärte die Angestellte mit unverbrüchlicher Geduld, denn schließlich war sie schwierige Kundinnen gewöhnt, „Vielleicht können wir es ein wenig eingrenzen. Ist es ein Buch für Sie selbst oder soll es ein Geschenk sein?“
„Um Gottes willen, doch nicht für mich, was soll ich mit einem Buch“, zeigte sich die Notarsgattin erschrocken, allein bei dem Gedanken, die vielen Wörter lesen zu müssen.
„Also ein Geschenk?“, hakte ihr Gegenüber nach.
„Genau, ein Geschenk, für Weihnachten“, meinte Maria, „Sie müssen wissen, ich habe natürlich schon längst alle Weihnachtseinkäufe erledigt, schließlich ist übermorgen schon der Heilige Abend, aber das ist nicht leicht, also das mit dem Buch.“
„Das kann ich durchaus verstehen“, meinte die Angestellte süffisant, „Bücher sind schwer. Aber für wen soll denn das Geschenk sein, also das Buchgeschenk?“
„Für meine Tochter“, erklärte die Mutter.
„Und wie alt ist Ihre Tochter?“, fragte die Verkäuferin, die sich noch immer in Contenance übte.
„Sie ist 23“, schoss es wie aus der Pistole zurück.
„Gut, also keine Jungmädchenbücher mehr“, meinte ihr Gegenüber, „Wofür interessiert sie sich denn?“
Da musste die stolze Mutter ein wenig länger nachdenken, um zuletzt zu antworten, „Wahrscheinlich für Liebesromane. Das tun doch junge Mädchen im Allgemeinen, schließlich gibt es nichts Wichtigeres im Leben eines Mädchens, das noch dazu immer noch unverheiratet ist und das mit über 20. Vielleicht habe ich doch nicht alles richtig gemacht, aber wie dem auch sei, vielleicht bringt sie das endlich auf den rechten Weg.“
Du willst wissen, wie es weitergeht? Dann findest Du hier den zweiten Teil. Und um nichts zu versäumen, abonniere die Seite. So wirst Du immer informiert, wenn eine neue Geschichte veröffentlicht wird.


Kommentar verfassen