Er war der Vater von jemandem und auch der Sohn, so wie viele andere Väter sind und Söhne. Er musste in den Krieg, damals im Jahr 1918. Schwer verwundet kehrte er heim. Körperlich verwundet, mental traumatisiert. Er hat nicht mehr funktioniert. Was ist der doch nutzlos. Manche sagten es, andere gaben es ihm zu verstehen, durch ihr Verhalten. Dann brachte er sich um.
Wie hätten wir es wissen können?
Wir können nichts dafür.
Wäre er halt nicht in den Krieg gezogen.
Sie war die Mutter von jemanden und auch die Tochter, so wie viele andere Mütter sind und Töchter. Sie arbeitete in der Fabrik, damals während dem Krieg. Weil viel zu wenige Männer da waren. Eines Tages rief der Chef sie in sein Büro. Der hatte nicht in den Krieg müssen, weil er wichtig war. An die Front mussten nur die Unwichtigen, die Ersetzbaren. Ganz leise schloss er die Türe hinter ihr. Sie hörte noch wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Dann hat er sie vergewaltigt. Sie ging zur Polizei. Die lachten sie aus.
Wie hätten wir ihr denn glauben können, einer Frau die arbeitet, die ist sowieso von zweifelhafter Moral?
Wir können nichts dafür.
Wäre sie halt nicht arbeiten gegangen.
Wieder Väter und Söhne, Mütter und Töchter. Die Verkündigung des Urteils der Mörder von Schattendorf. Es war ein Freispruch. Ein Kriegsinvalide und ein Kind waren erschossen worden. Was ist ein Leben wert, zwei Leben? Nichts. Die Menschen, auch die Väter waren und Söhne, Mütter und Töchter, sie gingen auf die Straße, weil sie wussten, dieses Urteil war ein Skandal. Es hebelte alles aus, was man bis dato als Rechtsstaatlichkeit bezeichnen konnte – nun blieb nur mehr das Rechts übrig. Bald brannte der Justizpalast. Dann wurde das Feuer eröffnet. Arbeiterinnen wie die Kaninchen durch die Straßen gejagt und erschossen.
Warum habt Ihr Euch der Justiz nicht einfach gefügt?
Wir können nichts dafür
Wären sie halt zu Hause geblieben.
Väter und Söhne, Mütter und Töchter, egal in welchem Jahr, egal wo, es ist immer ein Eingebundensein in die Generationen. Die einen geben weiter. Die anderen nehmen an. Deshalb war es klar, man bittet Gott um seinen Beistand, bevor man Menschen niedermetzelt. Damals, 1934. Beginnend am 12. Februar. Den Terror eröffnend gegen die eigene Bevölkerung. Menschen gegen Menschen.
Warum habt Ihr Euch nicht einfach gefügt?
Wir können nichts dafür.
Hättet ihr halt alles weiterhin einfach hingenommen.
Nur ein paar Jahre später, da standen sie am Heldenplatz, jubelten den Herren in den adretten Uniformen zu, huldigten dem Führer, während sie die beschämten, verlachten und traten, die auf Geheiß der neuen Machthaber die Gehsteige waschen mussten, bevor man sie deportierte und aushungerte und tötete. Wie schön es doch ist, auf andere herabsehen zu können. Andere dachten, wenn sich die Justiz, gar das Militär beteiligt, dann wird es schon in Ordnung sein, denn die sind schließlich die Hüter von Recht und Ordnung. Egal was passiert. Selbst dort noch, wo sie plündern und massakrieren. Wir sind ordentliche Bürgerinnen, die brav salutieren vor der Staatsmacht.
Warum habt Ihr Euch nicht gewehrt?
Wir können nichts dafür.
Wir haben doch weggeschaut und von gar nichts gewusst.
Frauen und Männer, solche, die zwar Töchter und Söhne waren, aber niemals Mütter oder Väter, zumindest nicht offiziell in katholischen Kinderheimen, die losgelassen wurden auf kleine Menschen, die von sogenannten moralisch verkommenen Müttern kamen. Weil sie unehelich waren. Z.B. Und die Kinder mussten es büßen. Gewalt. Essensentzug. Demütigung. Frauen und Männer der Kirche. Frauen und Männer mit enorm hohem moralischen Standard, kannten keine Grenzen beim Einprügeln der göttlichen Wahrheit. Wohl dem, der dieser Hölle entkam, die vom Kreuz beschirmt wurde.
Warum habt ihr nichts gesagt?
Wir können nichts dafür.
Wir haben doch nicht einmal etwas geahnt.
Männer, die Frauen vergewaltigten, aber dafür nicht strafrechtlich belangt werden konnten. Sie vergewaltigten ja auch nur ihre eigenen Frauen, also die, die ihnen gehörte. Schließlich darf der Besitzer mit seinem Besitz machen was er will. Auch die Frau war Besitz. Ohne Recht auf ein eigenes Konto oder finanzielle Unabhängigkeit. Die Konservativen hat es empört, als der Vorschlag kam, Frauen nicht mehr als Besitz zu betrachten. Heute meinen viele, nein, den Feminismus brauchen wir nicht. Der hat ja nichts erreicht.
Warum seid ihr so laut, bloß wegen ein paar Grundrechten?
Wir können nichts dafür.
Wir haben das nicht gewollt.
So wird es weitergegeben, von Generation zu Generation, von Vätern und Müttern zu Söhnen und Töchtern, das Narrativ dass Recht auch Gerechtigkeit bedeutet und wer das hinterfragt, wird belangt, belächelt, bedrängt und mundtot gemacht. Vielleicht fühlen sich auch andere nicht wohl, die nichts sagen. Aber man legt sich nicht an. Aus Bequemlichkeit, eigentlich Feigheit.
Und wenn was passiert, dann haben wir es nicht gewusst, dann reden wir uns heraus, dass es doch nichts geändert hätte oder dass man keine Wahl hatte.
In der Weitergabe werden sie unsterblich, die Feigheit & und die Ausrede.


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