Jamal, gerade 16 Jahre alt geworden, was verzweifelt. Warum hatten seine Eltern ihm auch diesen Namen geben müssen? Allerdings, so musste er sich eingestehen, auch ein anderer Name hätte nicht viel verändert, so dunkel wie seine Haut, seine Haare und sogar seine Augen waren. Dabei war er in Österreich geboren worden und hatte auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Doch das war zweitrangig in der Schule, die er besuchte. Selbst seine perfekten Deutschkenntnisse, die oftmals besser waren, als die seiner Mitschüler ohne Migrationshintergrund. Die Vorurteile brodelten hoch in diesem Brennpunkt. Viele der anderen Eltern, die sich als gebürtige Österreicherinnen bezeichneten, waren arbeitslos, wohingegen seine Eltern arbeiteten. Dennoch war es schwer über die Runden zu kommen, da er fünf Geschwister hatte. Normalerweise wusste Jamal seine Wut hinunterzuschlucken, aber heute waren die Beleidigungen so heftig gewesen, dass er sich nicht mehr zurückhalten konnte. Zumal das Ziel dieser unflätigen Angriffe nicht einmal seiner Person, sondern der seiner Mutter galt. Niemand in der Schule kannte sie.
Jamal dachte an die Frau, diese zarte Frau, die den ganzen Haushalt stemmte, sich um die Kinder kümmerte und für ein minimales Gehalt putzen ging. Dabei war sie immer fröhlich und voller Zuneigung. Da hatte er zum ersten Mal zugeschlagen. Niemand hatte sich bisher darum gekümmert, was er alles einstecken musste, doch jetzt, wo er sich gewehrt hatte, galt er als der brutale Ausländer. Diesen blonden Jungen, der der Rädelsführer war, den hatte er eins auf die Nase gegeben. Es war nicht allzu fest gewesen, aber das Blut rann ihm übers Gesicht und dieser Bursche, der so deutsch aussah, wie man nur aussehen konnte, der wurde hysterisch wie ein Mädchen. Jamal musste zum Direktor und der entschied, ihn der Schule zu verweisen. Wie sollte er das seiner Mutter erklären? Bei seinem Vater hatte er weniger Skrupel. Der würde ihn zwar schlagen, aber dieser Schmerz würde vorbeigehen, doch er sah die sanften Augen seiner Mutter, in denen sich Trauer und Enttäuschung spiegelten. Das war viel schlimmer als Gewalt oder Drohungen.
Jamal bog gerade um die Ecke, als ihn ein Winseln aufhorchen ließ. Das Geräusch kam von hinter der Mauer. Behände kletterte auf diese hinauf und entdeckte eine Horde Kinder, die auf einen kleinen Hund eintrat. Sie waren zu fünft und er war alleine, aber er überlegte keinen Augenblick, sprang von der Mauer und schnappte sich das zitternde Fellbündel. Rasch lief er davon. Erst als er außer Sicht- und Hörweite war und überzeugt davon, dass sie ihn nicht verfolgten, blieb er stehen und sah den kleinen Kerl an, der sich so klein wie möglich gemacht hatte. „Ich muss Dich zum Tierarzt bringen“, sagte er leise. Doch wovon sollte er diesen bezahlen? Ein weiterer Blick auf dieses geschundene Lebewesen überzeugte ihn davon, dass er sich darüber später immer noch Gedanken machen konnte, denn der Kleine brauchte ganz dringend Hilfe. Wenige Minuten später kam Jamal ins Wartezimmer des Tierarztes. Seit dreißig Jahren hatte er den Beruf ausgeübt und war sehr enttäuscht über den Umgang der Menschen mit Tieren, auch mit sog. Haustieren. Als er sah, dass dieser junge Bursche sich für diesen kleinen Hund eingesetzt hatte, nahm er ihn mit ins Behandlungszimmer. Es stellte sich heraus, dass der kleine Kerl übelste Blessuren davongetragen hatte, aber auch unterernährt war. „Herr Doktor, ich kann für die Behandlung nicht bezahlen, aber ich kann es abarbeiten“, schlug Jamal vor. „Ich hätte nichts verlangt, weil ich sehe, wie Du Dich einsetzt, aber ich bräuchte einen Assistenten. Willst Du die Ausbildung machen?“, fragte der Arzt. Und wie Jamal das wollte.
„Und so werde ich jetzt Tierarztassistent und kann Euch unterstützen“, erklärte Jamal seiner Mutter am Abend. Da glänzten ihre Augen, aber vor Stolz. Und der kleine Hund rollte sich zufrieden auf Jamals Schoß ein. So hatten beide an einem Tag ihren Platz gefunden.


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