Die eine und die andere Seite der Stadt (1)

Bild: Die eine und die andere Seite der Stadt 1 - Daniela Noitz
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Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

Wer die Stadt als unbedarfter Tourist erkunden wollte, und eigentlich sind alle Touristen unbedarft, so wurde er nur der Altstadt und des Reichenviertels ansichtig. Das Armen- und Industrieviertel, das es durchaus auch gab, wurde so verwinkelt befahrbar gemacht, dass es sich für keinen Auswärtigen lohnte, diese Strapaz auf sich zu nehmen. Eben ein normaler Mensch, der nur schöne Dinge in der Ferne, worunter alles fiel, was außerhalb seines unmittelbaren Heimatbezirkes lag, sehen wollte, denn das Hässliche hatte er eben auch dort. Dazu müsste er nicht fortfahren. Letzteres tat man nur aus zwei Gründen: Aus geschäftlichen oder aus privaten. Führten einen Fremden geschäftliche Belange in die Stadt, so begab er sich direkt ins Finanzviertel, machte seine Geschäfte aus und verließ es eilends wieder, teils aus Ehrfurcht vor den so offensichtlich vertretenen, sich vor Protz nicht scheuenden Kapital, teils aus Bedrückung darüber, dass es wohl noch eines langen Weges bedürfe, bis die eigene Stadt einen solchen Aufschwung nehmen würde. Handelte es sich jedoch um private Gründe, so waren die mit dem Wort Urlaub gut umrissen, wobei in dem Fall nur die Altstadt von Belang war. Doch wohin tat man einen Vertreter der seltenen Spezies der Sozialforscher?

Ein Sozialforscher, ein Doktor der Ethnologie, wie er gerade den Zug, der ihn in diese Stadt gemächlich, doch verlässlich, verfrachtet hatte, gehörte zu den Menschen, die jeder Teil der Stadt interessierte, sowohl das Reichen- als auch das Armenviertel, das Industrie- und das Finanzviertel, aber auch die Altstadt, als den einzigen Ort der Stadt, in der Arm und Reich, Alt und Jung, Gutaussehend und Hässlich mit ungebremster Wucht aufeinanderprallte, ohne dass es sich schickte, die einen oder die anderen wegzuschicken. Dieser Forscher verhielt sich also nicht wie ein Mensch, der geschäftliche Belange im Sinne hatte, also nicht wie ein normaler Kapitalgeführter, obzwar es sich um seine Profession und damit eben sein Geschäft handelte. Aber ebensowenig benahm er sich wie ein Tourist, der eben aus reinen Gründen der Erholung und des Vergnügens den Weg hierher gefunden hatte, obzwar unser Sozialforscher vor allem die Altstadt, aus obgenannten Gründen, besonders interessant fand. Lassen wir es damit bewenden, ihn als einen Menschen zu sehen, der schrullig und uneinordenbar war, quasi schon aus Profession. Er entstieg also dem Zug, der Herr Dr. von der Universität, begab sich vom Bahnsteig in die Halle und aus dieser auf den Bahnhofsplatz, begleitet vom beschwingten Tock-tock seines Regenschirmes, der ihm den Takt für seinen Gang vorgab. Das alles geschah an einem Samstagvormittag, so dass die Altstadt, sowie der dazugehörige Bahnhofsplatz von geschäftigen Personen stark bevölkert war. Mit sichtlicher Genugtuung beobachtete der Herr Dr. das scheinbar sinnlose Treiben. Also als gesamtes unkoordiniert und chaotisch, wobei jede einzelne handelnde Person wohl einen genauen Plan hatte, die miteinander eher weniger kompatibel waren, denn sonst würde es wohl kaum passieren, dass sich bei manchen Stellen Staus bildeten, während andere Flecken unbevölkert waren. Aber genau das war des Dr. Lust, denn wäre das Verhalten der Menschen einfach und schlicht und logisch gewesen, was hätte es für ihn zu erforschen gegeben. Ohne dieses Chaos gäbe es keine Forschung. Und er wäre arbeitslos gewesen. So ließ er den Regenschirm seinen Schwung wieder aufnehmen, dem die Beine folgten. Zunächst gedachte er ein opulentes Frühstück zu sich nehmen, denn wer arbeitet, der soll auch essen. Hatte der hl. Paulus bereits gesagt. Oder zumindest so ähnlich. Bald schon fand sich ein Kaffeehaus, das seinen Ansprüchen Genüge zu tun schien, so dass er sich auf einem der Stühle im Gastgarten niederließ, den Regenschirm neben sich stellte und die Speisekarte studierte. Und während unser guter Herr Dr. dies tat, wobei wir ihn nicht weiters stören wollen, vollendete ein Mädchen in seiner kleinen Einzimmerwohnung im Armenviertel die Arbeit an einem Kleid, mit dem sie sich seit Wochen neben ihrer eigentlichen Tätigkeit abmühte und ein reicher Schnösel seinen Anzug, der so lässig und teuer wie möglich auszusehen hatte, was er auch tat, bereitlegte. Sowohl das Mädchen im Armenviertel als auch der Schnösel im Reichenviertel hatten sich vorgenommen, diesen Tag zu einem ganz besonderen werden zu lassen. Was der Herr Dr. als objektiver Beobachter bezeugen würde können. Und das, obwohl keiner von dreien noch etwas davon wusste.

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