Die eine und die andere Seite der Stadt (2)

Bild: Die eine und die andere Seite der Stadt 2 - Daniela Noitz

Der reiche Schnösel, wie wir ihn auch fürderhin nennen wollen, stand vor dem Spiegel, strich wohlwollend nochmals über das gelverklebte Haar, sah an sich herunter und war der Meinung, dass ihm, dem Alpha-Männchen in allen Belangen, keine Frau widerstehen konnte. Natürlich war er sich darüber im Klaren, dass Aussehen alleine bei den Damen nicht in Ausschlag gab, sondern vor allem, was man in der Brieftasche hatte. Die war allerdings gut gefüllt. Er hatte schon immer gewusst, dass jeder Mensch käuflich ist und Frauen sollten es erst recht sein. Deshalb investierte er seine Zeit lieber in gewinnbringende Geldanlagen als ehrbringende wissenschaftliche Auszeichnungen. Sein Vater hatte es so gehalten, womit er einen nicht unbeträchtlichen Reichtum angehäuft hatte und so seine Mutter gekauft. Schön war sie, die Frau, die ihn und seine Brüder geboren hatte, zwei an der Zahl, aber es hatte seinen Vater auch eine schöne Stange Geld gekostet. Was er allerdings als lukrative Investition ansah, da sie vor allem als Repräsentationsgegenstand herhalten musste, so wie sein Haus und sein Auto.

Mittlerweile war unser reicher Schnösel fast 30 und er fand, es wäre an der Zeit, sich ebenfalls ein herzeigbares Umfeld zu schaffen. Seine Brüder waren hingegen völlig aus der Art geschlagen. Sein älterer Bruder hatte radikal mit der Familie gebrochen, Theologie studiert und war ins Kloster gegangen. Sein jüngerer Bruder hingegen hatte sich zunächst der Philosophie studiert und jetzt, jetzt war er Mitglied bei einer marxistisch-leninistischen Partei, um mit seinen Genossen für die Freiheit der Arbeiterklasse zu kämpfen oder so ähnlich. Was für ein Ausrutscher. Der Vater wollte ihn dennoch finanziell unterstützen, quasi unter der Hand, wohl auch, um jederzeit ein Druckmittel in der Hand zu haben, doch was machte der Idiot? Er verzichtete darauf, weil er so leben wollte wie die Proletarier, für die er sich einsetzte. Der reiche Schnösel meinte zwar, solch eine Einstellung hatte etwas romantisches. Aber die Romantik hatte man sich spätestens mit 18 abzugewöhnen und sollte sich ab da dem echten Leben stellen. Als sein jüngerer Bruder den Eltern seine Entscheidung mitteilte, da appellierte der Vater an seinen Familiensinn, doch das tat der rote Sohn damit ab, dass er meinte, sie wären doch nie eine Familie gewesen. Blitzlichtartig tauchten Bilder vor dem geistigen Auge des reichen Schnösels auf, Bilder seiner Einsamkeit, vom Abgeschoben-sein aus dem Leben der Eltern, die eigentlich nie Zeit hatten. Die Burschen wurden nur herausgeholt, quasi wie das feine Schuhwerk aus dem Schrank, wenn sie die glückliche Familie spielen sollten. Dann wurden sie in Anzüge gesteckt und an der Hand genommen. Die ersten paar Male fanden die Burschen das noch aufregend, aber sie merkten schnell, dass sie einfach nur Mittel zum Zweck waren. Als die notwendigen Fotos geschossen waren, trat das Kindermädchen seinen Dienst an und befreite die Erwachsenen vom Nachwuchs. Wen wollte es unter diesen Umständen wundern, dass sie niemals so etwas wie eine Beziehung hatten. Der reiche Schnösel dachte an Schulfreunde, die von gemeinsamen Ausflügen erzählt hatten und Spieleabenden und einfach miteinander reden, lachen. Das hatten seine Brüder und er nie erlebt. Er merkte, wie ihm schwer ums Herz wurde, doch er riss sich zusammen. Wer braucht schon Familie, wenn man Geld hat? Wer braucht Liebe, wenn man sich Frauen kaufen kann? Damit verließ er, hocherhobenen Hauptes das Haus, um sich in die Altstadt zu begeben, bereit sich so ein Schnuckelchen zu gönnen.

Wenige Minuten später parkte er sein Auto in der Altstadt und begab sich in eben jenes Kaffeehaus, in dem der Herr Dr. Ethnologe saß und setzte sich an den Nebentisch. Die Ankunft des reichen Schnösels erregte die Aufmerksamkeit des gelehrten Mannes, der darauf hoffte, dass sich eine, für ihn, gewinnbringende Interaktion ergeben würde. Gespannt lehnte er sich zurück und beobachtete unauffällig den Neuankömmling im teuren Zwirn. Während der reiche Schnösel Kaffee und Gebäck orderte, war ein junges Mädchen dabei, sich schick zu machen, nur dass sie das nicht in einer Vorstadtvilla tat, sondern in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Armenviertel der Stadt.

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