Menschen in Not

Menschen in Not – Alle Geschichten

Millionen Menschen auf der Welt leiden größte Not. Wir kennen die Bilder alle, zumindest hier im Westen, denn wir haben, zumindest die meisten von uns, alles, was sie zum Leben benötigen und können in Ruhe im Fernsehen oder auf anderen Kanälen die Not der anderen betrachten. Natürlich sind wir geschockt, verzweifelt, vielleicht sogar wütend. Aber dann passierte etwas, was wir niemals für möglich hielten, etwas, das das Vertrauen in unsere privilegierten Länder zutiefst erschüttern musste. Mitten in Berlin war es, quasi vor unserer Haustüre. Nichts kann so erschüttern wie die Not im eigenen Land. Und das betraf nicht ein paar Menschen, nicht einmal nur hundert, nein tausende. Es war eine der verheerendsten Nachrichten seit Langem: Menschen in Berlin leiden bitterste Not. Doch bei diesen Menschen handelt es sich nicht nur um Berliner*innen. Vom ganzen Umland waren sie gekommen. Die Not war so groß, dass sie sich ihrer nicht mehr schämten. Es war allerdings auch nicht anders möglich, da die Linderung der Not dazu führte, dass sich Menschen anstellen mussten, um zu dem Ort zu gelangen, an dem sie endlich gerettet werden würden.

Die Bilder aus dem Gaza Streifen, in dem Menschen verhungern, darunter viele Kinder. Sie stellen sich stundenlang an, um von den spärlichen Hilfslieferungen etwas zu ergattern. Viele sind bereits gestorben. Dazu muss man aber sagen, das Wetter ist dort meist gut. Niemand muss im Regen stehen oder sich eine kalte Nacht um die Ohren schlagen. Ganz anders in Berlin. Eine tapfere Reckin, die sich nicht scheut, offen und schonungslos über ihre Bürde zu sprechen, mitten in ein Mikrophon, vor laufender Kamera. Schließlich sollen die Menschen erfahren, was sich im eigenen Land abspielt.
„Hallo, Reckin“, wird sie von der Moderatorin begrüßt. Um ihre Anonymität zu wahren, wurde der Name geändert, „Stimmt es, dass Du die ganze Nacht hier verbracht hast? Im Regen, in der Kälte, all den Unbilden aufrecht und standhaft trotzend?“
„Hallo“, erwidert die Angesprochene, „Ja, ich bin seit halb neun Uhr abends hier. Mittlerweile ist es halb zehn Uhr vormittags. Das bedeutet, es waren …“. Angestrengt nimmt sie die Finger zur Hilfe, um die Anzahl der Stunden auszurechnen, die sie bereits ausharren musste, bis sie enttäuscht erkennt, dass sie derer nur zehn besitzt, so dass sie versucht, diese schwierige Rechenaufgabe im Kopf zu lösen.
„13“, versucht die Moderatorin auszuhelfen.
„13? Wieso 13? Was ist 13? Eine Unglückszahl, ich muss die Finger kreuzen“, erklärt die Heldin eifrig.
„13 Stunden. Du wartest seit 13 Stunden“, erweitert die Moderatorin ihre Aussage.
„Das kann aber nicht sein, es gibt doch nur 12 Stunden“, erwidert die Interviewte verwirrt, „Aber egal, es war auf jeden Fall urlang. Dann noch die Anreise, diese mühsame Anreise mit der Deutschen Bahn. Wenn auch gerade beide SUVs in Reparatur sind. Also, das Leben ist so hart hier. Aber jetzt dauert es nur mehr eine halbe Stunde und dann wird meine Not endlich gelindert. Hoffentlich.“
„Dann wünschen wir Dir alles Gute“, meint die Moderatorin, um sich dann selbst dem Fernsehpublikum zuzuwenden, „Sie sehen, meine Damen und Herren, mitten in unserem schönen Deutschland, in seiner noch schöneren Bundeshauptstadt, spielen sich dramatische Szenen von Not, Elend und Verzweiflung ab. Und unsere Reckin ist weiß Gott nicht die Einzige. Hier sehen Sie eine Schlange von Menschen, die sich alle anstellen, um das Gewünschte zu erlangen. Hunderte Meter zieht sich diese Ansammlung an Menschen. Dennoch sind sie alle sehr diszipliniert, dennoch, weil sie wissen, dass ihr Leben zusammenbricht, wenn sie das Gewünschte nicht ergattern sollten. Der deutsche Geist wird spürbar. Nicht wie bei den Essensausgabestationen anderswo – ich will da gar keine Namen nennen -, wo die Menschen rangeln, toben, schubsen und randalieren. Und wofür das alles? Bloß für Essen. Ehrlich. Das bekommt man doch überall, aber ein Labubu, das ist etwas ganz anderes.

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