Lilly will leben (2)

Lilly will leben (2) – Alle Geschichten

Sophie musste doch noch eingenickt sein, denn das Brummen eines Motors riss sie unsanft aus dem Schlaf. Ein paar Momente dauerte es, bis sie sich der Situation wieder gänzlich bewusst war. Rasch sah sie zu Lilly, doch die schlief tief und fest, immer noch an ihre Freundin gekuschelt. Draußen dämmerte es gerade. Es war noch sehr früh am Morgen und dennoch war ein Wagen in den Hof gefahren. Eine Autotüre wurde geöffnet und wieder geschlossen. Zwei Männer begrüßten sich. Die eine Stimme war die ihres Vaters. Aber die andere, die kannte sie nicht. Wer konnte das nur sein?

„Das konnte nur der Schlachter sein“, schoss es Sophie durch den Kopf. Jetzt ging es nicht nur um eine Lösung, wohin sie Lilly bringen sollte, damit sie in Sicherheit wäre, sondern auch noch darum, wie sie sich aus dem Stall stehlen könnte, ohne bemerkt zu werden. Schritte waren zu vernehmen. Unaufhaltsam kamen sie näher. Kurzentschlossen schnappte Sophie die kleine Lilly, die erschrocken quiekte. „Still, meine Kleine, wir müssen jetzt ganz still sein“, flüsterte Sophie der Freundin ins Ohr, die zu verstehen schien, denn sie verhielt sich ganz leise. Sophie schlich aus der Bucht, den langen Gang entlang, bis sie die Hintertüre erreichte. „Lass sie offen sein“, hoffte Sophie, doch zu ihrem Leidwesen war sie verschlossen. „Denk nach, denk nach, es muss einen Ausweg geben“, versuchte Sophie trotz der lebensbedrohlichen Lage, in der sie sich befand, sich zu beruhigen. Da fiel es ihr ein. Hatte ihre Mutter nicht immer einen Schlüssel über der Türe deponiert. Rasch setzte Sophie Lilly ab und hangelte sich hoch, bis sie das Brett erreichte. Da lag auch der Schlüssel. Das Mädchen nahm ihn, hüpfte auf den Boden, sperrte das Schloss auf und scheuchte Lilly hinaus, bevor sie die Türe wieder so leise wie möglich schloss. Keinen Moment zu früh, denn gerade als sie das Schloss wieder versperrte, hörte sie die Männer im Inneren sprechen. Doch nun war keine Zeit, zu verweilen. Sophie lief über den Hof und hinaus auf den Feldweg. Lilly schien es für ein lustiges Spiel zu halten, denn sie rannte ihr fröhlich hinterher. Erst als sie eine Stelle erreicht hatten, die vom Hof aus nicht mehr einsehbar war, hielt Sophie inne. „Das war sprichwörtlich im letzten Moment“, sagte Sophie erleichtert, „Doch was sollen wir jetzt tun?“ Dann endlich fiel es Sophie wie die sprichwörtlichen Schuppen von den Augen, natürlich, das war die Lösung, sie würden zu Tante Erna gehen. Dort würden sie bleiben dürfen.

Sophie hatte sich nicht geirrt, denn als sie zwei Stunden später bei ihrer Tante Erna ankamen, empfing sie diese bereits freudestrahlend. Nach einer kurzen Umarmung, sagte die Tante: „Deine Mutter hat mich schon angerufen und mir alles erzählt. Ich bin so stolz auf Dich. Allerdings, wenn es nach ihr, also Deiner Mutter und auch nach Deinem Vater geht, dann müsste ich jetzt mit Dir schimpfen und Dich direkt nach Hause schicken. Eigentlich haben sie jedes Recht darauf, denn sie sind Deine Erziehungsberechtigten.“ „Bitte, bitte nicht“, flehte die Nichte, „Wenn Du uns zurückschickst, dann kommt die kleine Lilly zum Schlachter und sie ist doch meine Freundin. Ohne mich würde sie wahrscheinlich gar nicht leben. Da kann ich doch nicht einfach zusehen, wie sie ermordet wird?“ „Natürlich nicht“, meinte Tante Erna, „Aber wir müssen trotzdem etwas unternehmen. Ich schlage vor, Du rufst jetzt Deine Mutter an und erklärst ihr alles. Dann sagst Du, Du möchtest hierbleiben, denn schließlich muss sich jemand um Lilly kümmern.“ So geschah es. Sophies Mutter, die genauso unglücklich war über das Töten der Tiere, erlaubte den beiden tatsächlich, dass sie blieben. „Ich werde Deinem Vater sagen, dass Du erst wieder nach Hause kommst, wenn wir keine Tiere mehr töten“, meinte die Mutter und Sophie war überglücklich. Drei Wochen hörte sie nichts von ihren Eltern. Sie meinte schon, es wäre ihnen egal, doch in der Mitte der vierten Woche kamen sie zu Tante Erna, um Sophie zurückzuholen. Sophie und Lilly, denn inzwischen war es ihnen gelungen, das Geschäft mit den Tieren durch das mit den Pflanzen zu ersetzen. Glücklich fiel Sophie ihren Eltern um den Hals. „Ja, ja, ist schon gut“, meinte ihr Vater nur, der mit solchen Gefühlsausbrüchen nicht viel anfangen konnte. Doch eigentlich war er froh, dass ihn seine Tochter dazu gezwungen hatte, sein Leben zu ändern. Er liebte sein Mädchen und es wäre traurig gewesen ohne sie. Lilly durfte unbehelligt durch die Gärten laufen und sich des Lebens freuen. Wenn sie ab und zu etwas von den Feldern stahl, dann war es ihr gegönnt.

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