Du bist „zu …“ mit der gerade passenden Attribuierung, das ist ein Satz, der mich schon mein Leben lang begleitet. Als Kind wurde mir immer wieder gesagt: Du bist zu wild. Und das gehört sich für ein Mädchen nicht, denn die ziehen sich gerne hübsch an, machen Dinge, bei denen man nicht schmutzig wird, was logisch ist, weil sonst die Gewandung nicht mehr hübsch ist. Ich jedoch, ich lief gerne in der Natur herum, entdeckte das Leben, kletterte mit Vorliebe auf Bäume und mochte den Regen, am besten auf meiner Haut. Da wurde mir dann gesagt: Du bist zu wild. Gerne trug ich Hosen, die strapazierfähig waren. Deshalb wurde kopfschüttelnd darauf hingewiesen: Du bist zu burschikos. Was ich vielleicht noch nicht verstand, aber ich wusste, dass „zu“ deutet an, dass es nicht das ist, was von mir erwartet wird. Davon ließ ich mich nicht irritieren, denn es war mir egal. Schließlich machte das Leben Spaß.
Weil ich keine Wahl hatte, wie wir alle, wurde ich älter, wurde erwachsen oder zumindest zunächst einmal ausgewachsen. Das wilde Leben war vorbei und ich interessierte mich für Bücher. Allerdings keine Liebesromane oder was man sonst so als typisch weibliche Lektüre abwertend bezeichnet. Deshalb bekam ich gesagt: Du bist zu intellektuell. Es war zwar nicht als Kompliment gemeint, was ich aber geflissentlich ignorierte. Die Conclusio war nämlich, die meisten Männer mögen keine Frauen, die ihnen geistig überlegen sind oder auch nur gleichrangig. Deshalb würde ich wohl keinen finden. Das passierte doch. Und obwohl ich auch immer wieder hören musste, Du bist zu unabhängig, das kann mit Mutterschaft nicht zusammenpassen, passierte es doch. Und ich bin Mutter zweier wunderbarer Kinder. Mittlerweile sind sie groß und ich begann vor etlichen Jahren, Aktivistin zu sein, denn Gerechtigkeit lag mir schon immer am Herzen. Da wurde es dann fast überbordend mit den „zus“, die ich zu hören bekam.
Du bist zu laut.
Das ist nicht gut, denn so hört Dir niemand zu. Vor allem, wenn Du uns Dinge sagst, die uns nicht gefallen. Das muss man doch nicht schreien. Wir verstehen es auch so.
Du bist zu leise.
Das waren die, die meinten, ich würde mich zu sehr zurückhalten, denen ich viel zu wenig laut war, denn die Wahrheit darf man ruhig brüllen.
Du bist zu besserwisserisch.
Sagen die, denen es nicht gefällt, dass ich auf fast jede Frage eine Antwort habe, auf fast jedes Argument ein Gegenargument. Dazu gehört gesagt, das ist nicht schwer, denn es gibt nur wenige und die wiederholen sich immer wieder. Doch wenn jemand kommt und meint, er hätte nun den Widerspruch gefunden, den ich allerdings schon unzählige Male gehört habe, dann entlockt es mir ein müdes Lächeln, keine Begeisterung ob des Einfallsreichtums, der letztlich keiner ist. Was dazu führt, dass man mir sagt:
Du bist zu militant.
Militant, nicht weil ich gewaltbereit wäre, sondern im Gegenteil, weil ich ruhig und sachlich die Gegenargumente auseinandernehme. Und zum Schluss bleibt nichts, als heiße Luft. Deshalb bin ich noch mehr:
Du bist zu radikal.
Denn ich bin nicht bereit, Gewalt, die andere verursachen, zu tolerieren. So ein bisschen schlachten, so ein bisschen Löwe sein, so ein bisschen, es schmeckt halt, das Leid, nicht einmal das will ich tolerieren, was natürlich die Konsequenz hat:
Du bist zu intolerant.
Was bis zu einem gewissen Grad stimmt, denn Gewalt, Leid, Schmerz, Angst, die vermeidbar sind und trotzdem geschehen, dürfen nicht toleriert werden, nicht einmal im Ansatz. Aber da wird noch weiter gegangen, denn Toleranz wird gerne verwechselt mit Respekt oder synonym verwendet. Respekt habe ich vor Personen, die das Richtige tun, auch wenn sie sich auf den Weg begeben, aber jemand, der all diese Grausamkeiten verübt, wird keinen Respekt erhalten. Nicht einmal tolerieren kann man diese Taten, weil es bedeutet, man findet es in Ordnung.
Es gab eine Zeit, da habe ich versucht, das zu analysieren, das zu, egal welches. Bis ich zur Erkenntnis kam, dass es völlig egal ist, ob andere mich für zu laut oder zu leise, zu offen oder zu verschlossen, zu offensiv oder zu defensiv halten, wichtig ist, womit es mir gut geht, was für mich das Richtige ist, wo ich authentisch bin. Egal welches zu mir an den Kopf oder sonstwohin geworfen wird, letztlich bedeutet es nur, dass es dem Vorwerfenden nicht passt, wie ich bin. Das ist aber nicht mein Problem, sondern seins. Aber vor allem ist es eine Beurteilung, also ein Urteil, das niemandem zusteht.
Deshalb, lasst Euch nichts ein- oder ausreden, seid selbst, authentisch und unmittelbar. Das ist Lebendigkeit, die ein Verstehen findet, wenn man das will.


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