Still ist es geworden, in unserer Welt des Lauten. Still, nicht in Bezug auf den Lärmpegel, der immer vorhanden ist. Wie der Rasenmäher der Nachbarin, der einen sonnigen Frühlingsnachmittag akustisch auseinanderreißt. Wie der Verkehrslärm vor der Haustüre, vor dem ich mich in die hinteren Räume flüchte, um doch nie ganz entkommen zu können. Wie der Schuss oder viele davon aus dem nahegelegenem Wald, wo die Waidmänner und (leider immer mehr) Waidfrauen ihrem mörderischen Vergnügen nachgehen. Wie die großen Geräte, die auf der Baustelle fuhrwerken, um wieder etwas zu bauen, was nicht wirklich notwendig ist. (Was auch immer notwendig ist und vor allem für wen). Und noch vieles mehr.
Still ist es geworden zwischen den Menschen, die sich zwar viel erzählen, aber nichts, was die Stille durchbrechen würde, weil es oberflächlich bleibt, das Gesagte, weil es nicht berührt und auch nichts angeht. Es ist die Stille der sinnlos vergeudeten Sprache, die nichts mit mir zu tun hat, die nur dazu dient, das Gespräch nicht ins Stocken kommen zu lassen, weil es die eigentliche Stille übertüncht, wenn sie sie auch nicht ganz ausmerzen kann.
Still ist es geworden, obwohl es Kinder im Ort gibt. Und auch Hunde. Irgendwo auch Hähne. Und dazwischen das Quaken der Frösche aus einem TeichEs ist schön, das Spielen, Juchzen, Lachen und Singen der Kinder zu hören, aber das geschieht so gut wie nicht mehr, weil sich die Nachbar*innen beschweren, auch wenn sie nicht unmittelbar daneben wohnen. Die Hunde werden weggesperrt, wenn sie bellen, weil das ist unangenehm, auch wenn ich mich frage, was ein Hund denn sonst tun sollte. Mir wird erklärt, dass ein gut erzogener Hund nicht bellt, weil man ihm das mit den entsprechenden Maßnahmen ja abtrainieren kann. Und der Hahn, der in der Gasse in einer Schar Hühner lebte, musste dem Missfallen der Bewohner*innen weichen. Der Hahn ist weg und sein Kikeriki am Morgen. Der Teich wurde ebenfalls zugeschüttet und die Frösche der Heimat beraubt. Schließlich waren auch sie lästig. Das stört, nur nicht Rasenmäher, Kraftfahrzeuge, Baumaschinen oder Gewehre. Da regt man sich nicht auf.
Still ist es geworden auch in den sozialen Medien, es ist die Stille der Ungehörten und der Nachrichten ohne Wert. Man scrollt drüber und sucht vergebens nach einem Wort, das tatsächlich das erfüllt, was das Sozial beim Wort Medien erfüllen würde. Man findet nichts mehr. Selbst der Rückzugsort in die privaten Nachrichten wird immer mehr zum Spießrutenlauf zwischen Esoterikangeboten und sonstigen Werbebotschaften, zwischen Jesus liebt Dich und dem Billigstangebot von Temu und Konsorten. Es spielt keine Rolle.
Still ist es geworden zwischen den Menschen, die sich angeblich nahestehen. Sie sitzen am Tisch oder auf der Couch oder im Auto, nebeneinander, während die Smartphones betätigt werden oder der Fernseher läuft, wahlweise ein Streamingdienst oder im Auto das Radio respektive Spotify. Es ist still, weil es so laut ist, weil die ständige Ablenkung sie überdeckt. Zeit nahe aneinander zu verbringen heißt schon lange nicht mehr, dass man sie als ein Miteinander erlebt, nur die Anwesenheit, die eben gegeben ist, auch wenn es eher erscheint, als gäbe es diese nur, weil es die einzige Möglichkeit ist.
Still ist es geworden, wenn wir einen Spaziergang machen, Du und ich, am Abend, in der Dämmerung, wenn wir nichts sagen müssen, um uns zu verstehen. Es ist eine Stille, die gewollt ist und verbindet, die nichts benötigt, als Dich und mich im Hier und Jetzt, um erfüllend zu sein. Ruhe senkt sich über uns. Wir kommen an. Und wenn Du mir dann erzählst, dann ist es etwas, was Dich betrifft und damit auch mich. Gedanken vielleicht, die Du Dir machst oder Pläne, die Du schmiedest. Dann höre ich Dir zu und lasse Dich auch darin bei mir ankommen. Es ist die Stille, die durch das Sprechen genauso gefüllt wird wie durch das Nicht-Sprechen. Und wenn Du dann meine Hand nimmst, mich anlächelst oder – wenn Dir danach ist – den Arm um mich legst, dann ist es still, doch beredter als jeder Vortrag, doch vor allem, beglückender. Dann ist es eine gute Stille, die nicht zwischen uns steht, sondern uns verbindet.


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