Nathalie freute sich, denn es war ein wunderschöner sonniger Tag obwohl sie frei hatte, doch nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder. Es war nicht mehr so wie früher, zu einer Zeit, da man seine Kinder einfach einmal nicht in den Kindergarten schickte, wenn man etwas mit ihnen unternehmen wollte. Heutzutage musste man schon einen triftigen Grund vorweisen. Das Begräbnis der Oma war ein solcher. Wenn man Glück hatte, auch die psychologische Begleitung des trauernden Enkelkindes. Aber bloß um einen Tag Spaß zu haben, das ging gar nicht. An solch freien Tagen, an denen Nathalie gerne was mit ihren Kindern unternommen hätte, sie aber nicht frei bekamen, da zweifelte sie doch ein wenig an der staatlichen Erziehung. Aber das war alles weit weg, denn heute war ein freier Tag für alle. Nathalie, Willi, ihr dreijähriger Sohn und Maggie, ihre fünfjährige Tochter waren zum See gefahren, um die Sonne zu genießen und im Wasser zu plantschen.
Nathalie war gerne im Wasser, auch noch als Erwachsene. Was sie wohl von vielen Müttern unterschied, die nicht so gerne nass wurden oder denen das flüssige Element zumeist zu kalt war. Nathalie war begeistert vom Plantschen und Schwimmen und Tauchen. Deshalb genoss sie diese Stunden am Strand mit ihren Kindern außerordentlich. Mit Feuereifer war sie bei der Sache, so sehr, dass sie rundherum alles vergaß. Da machte sie Maggie plötzlich auf ein anderes Kind aufmerksam.
„Du, Mama, ich kenne sie“, erklärte Maggie, „Die, die da ganz alleine sitzt und voller Sehnsucht aufs Wasser blickt.“
„Ach da soll sich doch ihre Mutter drum kümmern“, meinte Nathalie achselzuckend, bevor sie die reflexive Sorge doch noch ereilte, „Wo ist denn die?“
„Die liegt dort drüben auf der Wiese und schläft“, antwortete Maggie, „Ich glaube die Iris würde sicher gerne mit uns mitspielen, so wie sie schaut.“ Was für ein warmherziges Mädchen meine Tochter doch ist, dachte Nathalie. Doch konnte man das tun, so einfach, sich eines fremden Kindes annehmen. Durfte man das, selbst wenn es noch so verloren wirkte? Nathalie beschloss, alles Skrupel über Bord zu werfen, denn sie konnte den traurigen Blick der Kleinen nicht länger ertragen.
„Na dann lauf hinüber und hol sie“, meinte Nathalie. Freudestrahlend sprang Maggie auf und stürmte zu Iris. Schüchtern folgte diese ihrer Freundin. Zunächst zeigte sie sich sehr zurückhaltend, doch bald schon vergaß sie ihre Ängste und Sorgen über das Spiel, das sie erst beendeten, als die Lautsprecherdurchsage sie darauf aufmerksam machte, dass das Strandbad in wenigen Minuten geschlossen wurde. Iris verabschiedete sich gerade, als plötzlich ein langer Schatten über sie fiel. Nathalie betrachtete die große, voluminöse Gestalt, die vom Schlafen in der Sonne leuchtend rote Ohren bekommen hatte. Offenbar hatte sie vergessen, diese mit einem Schutz zu versehen. Es war offenbar Iris Mutter, die nicht bester Laune war.
„Was fällt Dir ein?“, fuhr sie ihre Tochter an, „Ich hatte Dir ausdrücklich verboten, Dich von dem Platz dort wegzubewegen. Und was machst Du? Gehst da mit den erstbesten, wildfremden Menschen mit. Na warte, wenn wir zu Hause sind.“
„Also, ich kann sagen, sie hat sich auch nicht wegbewegt“, fühlte sich Nathalie bemüßigt, das Mädchen in Schutz zu nehmen, weil sie es schon als äußerst ungerecht empfand. Wie konnte man nur mit einem Kind zum See gehen und es dann zwingen, einfach stillzusitzen und nichts tun zu dürfen? „Wir haben sie geholt, damit sie mit uns spielt. Ich habe auf sie aufgepasst.“
„Ach ja, und Sie“, wandte sich die Dame nun mit ihrer geballten Aggression Nathalie zu, „Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Wollen hier wohl die Übermutter heraushängen lassen, indem Sie alle anderen vorführen und mit Ihren Kindern spielen? So großartig. Aber ich sag Ihnen was, nicht mit meinem Kind. Wie soll die je Disziplin lernen, wenn sie nicht ein paar Stunden sitzen kann ohne bespaßt zu werden? Sie haben mir mein Kind für das Leben ruiniert und Sie müssen froh sein, dass ich Sie nicht anzeige. Oder Ihnen eine Leihgebühr verrechne. Vielleicht tue ich das auch noch. Also, nähern Sie sich nie wieder meinem Kind.“ Perplex stand ich da. Sie hingegen packte Iris unsanft am Arm und stapfte mit ihr davon.
„Mach Dir nichts draus“, riss Maggie Nathalie aus ihren Gedanken, „Die ist immer so.“
„Mir tut nur Iris leid“, gab Nathalie zurück. Es war ein dummer Satz, denn sie wusste genau, dass Mitleid niemandem half. Aber was könnte helfen?
Habt Ihr eine Idee, wie man helfen könnte oder wie Nathalie reagieren sollte? Schreibt es mir gerne in die Kommentare. Ich bin gespannt auf Eure Vorschläge.


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