novels4u.com

Life is too short for boring stories

„Nur noch einen kleinen Moment will ich hier bleiben, will ich bleiben“, sagt er, denn die atmende Lebendigkeit ist so unverhofft und neu, so ungekannt und schön, dass er meint, einfach nur stehen zu bleiben, um nicht mehr enttäuscht, nicht mehr entzweit zu werden, um bloß noch das schwer Errungene festzuhalten, einander zu halten.

„Du weißt“, wirft sie vorsichtig ein, „dass Festhalten und Stehenbleiben Stagnation bedeuten, dass das Verharren in einem Zustand, und sei er auch noch so schön, zur Austrocknung führt, und das Hier und Jetzt kann noch nicht alles sein, kann lange noch nicht alles sein.“

Damit nimmt sie ihn an der Hand, um ihn behutsam, aber doch bestimmt, aus dem Zimmer zu führen und mit ihm die Treppen weiterzugehen, im Schein der sechzehn Kerzen, den Weg bis zum nächsten Durchlass fortzusetzen, und wiederum finden sie Bilder an den Wänden, Bilder, die leer sind, nichts weiter, als weiße, unberührte Leinwand, und statt eines Titels, finden sie die Aufforderung:

„Malt mich!“

Außer den leeren Leinwänden finden sie nichts, was zum Malen zu gebrauchen wäre.

„Wir waren doch jetzt“, beginnt er laut zu überlegen, „in einem Raum für die Vergangenheit und einem für die Gegenwart. Welcher fehlt jetzt noch?“

„Der für die Zukunft“, antwortet sie spontan, „Und nachdem die Zukunft offen ist, kann auf den Bildern nichts gemalt sein, und sobald was darauf gemalt ist, sind sie schon wieder im falschen Zimmer. Wir müssen sie malen, Aber es ist doch eigentlich herrlich zu sehen, wie viele leere Bilder es noch gibt, uns gibt.“

Einen kurzen Moment besinnt er sich und stellt fest, dass sie gesagt hatte, wir müssen sie malen, als wäre ein Gemeinsam, ein Wir bereits fraglos gegeben.

Sie spürt, wie sie versucht ihn zu vereinnahmen, fraglos und mit aller Selbstverständlichkeit.

Doch er nimmt sie an den Händen:

„Ich will mit Dir malen, will, dass wir malen, nicht alles und jedes, aber gerade so viel, dass es uns guttut, gerade so viel, uns selbst nicht zu übersehen.“

„Das ist gut“, antwortet sie unvermittelt, und schenkt ihm sein Lächeln zurück, im Schein der sechzehn Kerzen.

Hier geht es zu Tag 17.

Aus dem Buch: Adventreise ins Miteinander

Adventkalenderbücher

Auf der Suche nach dem Sinn von Weihnachten

Das gewebte Bild

Das leere Geschäft

Der Pilgerweg

***

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: