Neid ist schäbig

Neid ist schäbig – Alle Geschichten

Alanya ist seit zwei Tagen in Österreich. Mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder. Auf abenteuerlichen Wegen kamen sie hierher. Es war unerträglich für sie und ihre Familie geworden. Vor allem, nachdem ihr Vater gestorben war. Nicht als Held. Einfach so. Und hatte die Frauen mit dem kleinen Jungen alleine gelassen. Alanya war hungrig und sie fror. Warum nur war es so schrecklich kalt hier? Eine nette Dame hatte die verängstigten, ausgehungerten und frierenden Menschen zu einer Stelle gebracht, von der sie gemeint hatte, hier würden sie Essen und Kleidung erhalten. Als erst hatten sie versucht, sich zu verständigen, aber nachdem das nicht klappte, hatte sie die fremde Frau einfach an der Hand genommen und hierhergebracht. Dann war sie gegangen. Zum Abschied sagte sie noch ein paar Worte, aber Alanya verstand sie nicht.

Es war gut, dort zu sein. Alanya und ihre Familie wurden herzlich aufgenommen. Sie bekamen zu essen und warme Kleidung, doch vor allem war dort auch eine Frau, die Alanyas Sprache beherrschte, so dass sie sich verständlich machen konnte. Endlich angekommen, ausruhen.
„Gerade heute ist eine Lieferung mit Wintersachen hereingekommen“, hatte Rahja zu Alanya gesagt. Endlich nicht mehr frieren, das war das Wichtigste. Auch ein Bett bekamen sie. Sie fühlten sich zum ersten Mal seit Langem wieder sicher. Morgen würden sie weitersehen.

Nach dem Frühstück lud Rahja sie ein, ein bisschen spazieren zu gehen. Freudig nahmen sie an und während sie sich umsahen, die neue Umgebung erkundeten, erkundigten sie sich über Möglichkeiten, die Sprache zu lernen, eine Arbeit zu finden. Alanyas Mutter war ausgebildete Krankenschwester und das Mädchen selbst hatte Schneiderin gelernt. Da würde sich sicher etwas finden, versprach ihnen Rahja. Da ließ eine laute Stimme Alanya aufhorchen. Auf der anderen Seite der Straße standen zwei Frauen, die sie wütend musterten.
„Schau Dir das an“, sagte die eine, „So ein Pack. Die geben sich nicht mit Second-Hand-Kleidung zufrieden, nein, Markenbekleidung brauchen sie. Schau mal, dieses Gör dort drüben, das ist doch sicher eine von diesen schrecklichen Ausländern, die wir jetzt hier in unserer Stadt haben. Und was hat sie an? Einen Mantel von Bugatti. Und der Kleine? Das ist doch eine Tommy Hilfiger Jacke, die er trägt. Genau so eine hatte mein Sohn auch. Ich meine, die war so letzte Saison. Deshalb habe ich sie in die Altkleidung gegeben. Aber für die dort drüben immer noch viel zu gut. Die werden wirklich mit dem Teuersten versorgt. Das scheint gerade gut genug zu sein, für dieses Pack.“
„Wie recht Du hast, meine Liebe“, gab ihr ihre Begleiterin recht, „Alles vom Feinsten und dann kriegen sie noch eine Wohnung und ein Handy. Alles, wofür wir hart arbeiten müssen.“
„Weißt Du, was mein Mann immer sagt?“, fuhr die erste fort, „Wenn ich noch einmal auf die Welt komme, dann werde ich Asylant bei uns, denn dann bekomme ich alles ohne einen Handgriff zu machen. Und nun hör Dir das an.“
„Was denn?“, fragte die andere.
„Deutsch können sie auch nicht, reden irgendeinen Kauderwelsch daher“, antwortete die erste rasch.
„Das ist das nächste“, bestätigte die zweite, „Wollen sich einfach nicht integrieren, bemühen sich nicht einmal, die Sprache zu lernen.

Alanya hatte natürlich kein Wort verstanden. Wie sollte sie auch, nach zwei Tagen in Österreich? Aber es war ihr klar, dass diese beiden Damen, ihnen nicht wohlgesonnen waren. Rot vor Zorn war die eine geworden, während ihre Stimme immer schriller und durchdringender wurde, während die andere immer blasser wurde. Es ist schon fatal und bezeichnend, wenn man auf andere herabblicken muss, um sich selbst besser vorzukommen. Menschen, die selbst alles haben, wohl mehr sogar, als sie brauchen, gönnen anderen nicht einmal warme Kleidung, ein Essen und ein Dach über dem Kopf. Und wer weiß, vielleicht war die Jacke, die nun Alanyas Bruder trug, genau die, die diese Dame achtlos weggeben hatte. Für ihren Sohn war sie nicht mehr gut genug, aber wer anderer hatte sie sich auch nicht verdient. Es sind nicht Falten oder ein Doppelkinn, das hässlich macht, sondern diese Art der Mussgunst. Neid ist schäbig und spiegelt sich in den Gesichtern. Rahja, die jedes Wort verstanden hatte, machte es wütend und traurig. Kurz überlegte sie, hinüberzugehen und etwas dazu zu sagen, doch dann beließ sie es bei einem, „Ich wünsche den Damen einen wunderschönen Tag.“ Rahja sah noch, wie die beiden Inländerinnen mit offenem Mund dastanden und ihr nachblickten, während sie Alanya und ihre Familie weiterführte, weg von so viel Missgunst und Neid. Sie würden noch früh genug verstehen.

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