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Life is too short for boring stories

Die Soiree machte ihrem Namen alle Ehre. Verschiedenste Künstler*innen, mehr noch welche, die sich dafürhielten, bestritten das Programm. Verschiedentlich wurde rezitiert und gesungen. Es war mir völlig unmöglich, mich auf irgendetwas zu konzentrieren, außer auf sie. Es war, als wäre die ganze restliche Welt versunken und es gab nur mehr sie und mich. Dann endlich nahm sie ihren Platz neben dem Flügel ein. Sie ließ ihre glockenhelle Stimme erklingen. Wäre ich ihr nicht bereits restlos verfallen gewesen, spätestens in diesem Moment hätte mich dieses Schicksal ereilt. Doch dafür war es schon zu spät. Zuletzt beendete sie ihre Darbietung mit einem leichten Nicken ihres Köpfchens. Königlich wirkte jede ihrer grazilen Bewegungen. Danach zerstreute sich die Gesellschaft. Auch das nahm ich nur aus den Augenwinkeln wahr. Ich folgte ihr mit meinen Blicken, zunächst. Endlich ließ sie sich auf einem Kanapee nieder. Irgendetwas an der Art ihrer Bewegungen erfüllte mich mit Sorge. Deshalb nahm ich all meinen Mut zusammen und wagte es, mich ihr zu nähern.

„Verehrteste gnädige Frau“, sprach ich sie an. Ich musste mich sehr anstrengen, denn ich war zu aufgeregt. Belegt und zittrig hörte sich meine Stimme an. Lächelnd wandte sie sich mir zu und schenkte mir, dem Unwürdigen, ihre huldvolle Aufmerksamkeit.

„Was kann ich für Sie tun, Herr …“, erwiderte sie, mit ihrer sanften Stimme, „Verzeihung, ich glaube, wir wurden einander noch nicht vorgestellt. Ich bin Elisabetta Mandl.“

„Elisabetta, was für ein bezaubernder Name“, entfuhr es mir, so unvermutet, dass es mir nicht möglich war, die Worte zurückzuhalten, „Entschuldigen Sie, aber ich bin nach wie vor so angetan von ihrer Darbietung, dass ich wohl sehr brüsk auf Sie wirken muss. Mein Name ist Kaspar Mauser.“

„Wie liebenswürdig Sie sind zu einer Verlorenen, Herr Mauser“, sagte sie sanft, beinahe verhalten.

„Nein, nein, ich bin nicht liebenswürdig. Es gibt keine Worte, die ihren Liebreiz auch nur annähernd adäquat beschreiben könnte“, hörte ich mich erwidern und fragte mich ernsthaft, ob das wirklich ich war, der da sprach. Zumindest die Stimme würde passen, aber das Gesagte?

„Sie übertreiben schamlos. Ich bin doch nichts weiter als eine arme, kleine Frau, eine, wie alle anderen“, gab sie zurück.

„Verzeihen Sie meine Dreistigkeit“, wagte ich nun einen Vorstoß, „Aber ich hatte die Befürchtung, Sie befänden sich nicht ganz wohl. Kann ich Ihnen in irgendeiner Weise zu Diensten sein?“

„Das ist sehr galant von Ihnen, überaus galant“, meinte sie, mit aller weiblichen Wärme, „Aber mir kann niemand helfen. Ich bin eine Verlorene. So spielt nun mal das Schicksal. Nicht mit allen meint es dieses gut. Natürlich, ich habe ein Heim und alle Annehmlichkeiten, aber was nützt das, wenn es keine Wärme, keine Zuneigung gibt. Genug, ich darf nicht klagen, es wäre ungerecht, auch gegenüber der Großzügigkeit meines Gemahls. Ich habe alles, was ich brauche.“

„Alles, außer Liebe“, wurde ich nun beinahe schon tollkühn in meiner Vorgangsweise, „Was nützt das andere alles, ohne die Liebe, ohne einen Mann, der Sie auf Händen trägt, wie es Ihnen gebührt. Ist er tatsächlich so herzlos, ihr Gatte?“

„Er kann ja nichts dafür und ich habe mich schließlich für ihn entschieden“, gab sie zurück, beinahe schon hauchend, „Dennoch, das Herz einer Frau. Sie verstehen?“

„Und wie ich verstehe!“, stieß ich unmissverständlich hervor, was auch immer ich damit meinte, konnte ich selbst nicht erklären, aber das wurde auch nicht verlangt.

„Ich bin so glücklich, dass es einen Menschen auf dieser großen, weiten Welt gibt, der mich versteht“, erwiderte sie, mir eines ihrer atemberaubenden Lächeln schenkend, „Wollen Sie sich nicht zu mir setzen?“

„Von Herzen gerne“, erwiderte ich wahrheitsgemäß, „Nichts würde ich lieber tun, als mich hier zu ihnen zu setzen, Sie anzusehen, Ihnen zuzuhören und Sie lächeln zu sehen. Aber so lange sie so unglücklich sind, kann ich nicht einfach hier sitzen und abwarten. Ich werde jetzt sofort noch zu Ihrem Mann gehen und Sie von ihm erlösen. Von Mann zu Mann. Und wenn ich das letzte ist, was ich tue.“

„Nein, tun Sie das nicht!“, entfuhr es diesem Engel. Voll Bangigkeit und Sorge waren ihre Worte, doch das stachelte mich noch mehr an.

„Kann ich denn die anmutigste aller Frauen leiden sehen? Nie und nimmer. Es muss geklärt sein, dann erst werde ich Ruhe finden. Sehen Sie mich geschlagen oder als Ihren Retter“, damit wandte ich mich hocherhobenen Hauptes und stolzgeschwellter Brust von ihr ab und meinem vermeintlichen Widersacher zu.

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