Voller Vorfreude hatte Tatjana das Heim verlassen und je länger sie über ihre Idee nachdachte, desto besser gefiel sie ihr. Doch es galt noch einiges vorzubereiten, bevor sie diese in die Tat umsetzen konnte. „In drei Tagen komme ich wieder“, hatte sie ihrem Vater noch zugesagt, bevor sie sich von ihm verabschiedete. Mehr wollte sie nicht verraten, denn es sollte eine Überraschung werden.
Tatsächlich saßen sie drei Tage später in ihrem Auto und fuhren weg, weg von der Tristesse des Heimes, Tatjanas Verlust und der Herausforderung, der sie sich noch stellen musste. Doch zuvor galt es noch etwas zu tun, wovon sie nicht wusste, wie viel Zeit noch blieb, um es auszuführen, es wahr zu machen. Wie oft denken wir, wir sollten dies oder jenes noch machen, weil es uns angeblich wichtig ist. Dennoch verschieben wir es, weil es gerade nicht passt oder anderes Dringender zu sein scheint oder was wir noch an Ausreden bei der Hand haben. Das wiederholen wir immer wieder, bis es aus irgendeinem Grund zu spät ist. Das durfte nicht passieren. Lächelnd sah Tatjana zu ihrem Vater, der neben ihr am Beifahrersitz saß und nicht wusste, was vor sich ging. „Du wirst es noch früh genug erfahren“, hatte Tatjana Roland versprochen und er hatte nicht weiter nachgefragt, denn er vertraute seiner Tochter. Vielleicht hatte er auch die Sorge, sie würde ihn in dieses lebensfeindliche Heim wieder zurückbringen, wenn er zu viel fragte. Schweigend fuhren sie hinein in den Sonnenschein. Nach einiger Zeit war Roland eingeschlafen. Tatjana konzentrierte sich auf die Straße.
Roland erwachte, weil Tatjana den Motor abschaltete. Blinzelnd sah er sich um. Wo waren sie nur? Von Ferne stieg eine Erinnerung in ihm auf. Viele Jahre waren vergangen, aber diese hatten die Bilder von Damals nicht verblassen lassen. Ganz im Gegenteil, sie waren klarer als jene, die er von den letzten Tagen hatten, von diesem Ablauf, der sich immer und immer wiederholte, von der sterilen Umgebung, dem professionellen Umgang und dem Schweigen derer, die nichts mehr zu sagen hatten, weil das Leben nicht mehr ihnen gehörte, sie keine Erlebnisse hatten, die die Zeit strukturieren würde. Das Schlimmste an einem Leben, in dem man selbst nichts mehr tun konnte, war die Strukturlosigkeit, die mit dem Mangel an Möglichkeiten einherging. „So hatten mir die Menschen ihre Situation geschildert, wenn sie lange arbeitslos waren. Das Fehlen von Aufgaben, das dazu führte, dass sie sich irgendwann selbst aufgaben. Es war, als wären sie nichts mehr wert, in einer Welt, in der nur der zählt, der Leistung bringt, also arbeiten geht“, dachte Roland für sich.
„Das ist doch der Bungalow, den wir damals gemietet hatten“, fasste Roland seine Erinnerungen in Worte, „Deine Mutter und ich. Es war der letzte Urlaub, den wir miteinander als Paar verbracht haben. Es ist so gut, wieder da zu sein.“
So richteten sie sich ein, in dem Bungalow. Eigentlich richtete Tatjana ein, was nicht schwierig war, denn sie hatten nicht viel mit. Mehr war nicht notwendig, für diese Zeit, die sie hier in dem Bungalow verbringen würden, der nur wenige Meter vom Meer entfernt lag. Vor dem Gebäude lag eine kleine Terrasse, auf der es sich Roland gemütlich gemacht hatte. Kurz darauf servierte ihnen Tatjana ein einfaches Abendessen. Als sie fertig gegessen hatten, saßen sie miteinander da und blickten auf die unermüdlich sich nähernden und entfernenden Wellen.
„Es war der Sommer im Jahr 2001“, begann Roland zu erzählen, „Kurz zuvor war Igor ausgezogen. Alexander wohnte schon länger nicht mehr bei uns. Schließlich waren die Burschen alt genug, 22 und 20, denke ich, um für sich alleine zu sorgen. Du kennst ja unsere Wohnung, es war doch ein wenig eng. Die letzten Jahre waren davon geprägt gewesen, vom Eltern-sein, doch plötzlich standen wir wieder da, als Paar, wie am Anfang. Es war eine herausfordernde Situation, denn wir hatten bis zu einem gewissen Grad darauf vergessen, wie das ging. Irina, Deine Mutter schlug deshalb vor, diesen Urlaub zu machen, nur wir zwei. Wir wollten herausfinden, ob es uns gelingen würde, wieder zusammenzufinden oder ob wir, nun ja, getrennte Wege gehen wollten, weil wir unsere Gemeinsamkeit verloren hatten.“ Tatjana schnürte es die Kehle zusammen, denn sie hatte zwar von diesem Urlaub gewusst, denn sonst hätte sie den Bungalow nicht ausfindig machen können, aber ihre Mutter hatte immer nur erzählt, es wäre der wichtigste Urlaub ihres Lebens gewesen. Tatjana hatte angenommen, weil es so schön war, aber nun erfuhr sie, dass es mehr war. Sie waren bereit gewesen, eine Entscheidung zu darüber zu treffen, wie ihr zukünftiges Leben aussehen sollte, miteinander oder getrennt.
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