Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Roland Winter saß auf der Couch, auf die er von der Betreuerin gesetzt worden war in dem Pflegeheim, in dem er nun lebte, nachdem es nicht mehr möglich gewesen war, ihn zu Hause zu versorgen. Tatjana, seine Tochter, die sich neben ihrer Arbeit als Sozialarbeiterin um ihn gekümmert hatte, musste letztlich einsehen, dass sie es nicht mehr schaffte. Die fortschreitende Demenz machte es notwendig, ihn rund um die Uhr im Auge zu behalten. Sie hatte wirklich ihr Möglichstes getan, doch bevor sie selbst kaputt gegangen wäre, hatte sie sich dazu durchgerungen, ihn hier unterzubringen. Dennoch blieb das schlechte Gewissen, denn schließlich hatte er sich immer um sie gekümmert, vor allem, nachdem ihre Mutter, Irina gestorben war. Tatjana war gerade einmal 15 Jahre alt gewesen und ihre Mutter ihre engste Vertraute. Und obwohl für ihren Vater der Verlust seiner Frau ebenso schmerzhaft war wie für die Tochter, vermochte er sie aus dem Loch der Verzweiflung zu retten. Doch Tatjana war es nicht möglich, für ihn da zu sein, nicht so, wie er es gebraucht hätte. Sie versuchte es auszugleichen, indem sie ihn so oft wie möglich besuchte.
Roland saß auf der Couch im geräumigen Gemeinschaftsraum der Betreuungseinrichtung, während seine Tochter Tatjana neben ihm saß und seine Hand hielt. Sein Zustand hatte sich in den letzten Wochen dramatisch verschlechtert. Oftmals erkannte Roland seine Tochter nicht wieder. Ebenso häufig kam es vor, dass er Tatjana mit ihrer Mutter Irina verwechselte. Die Tochter ließ es geschehen, denn in diesen Momenten schien er besonders glücklich zu sein. Wozu sollte sie das zerstören? Kleine Momente der Freude, die so selten geworden waren, die wollte sie ihm gönnen. Ab und an jedoch nahm er sie als die wahr, die sie war. Heute allerdings schien er gänzlich in sich verloren zu sein. Es war Tatjana, als würde er seinen Abschied leise vorbereiten, als gäbe es hier nichts mehr zu sagen oder zu erkennen, nichts mehr, was es wert wäre oder er war zu müde, des Lebens müde. Auch das ließ Tatjana zu, ohne zu drängen oder zu fordern. Schließlich ging es hier nicht um sie, sondern nur um den Mann, der sich den Großteil ihres Lebens, aufopfernd um sie gekümmert hatte. Doch es schmerzte, ihn so zu sehen, den Mann, der so lebenslustig, engagiert und tatendurstig war, der nie die Neugierde und die Offenheit verloren hatte. Dieser war nun klein, bedürftig und in sich verloren. Tatjana fragte sich, wie es war, dort wo er sich mit seinen Gedanken aufhielt.
„Tatjana, schön dass Du da bist“, sagte er unvermittelt, als wäre er aus einem Traum erwacht, so klar und deutlich, dass Tatjana ein paar Momente brauchte, um zu begreifen, was los war.
„Ich bin auch froh, dass Du da bist“, erwiderte sie lächelnd, „Wie geht es Dir?“
„Wie es einem eben geht, in diesem Heim“, meinte er achselzuckend, „Aber es ist warm, ich habe zu essen und letztlich sind die Betreuerinnen nicht allzu schlimm. Ich denke, sie tun wirklich ihr Bestes, aber es ist nicht leicht, unter den Umständen. Schlecht bezahlt, zu wenige Menschen für zu viel Arbeit. Es ist überall das Gleiche. Und dann sind da lauter Leute, die für nichts mehr gut sind. Also im Sinne des Kapitalismus. Nutzlos, Schmarotzer, verschwendete Ressourcen an wen, aus dem nichts mehr wird, von dem nichts mehr zu erwarten ist.“
„Aber auch alles Menschen, die ihr ganzes Leben lang getan haben, was sie konnten“, erwiderte Tatjana traurig, „Du hast so viele für andere getan, ohne Dich zu schonen. Es ist Zeit, dass Du was zurückbekommst.“
„Ach Kind, genau das hätte ich auch gesagt, nehme ich an, aber es fühlt sich trotzdem so an, als wäre man nur noch lästig. Manche können es nicht erwarten, dass wir so schnell wie möglich abtreten“, sagte Roland in seiner nüchtern, analysierenden Art, „Aber jetzt erzähl mir von Dir. Wie geht es Dir? Was tut sich, in der ach so fernen Welt, dort draußen, vor der Haustüre?“
„Was die Weltlage dort draußen betrifft, ist es nicht lustig“, fasste Tatjana zusammen, „Und was mich betrifft, ist es noch unlustiger. Zusammengefasst, mein Freund hat mich fallengelassen und ich bin auf die Straße gesetzt worden, auf Betreiben des Vaters meines Freundes. Das ist die Lage.“
„Das klingt nach einer großen Herausforderung“, meinte Roland ruhig und Tatjana war ihm dankbar, für diese wenigen Worte, die ihre Lage nicht mit oberflächlichen Mitleidsäußerungen abtaten, sondern die Situation als das präzisierte, was sie war, eine Herausforderung. Doch sie enthielten noch mehr, implizit die Versicherung, dass es eine Herausforderung war, die sie meistern konnte. Bestärkt fuhr Tatjana nach Hause, in die Wohnung, in der sie noch vor Kurzem mit ihrem Vater gelebt hatte. Und plötzlich hatte sie eine Idee.
Du möchtest erfahren, welche Idee Tatjana hat? Du erfährst es im zweiten Teil der Geschichte „Dr. Hakler“, der am 19. März erscheint. Komm vorbei und lies weiter oder abonniere den Blog. Dann wirst Du automatisch informiert, wenn wieder eine Geschichte erscheint.

