Das namenlose Geschlecht (11): Die Freiheit, nicht gebraucht zu werden

„Einfach leben und sonst nichts. Minimalismus pur“, wiederholte meine Freundin, „Und den Mann nicht zu brauchen. Das klingt viel zu verführerisch und simpel um wahr zu sein.“

„Siehst Du, Du misstraust der Einfachheit“, entgegnete ich, „Warum nur?“

„Weil es grotesk wäre, wenn es stimmte“, fasste sie zusammen, was wohl viel denken würden, „Wir rackern uns das ganze Leben lang ab, suchen und suchen, verrenken, verdrehen und verspannen uns, und dann wird gesagt, das war alles für den Hugo? Meinst Du, das ist so einfach zu akzeptieren, plötzlich zu hören, dass alles, was man gemacht hatte, ein Unsinn ist und dass das, worauf es ankommt, eigentlich schon immer in uns war beziehungsweise vor unserer Nase?“

„Und nur um sich das nicht einzugestehen, machen wir lieber weiter wie bisher, um doch zu keinem Ergebnis zu kommen? Bloß um ein falsches Selbstbild aufrechtzuerhalten?“, fragte ich im Gegenzug, „Warum ist es so schwer zu sagen, das was ich bis jetzt machte, war eben nicht das Richtige, ich probiere was Neues. Ist es nicht eher so, dass es das Leben spannend hält. Es kann auch einfach heißen, dass ich bis jetzt noch nicht bereit dazu war, denn Einfachheit zu leben bedarf auch der eigenen Entwicklung.“

„Die Einfachheit und das Leben“, resümierte sie abermals, „Und sich nicht halten und nicht besitzen lassen. Meine eigene Frau sein. Unabhängig von einem Mann, den ich nicht brauche. Also streichen wir die Männer aus unserem Leben und alles ist gut.“

„Das habe ich nicht gesagt“, entgegnete ich postwendend, denn ich fand mich wieder einmal grob missverstanden, „Denn jemand nicht zu brauchen, bedeutet nicht, dass er nicht einen wichtigen Platz in meinem Leben einnehmen kann. So gesehen brauche ich auch die Frau nicht. Eigentlich ist es kein Problem in der modernen Welt alleine zu überleben, also ohne nähere soziale Verbindung. Wie man sich dabei fühlt ist eine andere Sache. Aber es geht. Nicht zu brauchen, also nicht abhängig zu sein, nicht angewiesen zu sein entlastet mich und den Partner. Wenn ich auf einen Mann angewiesen, von ihm abhängig bin, so bedeutet das für ihn Verantwortung. Ich werde nie wissen, ob er bei mir bleibt, weil er will oder weil er seine Verantwortung ernst nimmt. Wenn ich sagen kann, ich brauche Dich nicht, dann gebe ich ihm damit die Möglichkeit sich zu entscheiden. Es ist ein Miteinander in Freiheit und Selbstbestimmtheit. Und diese Freiheit führt dazu, dass ich mich öffnen kann, weil ich als ich selbst angenommen bin. Stell Dir vor, es gibt jemanden um Dich, der auf Dich angewiesen ist. Ich würde niemals Ruhe finden. Würde ich morgen sterben, so wäre es in dem Bewusstsein, jemand alleine zu lassen, der ohne mich nicht leben kann, im schlimmsten Fall. Werde ich nicht gebraucht, so habe ich die Beruhigung, dass derjenige nach meinem Tod weiterleben und glücklich sein kann. Das ist es doch, was ich mir wünsche, für die Menschen, die ich liebe. Nichts weiter, als dass sie zufrieden und glücklich und lebendig sind. Und wenn ich das weiß, dann ist es gut. Dann begegnen wir einander auf Augenhöhe, ganz egal ob Mann oder Frau, wenn man einander anerkennt und annimmt, ohne zu meinen, dass einer überlegen und der andere unterlegen ist, dann ist es wie es sein soll. Dann können wir einander entdecken und lernen, selbst mehr werden. Das ist nicht möglich, wenn einer unterdrückt wird. Er kann nie selbst sein. So ist es nicht nur so, dass Frauen unter Unterdrückung leiden, sondern auch viele Männer, wenn sie das Spiel mitspielen müssen. Viele wollen das nicht mehr. Jeder Mensch hat ein Potential, das er nur in Freiheit ausleben kann. Davon profitieren alle.“

„Und deshalb ist die Sache des Feminismus richtig verstanden eine, die Mann und Frau angeht“, vernahm ich eine Stimme, die hier eigentlich nicht hergehörte, obwohl es eine vertraute Stimme war. Verdutzt drehten wir beide den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Heimlich, still und leise hatte es sich der Freund meiner Freundin in einem Lehnstuhl gemütlich gemacht.

„Wie lange bist Du schon da?“, fragte sie unwillkürlich.

„Lange genug, um zu wissen, dass ihr es euch nicht schlecht gehen lasst, auch ohne mich“, entgegnete er schelmisch, „Und es hatte tatsächlich ein klein wenig den Anschein, als wärt ihr auch ohne Mann sehr zufrieden, in eurer körperlichen Verbindung. Aber vielleicht, weil ihr auch in Eurem Denken noch zu sehr dem alten Prinzip verhaftet seid. Ich will Euch die Geschichte von Lilith erzählen, und dann werdet ihr verstehen, was ich meine.“

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