Wilhelm und Margarete saßen also am Tischende der großen Tafel. Für 20 Personen war gedeckt worden, wie Wilhelm feststellte und seiner Frau mitteilte. Doch sie vertratuen der Wirtin, die sie schon so lange kannten und harrten der Dinge, die da kommen mochten. Endlich ging die Türe auf und etliche Personen traten ein, als hätten sie darauf gewartet, bis der rechte Moment gekommen wäre, um sich zu dem Tisch zu begeben. Die Schlage wurde angeführt von zwei jungen Frauen, die ein kleines Kind auf dem Arm trugen.
„Liebes Brautpaar, wir gratulieren herzlich zum 50. Hochzeitstag“, eröffnete die eine Frau, als sie direkt vor Wilhelm und Margarete zum Stehen kamen, „Darf ich Ihnen meine Frau Elena, unsere Tochter Elise und mich, Fabienne vorstellen? Wir haben unsere Eltern verloren und würden uns freuen, wenn wir mit Ihnen feiern dürften.“ Damit überreichten sie dem Paar eine Vase mit der Aufschrift: „Liebe kennt keine Grenzen.“
„Oh wie schön ist das denn?“, fragte Margarete ihren Mann, „Es wäre schön, wenn Sie mit uns feiern. Und mein Beileid zum Verlust ihrer Eltern. War es ein Unfall.“
„Sie konnten nicht ertragen, dass wir zwei Frauen sind, die sich lieben und auch noch ein Kind adoptiert haben“, erklärte Fabienne in aller Offenheit. Margarete und Wilhelm konnten nicht fassen, was sie hörten. Wie konnte man nur das eigene Kind verstoßen und dazu noch aus so einem trivialen Grund?
„Schön, dass ihr da seid, bitte nehmt Platz“, meinte Wilhelm.
Nachdem die kleine Familie Platz genommen hatte, traten wiederum ein Paar auf sie zu, das zwei Kinder an den Händen hielten, die schon groß genug waren, um alleine zu gehen.
„Liebes Brautpaar. Auch wir möchten uns den Glückwünschen anschließen“, erklärte der Mann, „Wir möchten ebenfalls mit Ihnen dieses Jubiläum festlich begehen.“ Der kleine Junge und das kleine Mädchen lösten sich von ihren Eltern und gaben Wilhelm und Margarete einen Strauß Blumen.
„Sieh nur Wilhelm, die Blumen haben dieselbe Farbe, wie die meines Brautstraußes“, meinte Margarete und Tränen der Freude liefen über ihre Wangen.
„Bitte, setzt Euch zu uns, wir freuen uns, dass ihr da seid“, meinte Wilhelm.
„Auch wir haben unsere Familie verloren“, erklärte der Mann, „Es lag an der Religion. Ich bin Jude und meine Frau Muslima. Wir wurden verstoßen.“
„Wie viel Hass doch im Namen der Religion geschieht“, meinte Wilhelm kopfschüttelnd.
Weitere neun Personen kamen auf sie zu, brachten ihre Glückwünsche dar und überreichten ein Geschenk. So unterschiedlich diese Menschen auch sein mochten, so hatten sie doch alle eines gemeinsam, sie hatten ihre Eltern verloren, nicht weil sie gestorben waren, sondern weil die Kinder aus irgendeinem Grund nicht in ihr Konzept passten, weil sie nicht den Erwartungen entsprachen oder weil sie kein Interesse an ihnen hatten. Es wurde ein wunderbarer Tag und zuletzt wurden Telefonnummern ausgetauscht, Einladungen ausgesprochen und Hilfsangebote gemacht.
„So viele Menschen gibt es, ganz in unserer Nähe, die ihre Eltern verloren haben“ meinte Margarete, als die beiden am späten Abend in ihrem Wohnzimmer saßen und sich über die vergangene Feier unterhielten.
„Und wir haben unsere Kinder verloren“, ergänzte Wilhelm, „Wie gut das passt. Wir haben Kinder und Enkelkinder gefunden und sie jemanden, der für sie da ist, wie Eltern es sein sollten. Ist das nicht wunderbar? Ich fühle mich gleich viel weniger nutzlos.“
„Und ich kann wieder nach Herzenslust backen und kochen, denn schon am nächsten Wochenende werden wir das Haus voller Kinder haben“, sagte Margarete lächelnd, „Es wird so schön sein, all das Lachen und Toben. Es wird wieder Leben in unserem Haus herrschen. Wie sehr ich das vermisst habe.“
„Und ich werde den Kleinen in meiner Werkstatt beibringen, wie man tischlert und drechselt und repariert“, merkte Wilhelm an, der den Enthusiasmus seiner Frau uneingeschränkt teilte.
„Und wir werden gemeinsam Gemüse anbauen, pflegen und ernten“, ergänzte Margarete und konnte es kaum erwarten, die Kinder wiederzusehen.
„Was für eine wunderbare Idee von Maria“, erklärte Wilhelm, „Menschen mit anderen zusammenzubringen, so dass man sich gegenseitig unterstützen und helfen und ausgleichen kann, was die anderen verloren haben, aus welchem Grund auch immer. Und ich freue mich, dass Du an meiner Seite bist, so dass wir das gemeinsam erleben dürfen.“
„Ich bin froh, dass Du bei mir bist und wir leben dürfen“, erklärte Margarete und drückte ihrem Mann einen Kuss auf die Wange.

