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Life is too short for boring stories

Sie wandten sich von mir ab, meine Kolleg*innen. Wenn ich direkt jemanden ansprach, so bekam ich eine knappe, ausweichende Antwort. Peinlich berührt schienen sie durch meine Anwesenheit zu sein. Ich durchlief in Gedanken die letzten Tage, prüfte ob irgendetwas vorgefallen war, was dieses Verhalten rechtfertigen konnte, doch ich fand beim besten Willen nichts. Mein Gewissen war rein, als ich an die Türe klopfte, die in das Zimmer des Direktors führte. Nach einer kurzen Wartezeit, in der ich keine Reaktion bemerkte, trat ich vorsichtig ein. Das Zimmer des Direktors war klein, und die vielen Leute, die darin standen, wild durcheinander sprachen und gestikulierten, ließen es noch kleiner wirken. Deshalb hatte wohl auch keiner mein Klopfen bemerkt. Kein Wort war zu verstehen, aber es war amüsant den Leuten zuzusehen, doch da wurde meine Anwesenheit entdeckt und betretenes Schweigen trat ein. Es war interessant, denn dies geschah wie auf ein heimliches Kommando. Aller Augen waren auf mich gerichtet, und diese Aufmerksamkeit war keineswegs wohlwollend. Dazu brauchte man kein Hellseher zu sein. Ich erkannte die Mütter einiger meiner Schüler, ganz vorneweg Max Mutter, mit ihrem wunderbaren schottischen Akzent, den sie so wunderbar zur Geltung zu bringen vermochte.

„Grüß Gott! Sie haben mich rufen lassen, Herr Direktor“, sagte ich artig.

„Ja, das habe ich. Ich möchte nicht um den heißen Brei herumreden, sondern sogleich in medias res gehen: Sie wurden beschuldigt, einen Schüler unsittlich berührt zu haben und mit ihm anschließend allein gewesen zu sein“, erklärte mir der Direktor.

„Aha“, war das einzige, was ich zu meiner Verteidigung hervorbrachte, weil ich keine Ahnung hatte wovon eigentlich die Rede war.

„Sie hat meinen Sohn berührt, wo es nicht schicklich ist“, erklärte nun Max Mutter.

„Das habe ich mir gleich gedacht, bei dem Chaos im Unterricht, und ich kann den Vorfall bestätigen“, hakte nun eine andere Mutter nach.

„Und Manieren bringt sie den Kindern auch keine bei“, wusste eine weitere Mutter zu berichten.

„Wenn ich daran denke, sie war ganz alleine mit meinem Sohn, eine ganze Stunde lang. Ich will mir gar nicht vorstellen was sie mit ihm alles gemacht hat, aber er spricht ja auch nicht darüber. Er hat keine Worte für das Entsetzliche“, fuhr nun Max Mutter fort.

„Max wird gerade von einem Psychologen befragt. Aber woher wissen Sie das?“, fragte nun der Direktor nach.

„Max hat es mir erzählt“, antwortete Max Mutter.

„Und Lara hat es auch gesehen“, bestätigte die andere Mutter.

„Und mir hat es mein Sohn erzählt, zumindest kryptisch. Sie sind ja noch so unschuldig die Kinder, die wissen ja gar nicht was da geschehen ist. Das kann man sich doch denken. Eine erwachsene Frau …“, erklärte die dritte Mutter.

„Ich habe Max die Hand auf seine gelegt, weil er so unglücklich war, und dann haben wir versucht Sie anzurufen. Wir waren alleine im Lehrerzimmer, fünf Minuten lang“, versuchte ich nun die Situation zu deeskalieren.

„War das wirklich so?“, fragte der Direktor nach.

„Ach was, zugeben wird sie es, aber was Max sagte war eindeutig. Ich kann ja zwischen den Zeilen lesen“, beharrte Max Mutter.

„Und Lara hat auch noch nie gelogen, aber was wissen wir von der, nichts. Wir kennen unsere Kinder“, erklärte die zweite Mutter.

„Jawohl, immer versuchen Sie sich rauszureden, aber ich weiß was ich weiß“, beharrte die dritte Mutter.

„Max hat die Angaben der Frau Professor bestätigt“, mischte sich nun der Psychologe ins Gespräch ein.

4 Gedanken zu “Berühren verboten (2)

  1. oma99 sagt:

    Ein Kind kann sagen, was es will. Ebenso wie bei den Erwachsenen wird aber nur gehört, was gerade in das eigene interne Bild von der Welt, der eigenen Situation und der gewünschten Situation des sprechenden Menschen passt. So wird fleissig interpretiert, leider zumeist ohne Sachverstand und ohne die wirkliche Situation wahrnehmen zu wollen. Es werden Gerüchte in die Welt gesetzt, andere bauen diese dann in ihre interne eigene Welt ein und verbreiten wieder ohne Kenntnis des realen Sachverhaltes weitere Gerüchte – ihre als einzig maßgeblich angesehen Version – alles was dies auf die Realität zurückführen könnte wird sehr gerne benutzt um jemand zu verteufeln, Wahrheiten zu verdrehen oder schlichtweg zu leugnen.
    Wir erleben dies gerade auch mit den Corona-Schwurblern. Statt sachdienliche Information und kontruktiver Kritik oder Nachfrage, dreht sich alles um unausgegorene Gerüchte und Verdrehungen. Menschen machen sich so „ihre“ Welt – doch leider oft genug machen sie sie real kaputt.
    Dieser Teil der Story hat mich auf dem falschen Fuß erwischt, daher mußte ich in meinem Kommentar ein wenig der Schwurblerei einer Bekannten heute morgen auf- und einarbeiten. Sorry.

    1. novels4utoo sagt:

      Liebe Nadine! Es gibt nichts zu entschuldigen, ganz im Gegenteil, es ist so wahr und ich erlebe es auch immer und immer wieder. Ignoranz und Voreingenommenheit nennt man das wohl. Ein sehr stimmiger Kommentar, treffend wie immer. Danke für Deine Gedanken und ich hoffe, Du kannst den Ärger damit gehen lassen.

      1. oma99 sagt:

        Danke, liebe Daniela!
        Menschen wie Dich zu kennen, Menschen die aussprechen was geschieht und mit daran arbeiten es besser zu machen, ist was mir Kraft und Mut gibt. Was mich weitermachen lässt…
        Komm gut ins neue Jahr!

      2. novels4utoo sagt:

        Liebe Nadine! Du machst mich ganz verlegen. Trotzdem freue ich mich und das kann ich vollinhaltlich zurückgeben. Es gibt ganz besondere Menschen und Du gehörst dazu. Pass auf Dich auf und auf ein Wiedersehen 2021.

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