Revolutionär*innen tanzen

Revolutionär*innen tanzen – Aktivismus

Seite an Seite hatten sie gekämpft, auf den Barrikaden, die sie miteinander errichtet hatten, aus dem, was ihnen zur Verfügung stand, ein Bollwerk gegen die Unterdrückung, die Machtgier, die Unterwerfung unter all das, was das Leben verhindert. Sie hatten gekämpft und würden weiter kämpfen, wenn es wieder an der Zeit war, so lange, bis alles Unterdrücker, Ausbeuter, Lebensverachter aus dem Weg geräumt waren. Es war einmal, da hatte sie daran geglaubt, tatsächlich war sie sogar davon überzeugt gewesen, dass man die Menschen nur darauf hinweisen müsse, was sie anderen antaten, um ihre Vorgangsweise zu ändern. Wenn sie sich dessen bewusst wären, dann würden sie fragen, was es denn an Alternativen gäbe, wenn man sein Leben ändern würde und mit diesem das Millionen anderer Menschen.

Man darf sie als naiv titulieren, denn im Nachhinein betrachtet schien es sonnenklar zu sein, dass dem nicht so sein konnte, aus dem schlichten Grund, dass diejenigen, die andere unterdrückten, auf Grund dessen ein gutes Leben führten. Dazu kam noch, dass es notwendig war, diese Unterdrückten an der kurzen Leine zu halten, denn sobald sie mehr Freiheiten hätten, wäre es ihnen auch möglich, sich politisch zu betätigen und das System in Frage zu stellen. So lange sie jedoch ausschließlich damit beschäftigt waren, zu überleben und ihre Familien halbwegs zu ernähren, zu kleiden und unterzubringen, hatten sie kein Potential für anderes. Das war ihr jetzt klar, damals jedoch nicht. Deshalb traf sie die Reaktion der Reaktion – wie passend – völlig unvorbereitet. Diese ging vom höflichen Hinweis, sie als Frau solle sich doch nicht ihr hübsches Köpfchen durch politische Gedanken zerzausen lassen. Das täte ihr übrigens nicht gut, denn das zarte, weibliche Gemüt verkrafte solch harte, männliche Fakten nicht. Dafür wäre es nicht gemacht, da zu zart besaitet und zu emotional. Sie solle sich doch auf das weiblich Wesentliche konzentrieren, sich was Hübsches anziehen, den koketten Augenniederschlag üben, aber vor allem in Haushaltsfragen bewandert sein, damit sie sich den Mann, den sie sich angelte, gut versorgen könne und dann am besten noch ein bis fünf Kinder in die Welt setzen. Viel öfter jedoch wurde sie beschimpft, gedemütigt, herabgewürdigt und mit Gewalt bedroht. Es war nicht schön, aber wichtig, denn es lehrte sie, dass man keine Veränderung mit Worten erreichen konnte, sondern nur mit Taten, mit gemeinsamen Taten. Deshalb war sie auf den Barrikaden und wenn es gerade keine Barrikaden gab, dann leitete sie Kundgebungen, hielt Reden und schrieb agitatorische Texte. Dabei ging es nicht darum, andere zu überzeugen, sondern den bereits Überzeugten Mut und Hoffnung zuzusprechen, sie nicht darauf vergessen zu lassen, was das Ziel war und blieb. Und deshalb hatte sie auf den Barrikaden gestanden, so lange es notwendig war, bis der Kampf vorüber war. Aber wann war der Kampf vorüber? Wenn sie den Sieg davontragen würden. Viele Rückschläge hatten sie erleiden müssen. Die Reaktion hatte gesiegt. Immer und immer wieder. Die Oligarchen, den Geldadel im Rücken, der sie ausstattete, mit Waffen und Munition. Die Hand auf den Medien, die ihre hegemoniale Stellung zementierten. Die Kamerad*innen in Verliesen verschwinden ließen, dank einer rechtsgerichteten Justiz. Und in manchen Fällen auch durch das Zagen und die Feigheit der eigenen Seite. Nicht nur 1934. Obwohl, es geschah im selben Monat, im selben Jahr, aber an zwei Schauplätzen. 06. Februar 1934 in Paris. 12. Februar 1934 in Wien. Der Kampf gegen den Faschismus auf beiden Seiten. Doch in Frankreich war es ein Angriff, die faschistischen Kräfte niederzuringen, in Österreich ein angegriffen werden, eine Verteidigung, eine Defensive, die nur verloren gehen kann. Was passierte sahen wir. Das Geld trimphiert über die Arbeitermassen. Die Minorität über die Majorität. Ungarn, auch. Deutschland, ebenso. Spanien, ja. Uvm. Dennoch werden wir Barrikaden bauen, wenn die Zeit gekommen ist, nicht mutlos werden. Denn wir haben das Lachen, das Tanzen, die Freude, das Leben und den Frieden.

Du sagst:
Lachen sei nicht angebracht, angesichts der noch zu vergießenden Tränen.
Freude sei nicht angebracht, angesichts des anhaltenden Schmerzes.
Tanzen sei nicht angebracht, angesichts des allumfassenden Leides.
Frieden sei nicht angebracht, angesichts des ständig irgendwo stattfindenden Krieges.
Leben sei nicht angebracht, angesichts der vielen Toten, die wir zu betrauern haben.

Du sagst:
Erst wenn alle Tränen geweint sind, aller Schmerz vergangen, alles Leid gesühnt, alle Kriege beendet, alle Toten gerächt sind, dann darf man lachen, tanzen, sich freuen und leben.
Und Du sagst es mit solcher Ernsthaftigkeit, wie es Deiner Meinung nach der Würde eines Kämpfers geziemt. Ernst, bitter, verbohrt, eisig und leblos. Wie es der Würde eines Kämpfers geziemt.

Ich sage:
Es wird immer Tränen geben, die zu vergießen sind, doch es ist auch angebracht zu lachen, um nicht auszutrocknen.
Es wird immer Schmerz geben, der auszuhalten ist, doch er lässt Freiräume zur Freude, die uns zeigt, wozu wir weitermachen.
Es wird immer Leid geben, gegen das wir uns auflehnen, aber auch die Inseln des friedvollen Miteinander, in denen es angebracht ist, zu tanzen und unserer Verbundenheit Ausdruck zu verleihen.
Es wird immer Tote geben, die wir zu beweinen haben, die eine Lücke in unsere Reihen reißen, doch wir müssen leben, um ihrer in Ehrlichkeit zu gedenken.
Das ist die Würde der Kämpferin und des Kämpfers, zu wissen, was wann zu tun ist, sich nicht unterkriegen zu lassen, weder vom Feind noch von der eigenen Lebensfeindlichkeit und zu tanzen, zu lachen, zu singen und zu leben.

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