Der vergessene Hund

Der vergessene Hund – Alle Geschichten

Es war einmal, und es ist noch gar nicht so lange her, in einem Wirtshaus, das an einem Wanderweg lag und gerne von jenen Leuten frequentiert wurde, die eben jener Aktivität frönten. Dementsprechend voll war es in den warmen Jahreszeiten und leer in den kalten. Aber es hatte immer offen, denn die alte Frau, die das Wirtshaus seit fast 50 Jahren führte, hielt sich streng an den Grundsatz, keinen Gast abzuweisen. Eines Tages, es war mitten im Mai und sehr warm, kam ein großer Mann mit Vollbart und einem schwarzen Hund. Es war sehr voll und deshalb achtete Frau Schweiger nicht weiters auf ihn. Er bestellte ein Bier, trank es in einem Zug leer und ging dann hinaus. Dem Hund befahl er, zu bleiben. Brav lag er unter der Bank und wartete, doch die Stunden vergingen und sein Herrchen kam nicht wieder. Zuletzt war der Schankraum leer, bis auf den kleinen schwarzen Hund. Frau Schweiger gab ihm Wasser und etwas zu essen. Das nahm er an, aber seinen Platz verließ er nicht.

„Was sollen wir mit ihm machen?“, fragte Frau Schweiger ihre Urenkelin, die auf Besuch war. Das quirlige, aufgeweckte Mädchen mit den roten Locken und den Sommersprossen, das auf den Namen Sylvia hörte, sah den Kleinen an, der verschreckt wirkte, aber gleichzeitig gewillt, so lange zu warten, bis sein Besitzer wiederkäme.
„Ich würde sagen, wir lassen ihn einfach liegen und wenn er was will, wird er sich rühren“, meinte Sylvia und so machten sie es. Mitten in der Nacht vernahmen sie dann tatsächlich ein klägliches Winseln an der Türe. Der Hund huschte hinaus, um wenige Sekunden später wieder hereinzuschlüpfen und seinen Platz unter der Bank einzunehmen. Sylvia ließ ihn. Nur eine Decke hatte sie ihm aufgebreitet, auf der er sich einrollte.

So vergingen die Tage und Wochen. Stoffel hatten sie den Hund genannt und in seinem Verhalten hatte sich nicht viel geändert, aber doch schon ein bisschen. Eines Tages war er ins Schlafzimmer von Sylvia getrottet und hatte es sich auf dem Teppich neben ihrem Bett bequem gemacht. Auch machte er längere Ausflüge um das Haus herum, aber nie so weit, dass der dieses aus den Augen verloren hätte. Er nahm an, was er bekam. Aber dennoch war es ihnen, als würde er das Warten nicht aufgeben. Oft genug sprang er fröhlich herum, spielte mit Artgenoss*Innen, die mit den Menschen mit zu der Hütte kamen, aber er blieb stets wachsam.

Eines Tages, es waren mittlerweile zehn Jahre vergangen und Stoffel war aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken, kam er wieder, der Mann mit dem Vollbart, der den schwarzen Hund einfach dagelassen hatte. Wie damals bestellte er ein Bier und trank es in einem Zug leer. Stoffel saß neben ihm und sah ihn an. Dann stand der Mann auf und rief: „Komm, Hund, wir gehen, ich nehme Dich wieder mit.“ Sylvia glaubte, das Herz würde ihr stehenbleiben und eine ungeheure Wut bemächtigte sich ihrer. Was war das für ein Mensch, der seinen Hund einfach irgendwo ließ und zehn Jahre später meinte, er könne einfach hereinspazieren und ihn wieder mitnehmen.
„Ich finde, Stoffel sollte entscheiden, was er will“, meinte Frau Schweiger zu ihrer Urenkelin.
„Es ist schrecklich, aber ich denke, Du hast recht“, stimmte ihr Sylvia zu, „Und das, wo er ihm nicht einmal einen Namen gegeben hat. Nennt ihn einfach Hund.“

Da stand er also, der Mann mit dem Vollbart und der kleine, schwarze Hund sah zu ihm auf, während er sich zur Türe wandte und diese öffnete. Dann drehte er sich nochmal zu Stoffel um. Der stand auf, lief nochmals zu ihm, aber er folgte ihm nicht, sondern versteckte sich in Sylvias Schlafzimmer im Bett, zwischen den Decken.
„Ihr gebt mir jetzt sofort meinen Hund heraus“, blaffte er die zwei Frauen an.
„Deinen Hund? Wir haben uns zehn Jahre lang um ihn gekümmert, haben ihn beherbergt und seinen Schmerz um den Verlust mitgetragen. Das ist nicht Dein Hund“, erklärte Sylvia mit fester Stimme, „Und er hat eine eindeutige Entscheidung getroffen.“
„Ich werde Euch die Polizei auf den Hals hetzen, ihr Hundediebe!“, fauchte der Mann noch, um dann endlich das Haus zu verlassen.
„Ich denke, ab jetzt müssen wir noch besser auf Stoffel aufpassen“, sagte Frau Schweiger, „Wer weiß, vielleicht rächt er sich an ihm.“
Doch der Mann mit dem Vollbart ließ sich nie wieder blicken und Stoffel musste nicht mehr warten, denn er wusste, wohin er gehörte.

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