Ich dachte, ich hätte mir etwas dabei gedacht. Aber nun weiß ich nicht mehr, ob es tatsächlich was mit Denken zu tun hatte und nicht nur diese emotionale Ader in mir, die bei einem Akt der Solidarität und Hilfeleistung, der vom Moment geboten ist, der Ansicht ist, dass das eine gute Sache wäre. Ich habe allerdings nun erfahren, dass es ziemlich dumm ist, einen solchen Akt, der genau dann hilft, wenn es notwendig ist, denn das kann nur jemand gut finden, der das Große und Ganze nicht im Blick hat, sondern eben diese einzelne Facette, die dann beklatscht wird, ohne sofort zu kritisieren, dass es da sicher Hintergedanken gibt, also es sich keine altruistische, sondern vielmehr eine opportunistische Tat handelt. Wie konnte ich, ich Dummerchen, tatsächlich so in der Box bleiben, in meinem Denken oder eben nicht denken, sondern in meiner, aus Gefühlsüberwallung resultierenden Zuspruch. Was für ein Glück, dass es da Menschen gibt, die das Große und Ganze im Blick haben, wenn ich Dummerchen das schon nicht kann. Sonst würde Schlimmes passieren.
Ein Flughafen hat in der Silvesternacht die Halle für Hunde und ihre Begleiter*innen geöffnet, damit sie dort ruhig und gelassen, diese Kriegsnacht verbringen konnten, denn rund um den Flughafen ist Feuerwerks- und Böllerverbot. Was für ein tolles Angebot, für all die Menschen und ihre vierbeinigen Freund*innen, die sonst keine Möglichkeit haben, dem Krawall, der die Hunde stark unter Stress setzt, auszuweichen. Das hätte ich nicht getan, hätte ich das Große und Ganze gesehen, denn der Flughafen hat sicher Hintergedanken. Da ist es völlig irrelevant, ob ein paar hundert Hunde nicht hyperventilieren oder gar einen Infarkt vor lauter Angst erleiden, denn das ändert nichts am Großen und Ganzen.
Es wäre auch fatal zu goutieren, einer Organisation zu spenden, die sich für Obdachlose einsetzt, damit sie wieder von der Straße kommen. Oder einer anderen, die dafür sorgt, dass jedes Kind in Österreich zumindest eine warme Mahlzeit am Tag bekommt. Oder einer dritten, die sich darum kümmert, dass Tiere – egal welche – nicht einfach verkommen. Das ändert doch alles nichts am Großen und Ganzen. Es spielt doch keine Rolle, wenn man ein paar Menschen vor dem Erfrieren oder Angriffen Rechtsextremer schützt, weil sie ungeschützt auf der Straße sind. Es ist ebenso irrelevant, dass Kinder, die eine warme Mahlzeit bekommen, gesünder sind und besser ins Leben starten, weil sie etwas Anständiges zu essen bekommen. Und vor allem, ist es völlig nebensächlich ob ein paar oder ein paar mehr Tiere ein gutes Leben führen können, denn das verhindert nicht das schlechte Leben Millionen anderer. Das alles braucht einen nicht zu interessieren, denn es zählt nur das Große und Ganze.
Man könnte auch einen Menschen, der gerade am Ertrinken ist, in Ruhe sterben lassen, muss man sogar, weil jemand, der das Große und Ganze sieht, keinen Blick für ein Einzelschicksal hat. Man braucht auch eine Frau, die vergewaltigt wurde, nicht ärztlich zu versorgen, denn es ist ja nicht der einzelne Mann schuld, sondern man muss das Große und Ganze ändern. Man braucht auch kein Kind vor dem pädophilen Onkel zu retten, so weit es überhaupt in Erscheinung tritt, denn zum Glück sind diese Kinder ruhig und verschwiegen, damit die, die es können, das Große und Ganze im Blick behalten können.
Das klingt doch alles plausibel?
Und dennoch kann ich mir nicht helfen – aber wahrscheinlich verstehe ich es nicht besser – dass man gleichzeitig Hilfe in aktuellen Notsituationen gewähren und das Große und Ganze im Auge behalten kann. Außer, man will gar nicht helfen, dann steht man, wie dereinst Napoleon mit der einen Hand im Revers und der anderen ein Fernrohr ans Auge pressend, mit dem man den Horizont nach dem Großen und Ganzen absucht, während sich unter einem die Toten türmen, die man getrost ignorieren kann, weil sie nichts mit dem Großen und Ganzen zu tun haben.

