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Life is too short for boring stories

Es war einer jener seltenen Nachmittage, an denen ich mich, bewaffnet mit Laptop und Tee auf der Couch verkriechen konnte, um nichts weiter zu tun, als zu schreiben. Ich vermeinte in meinem Tun versunken zu sein, als ich aus dem Augenwinkel ein Vorbeihuschen wahrnahm. Es war irritierend, insofern, als dass ich in diesen Momenten unter normalen Umständen nicht einmal ein Vorbeitrampeln wahrnehmen würde, so sehr bin ich darin verstrickt, doch in diesem Moment hatte ich mich sogar von einem bloßen Huschen ablenken lassen. Nachdenklich sah ich auf, als mir die Ursache bewusst wurde, denn es geschah ein weiteres Mal, dass Du durch das Wohnzimmer gingst und damit mitten durch mein Blickfeld.

„Könntest Du Dir bitte was anziehen?“, sagte ich gedehnt, da es mich natürlich ablenken musste, wenn Du nackt durch die Wohnung liefst.

„Warum?“, entgegnetest Du, genau vor mir im Gehen innehaltend, „Lenke ich Dich etwa ab?“

„Ja, das tust Du durchaus, das weißt Du. Ich habe Dich schon so oft gebeten, Dir was anzuziehen, und nicht nackt herumzulaufen“, erklärte ich, „Ich weiß schon, Du sollst Dich wohl fühlen, und aus irgendeinem unerfindlichen Grund, fühlst Du Dich so wohl, aber ich würde es begrüßen, wenn Du es änderst.“

„Bringe ich Dich auf vielleicht gar auf sinnliche Gedanken?“, fragtest Du, und nun gelang es mir beim besten Willen nicht mehr Deinen anzüglichen Unterton zu überhören.

„Ich denke daran, wie treffend der Ausdruck ‚schlumpumpenartiges Geschlechtszeichen‘[1] doch ist“, erwiderte ich gelassen.

„Was Du immer für Wörter hast“, meintest Du stirnrunzelnd, „Aber nett hört sich das nicht an.“

„Erstens ist es nicht mein Wort, sondern das von Helene von Druskowitz“, erklärte ich geduldig, ob Deiner offensichtlichen Wissenslücke, „Und zweites soll es auch gar nicht nett sein.“

„Du willst mir aber nicht damit sagen, dass Dir das herausragendste Tribut meiner Männlichkeit nicht gefällt?“, fragtest Du.

„Doch, genau das, und Du musst doch zugeben, dass dieses kleine, schrumpelige Ding nicht einmal den bescheidensten ästhetischen Ansprüchen gerecht wird“, sagte ich gerade heraus.

„Aber er hat Dir doch immer gefallen?“, unternahmst Du einen neuerlichen Versuch.

„Ich habe nie gesagt, dass er mir gefällt“, erwiderte ich in aller Offenheit.

„Und welcher gefällt Dir dann, wenn nicht meiner?“, fragtest Du, ein wenig gekränkt, wie es schien.

„Gar keiner“, musste ich zugeben, „Falls Dich das beruhigt. Aber bitte was soll mir daran gefallen? Der schlumpumpelt so die ganze Zeit herum und meint was Großes darzustellen.“

„Aber es gibt doch Momente, in denen er Dir große Freude bereitet?“, unternahmst Du einen weiteren Versuch, Deine männliche Ehre zu retten.

„Das ist richtig. Aber das sind auch die Gelegenheiten, wo er sich die meiste Zeit versteckt“, erklärte ich, weil es auch der Wahrheit entsprach.

„Ich werfe Dir ja auch nicht vor, dass Deine Brüste schlabberiger geworden sind“, meintest Du nun einwerfen zu müssen.

„Deshalb laufe ich auch nicht nackt herum“, erklärte ich ruhig, „Und der Unterschied ist, bei mir sind sie es geworden, bei Dir war es immer schon so. An dieser Stelle drehtest Du Dich wortlos um und kamst einige Momente später wieder, bekleidet mit einer Boxer Short.

„Und, entspreche ich nun den ästhetischen Ansprüchen der gnädigen Frau?“, fragtest Du provokant, wobei mir natürlich nicht entging, dass Du mir schmolltest.

Und weil ich das nicht so stehen lassen wollte, nahm ich Dich an der Hand, bugsierte Dich ins Schlafzimmer und ins Bett, woraufhin ich das tat, was ich Dir vor einigen Minuten noch verboten hatte, Dich auszuziehen. Liebevoll betrachtete ich das kleine, runzelige Schlumpumpending, denn man kann auch unästhetische Dinge liebevoll betrachten. Vor allem, weil es nicht lange so blieb. Bereits wenige Minuten später, nachdem ich mich eingehend damit beschäftigt hatte, war er weder klein noch runzelig und schon gar nicht mehr schlumpumpelig, sondern eher beeindruckend. Eigentlich hätte ich Dir das auch noch sagen können, aber so weit waren wir bei unserem Gespräch nicht gekommen und jetzt gehörte es sich nicht, denn wie wurde mir schon in frühester Kindheit beigebracht? „Mit vollem Mund spricht man nicht“.


[1] v. Druskowitz, Helene (1988); Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt: pessimistische Kardinalsätze, Kore, S. 35.

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