Von einer, die auszog (3)

Von einer, die auszog (3) – Alle Geschichten

„Wo bist Du jetzt?“, entfuhr es Elisa unwillkürlich, weil sie kaum glauben konnte, was sie las. „In Griechenland“, erklärte Magdalena trocken. „Wie ist das gegangen?“, wollte Elisa wissen, „Was ist mit dem Haus?“ „Du weißt ja, dass ich immer weg wollte, aber nicht unbedingt, um dann wieder an einem Ort zu bleiben, sondern ich wollte mehr. Deshalb bin ich auch bei jemand anderen eingezogen. Wer hätte denn ahnen können, dass ich letztlich wieder mit einem Haus dastehe und quasi angekettet bin“, begann Magdalena zu erzählen, „Freunde haben mir eine billige Wohnung in Griechenland vermittelt und ich nahm einen Untermieter ins Haus, der dort kostenlos wohnen durfte, aber sich dafür verpflichtete, kleine Reparaturen am Haus vorzunehmen. Er hatte gemeint, er wäre ein guter Handwerker und würde das ohne Probleme erledigen können. Es stellte sich heraus, dass er stinkfaul war und nichts von dem machte, was er versprochen hatte. Mein Auto hatte ich verkauft und alle Verträge gelöst, die mich irgendwie banden. Als erstes dachte ich, ich könnte ohne all diese Annehmlichkeiten nicht leben, aber siehe da, es funktionierte. Es brauchte zwar eine gewisse Umstellungszeit, aber man gewöhnt sich an fast alles. Und jetzt bleibe ich ein paar Monate in Griechenland.“

Mit nichts als einem kleinen Rucksack war Magdalena nach Griechenland gereist, um für ein paar Monate zu bleiben. Sie wurde immer genügsamer und spürte, dass es ihr guttat. Es war der zweite Befreiungsschlag. Der Tod ihres Freundes in Bulgarien hatte ihr zu der Einsicht verholfen, dass der Mensch auf alles verzichten könnte, nur nicht auf Menschen, die einem guttun. Ihre Familie hatte sie angefleht, wieder einmal sehr vehement, nach Hause zurückzukehren, in die Gutbürgerlichkeit mit all ihren Zwängen und Ticks. Doch für Magdalena stand fest, dass sie eher auf der Straße schlafen würde, bevor sie wieder nach Österreich zurückkehren würde. Aus den wenigen Monaten wurden letztlich drei Jahre. Schon zu dieser Zeit lebte sie minimalistisch, allerdings hatte sie die Wohnung zur Miete. Selbst das bedeutete irgendwann für sie ein Zuviel an Gebundenheit. Andererseits war sie auch ein wenig unsicher, denn was wäre, wenn sie diesen letzten sicheren Hafen, diese Rückzugsmöglichkeit aufgeben würde, wenn sie nichts mehr hätte als die Sachen, die sie in ihrem Rucksack unterbringen konnte? Was wäre, wenn sie scheiterte? Nach vielen intensiven Überlegungen und ebensolchen Recherchen, hatte sie letztlich beschlossen, es einfach zu wagen. Denn zumeist, so war sie mittlerweile überzeugt, führen nicht äußere Umstände dazu, dass wir scheitern, sondern die innere Einstellung. Diese zeigt uns auch den Weg, selbst wenn es zunächst so aussehen sollte, als wäre es schiefgegangen. Deshalb kaufte sie sich ein Flugticket nach Israel und gab die Wohnung auf. Auf sich allein gestellt, mit nichts als den paar Habseligkeiten, die in ihren Rucksack passten, trat sie die Reise ins Ungewisse an. „Was sagt Deine Familie dazu?“, fragte irgendwann Elisa, die in die Pläne ihrer Freundin eingeweiht war. „Die denken, dass ich jetzt völlig durchdrehe“, erklärte Magdalena lapidar. „Das ist auch das, was ich mir von ihnen erwartet habe“, meinte Elisa, „Ich finde es bemerkenswert, was Du machst.“ „Ich weiß nicht, ich finde daran nichts bemerkenswert“, erwiderte Magdalena nachdenklich, „Ich will auch niemandem sagen, es ist der beste Weg zu leben, nur für mich fühlt es sich richtig an. Deshalb will ich auch nicht allzu viel darüber reden, sondern einfach machen.“ „Ich bin der Meinung, dass man über das, was Du denkst und tust zumindest nachdenken kann. Viele sind unglücklich in unserer Gesellschaft und das wohl, weil sie den falschen Werten anhängen, über die sie zu leben vergessen“, sagte Elisa, „Sie leben so, wie es die anderen wollen und nicht wie sie selbst. Es wird auch immer schwerer zu wissen, was sie selbst wollen, weil sie ständig nur daran denken, was ihnen eingetrichtert wird. Davon muss man sich erst mal befreien können. Es beginnt bei der Frage, was von dem, was ich habe brauche ich wirklich, was tut mir gut und was belastet mich nur unnötig, so wie Du es tust. Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute und lass Dich nicht beirren.“

So ließ Magdalena alles hinter sich, selbst die letzte Bastion einer Mietwohnung und reiste nach Israel. Sie würde von nun an nur mehr in Hostels übernachten, obwohl es ihr schwerfiel, ein Zimmer mit anderen Menschen zu teilen. Ja, sie hatte Angst, aber dennoch wusste sie genau, dass es genau das war, was sie wollte. Mit diesen gemischten Gefühlen kam sie in Jerusalem an. Was sie in den nächsten Monaten erlebte, hätte sie wohl niemals auch nur vermutet.

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