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Life is too short for boring stories

So schnell sie konnten und so schonend für das kleine Schweinemädchen wie möglich, liefen sie zum Haus des Tierarztes Dr. Leopold Wagenscheidt. Seine Ordination lag am Hauptplatz des Ortes, im Erdgeschoss eines jovialen Biedermeierhauses, das sich in den Ort irgendwie verirrt zu haben schien. Seine Wohnung lag im ersten Stock. Ein kurzer Blick auf die Tafel beim Eingang bestätigte, dass sie außerhalb der regulären Ordinationszweiten gekommen waren.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Pippa entmutigt.

„Trotzdem anläuten. Die Kleine kann nicht warten“, entschied Leo resolut, und ein kurzer Blick auf das Bündel in Pippas Armen bestätigte das. Aber es gab kein Zurück mehr, denn Leo läutete bereits.

„Was wollt ihr hier?“, wurden die Mädchen besonders freundlich von einer behäbig wirkenden Frau mit Schürze begrüßt.

„Wir müssen unbedingt zum Herrn Doktor“, erklärte Leo, die sich nicht beirren ließ, weder durch den Ton noch durch den Blick, der Pfeile auf sie abzuschießen schien.

„Worum geht es?“, fragte die Frau, in der Pippa die Gattin des Arztes erkannte.

„Mein Ferkel stirbt“, sagte Pippa nur kurz.

„Dann kommt zu den Ordinationszeiten“, war die mitleidlose Antwort. Fr. Wagenscheidt wollte die Türe wieder schließen, doch da kam ihr Leo in die Quere, die wohl die Absicht erkannt hatte und den Fuß dazwischen gestellt hatte.

„Haben Sie nicht gehört was meine Freundin gesagt hat? Die Kleine stirbt und braucht dringend ärztliche Hilfe“, meinte sie, so laut, dass es wohl sämtliche Nachbarn hören mussten.

„Der Herr Doktor ist gerade beim Essen, und wegen sowas werde ich ihn sicher nicht holen“, entgegnete die Angetraute des Arztes ungerührt.

„Weswegen wirst Du mich nicht vom Essen holen?“, drang eine sonore Stimme aus dem Hintergrund zu ihnen.

„Diese aufdringlichen Gören wollen allen Ernstes, dass Du Dein Essen wegen eines Ferkels kalt werden lässt“, meinte die Angesprochene. Inzwischen hatte der Doktor die Türe geöffnet und einen Blick auf die Kleine geworfen.

„Essen kann man aufwärmen, aber Tote zum Leben erwecken, das kann man nicht“, sagte der Doktor kurz und bündig. Damit schob er seine Frau zur Seite und die Mädchen mitsamt dem Baby in die Ordination.

„Aber da kann ja jeder kommen und überhaupt …“, hörten sie noch im Hintergrund, doch Dr. Wagenscheidt schloss einfach die Türe.

„Nun lasst mich die Kleine mal anschauen“, forderte er die Mädchen auf. Vorsichtig legte Pippa ihr Bündel am Behandlungstisch ab und gab damit den Blick frei auf ein kleines Leben, das zu schwach schien um weiterzuleben, aber noch zu stark um aufzugeben.

„Wie heißt sie denn?“, fragte der Doktor.

„Nanna“, antwortete Pippa wie aus der Pistole geschossen, weil ihr die Göttin aus der nordischen Mythologie eingefallen war und sie sich wünschte, dass die Kleine ebenso wagemutig wäre.

„Also, Eure kleine Nanna ist wirklich sehr schwach. Im Jargon nennt man das einen Kümmerling. In der Nutztierwirtschaft werden sie entsorgt. Man kann auch nie sagen, wie sie sich entwickeln“, erklärte der Doktor fachmännisch, während die Augen der Mädchen immer größer wurden, vor Angst, vor Sorge, „Aber ich werde natürlich tun was ich kann. Ich gebe ihr vorsorglich Antibiotika und eine Nährstofflösung. Ihr müsst die nächsten Tage wiederkommen und eine Spritze abholen. Falls sie dennoch sterben sollte, war sie tatsächlich zu schwach. Ich sage das nur, dass ihr Euch keine Vorwürfe macht. Niemand kann es wissen. Wir werden sehen.“

„Danke, Herr Doktor“, sagte Pippa, die sich schwer tat die Tränen zurückzuhalten.

„Wenn sie munter wird, könnt Ihr versuchen sie zu füttern. Habt ihr ein Fläschchen zu Hause?“, fragte der Doktor weiter.

„Nein, ich denke nicht“, antwortete Pippa, deren Mut zu sinken begann.

„Dann gebe ich Euch eines mit und die passende Babymilch. Das funktioniert wie die Muttermilchersatznahrung bei Menschenbabies“, erklärte der Doktor, während er alles zusammensuchte und Leo in die Hand drückte, „In ein paar Stunden werden wir mehr wissen. Und wenn sie die Nacht übersteht, dann sehen wir uns morgen.“ Damit geleitete er die beiden Mädchen hinaus.

 

„Meinst Du, sie wird noch?“, fragte Pippa leise, als sie sich auf den Heimweg machten.

„Du wirst Dich doch von solchen Prognosen nicht entmutigen lassen?“, sagte Leo energisch, „Die Kleine da wird leben und in einigen Tagen schon auf der Wiese herumhüpfen.“

„Glaubst Du das wirklich oder willst Du mich nur beruhigen?“, hakte Pippa nach.

„Ja, ich glaube das“, erklärte Leo ernst und nachdrücklich.

 

In Pippas Zimmer angelangt setzten sie sich auf die Couch. Es blieb ihnen nichts weiter zu tun, als abzuwarten. Würde sie je wieder aufwachen? Oder würde sie für immer einschlafen?

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