Hilfe, da ist ein Schwein in meinem Garten! (2)

Hilfe, da ist ein Schwein in meinem Garten! (2) – Alle Geschichten

Menschen, die sich bisher hinter ihren Gardinen gut versteckt hatten, waren auf der Straße aufgetaucht, als hätte ein Zauberer mit dem Finger geschnippt und sie
erscheinen lassen. Unschlüssig sahen sie einander an, um zu ergründen, ob es angebracht wäre, nachzusehen wie es aussah in Frau Pruckners Garten. Dann gab sich
der Feuerwehrkommandant einen Ruck, ein gestandener Mann mit großem Bauch und Hängebacken, stolzierte hoch erhobenen Hauptes voran durch die Einfahrt, vorbei an dem Haus, um direkt zur Terrasse und den Garten zu gelangen, aus dem der Schrei erschollen war. „Nur, um zu wissen ob alles in Ordnung ist oder die arme Frau Pruckner nicht vielleicht Hilfe benötigt“, vergaß er nicht dazuzusagen, damit nicht irgendjemand auf die Idee käme, es könne aus reiner Neugierde geschehen. Was es natürlich war. Aber auch wenn das allen bewusst war, war es nur fair, diese Erklärung aufzugreifen und ihm zu folgen.


Bald schon bevölkerte ein buntes Sammelsurium an Dorfbewohner*innen die Terrasse der guten Frau Pruckner. Oder besser gesagt, wurde diese belagert, denn es waren mittlerweile so viele, dass sie sich zusammendrängen mussten. Dem mutigen Feuerwehrkommandanten waren die Kameraden auf den Fuß gefolgt, denn sie wollten zeigen, dass sie genauso mutig waren. Oder sie demonstrierten, dass sie ihrem Anführer überall hin folgten, egal wie gefährlich es war. So genau war das nicht zu eruieren, denn schließlich hatten sie sich nicht dazu geäußert. Diesen waren die Schulkinder gefolgt, die gerade zufällig mit der Lehrerin die Straße entlang gegangen waren. Flugs hatten sie sich davongestohlen und die Pädagogin konnte nichts anderes mehr tun, als ihnen wutschnaubend zu folgen. Und etliche andere Menschen waren ihrem Beispiel gefolgt, die im Einzelnen aufzuzählen langweilig wäre. Das Ergebnis war auf jeden Fall, dass sie dichtgedrängt auf Frau Pruckners Terrasse standen und das Schwein begutachteten, das tatsächlich im Garten stand. Zunächst hatte es noch kurz aufgesehen, um sich sofort wieder seiner bereits zuvor verfolgten Tätigkeit zuzuwenden, dem Verspeisen des Gemüses, das außerordentlich üppig im Garten gedieh. Die Anwesenheit der vielen Menschen schien es nicht im Mindesten zu stören. Es sah auch kein bisschen gefährlich aus. Einfach wie ein normales rosa Hausschwein. Da rannte plötzlich ein kleines Kind, das sich ohne weiteres zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurchschieben konnte, zunächst völlig unbemerkt, die Stiegen von der Terrasse herunter, in den Garten und auf das Schwein zu. Endlich wurde jemand auf die Kleine aufmerksam. „Seht mal, da läuft ein Kind“, hörte man eine aufgeregte Stimme aus der Menge. „Das ist doch die Kleine von den Salvaris, die ist so ein Wildfang und so unberechenbar“, raunte eine Frau den Umstehenden zu. „Kein Wunder, das sind auch so Südländer“, wurde entgegnet, als wären die Kinder der Auswärtigen allesamt Wilde und die dazugehörigen Anverwandten ebenso. „Aber tut doch etwas, sie geht direkt zu dem Schwein!“, ertönte ein beinahe schon hysterisch klingender Ausruf. Doch niemand rührte sich. Das Mädchen, das den klingenden Namen Carina trug, schritt unbeschwert und unbehelligt auf das Schwein zu. Dieses bemerkte die Veränderung und den etwas kurz geratenen Menschen, der auf dieses zukam, ließ von seinen Schmausereien ab und sah sie interessiert an. Die Menschen auf der Terrasse hielten gebannt den Atem an. Jegliche Unterhaltung war verstummt, wie sie es getan hätten, wenn sie einem Dompteur im Umgang mit einem
wilden Tier beobachtet hätten. Ein Stöhnen flutete durch die Reihen, als dieses kleine Ding das Schwein berührte und es hinter den Ohren kraulte, was es sichtlich zu genießen schien. Dann ließ es sich auf die Seite fallen und Carina kraulte seinemächtige Brust. „Lassen Sie mich vorbei!“, riss eine vertraute, herrische Stimme die Menge aus der Starre. Ortspolizist Obereiferer bahnte sich seinen Weg bis in die vorderste Reihe. „Hier spricht die Polizei“, ließ er verlauten, „Erhebe Dich und komm mit erhobenen Händen, so dass ich sie sehen kann, langsam hier herüber.“ Das war seine Au\orderung, doch Carina reagierte nur, indem sie mit dem Kraulen fortfuhr. „Zwing mich nicht, zu Dir zu kommen!“, setzte der Polizist hinzu, doch auch diese Drohung führte nicht dazu, dass Carina in ihrem Tun innehielt, zu sehr war sie darin vertieft. Dann ging alles ganz schnell. Die Spezialeinheit, die Obereiferer angefordert hatte, bahnte sich seinen Weg zu Schwein und Carina, zog das Mädchen weg und sich zurück, während das Schwein aufstand und seelenruhig weiterfraß. Frau Pruckner lag derweil ohnmächtig in ihrem Wohnzimmer. Niemand hatte auf sie geachtet. Als sie merkte, dass alle verschwunden waren, rappelte sie sich auf und gri\ zum Telefon, um die Polizei anzurufen. Die mussten sich um den Mann kümmern, dem das Schwein gehörte. Sie würde dafür sorgen, dass er mit seiner ganzen Brut aus dem Haus geschmissen würde.

(Lifelover, Daniela Noitz)

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