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Life is too short for boring stories

Es war einer jener Abende, die ich gerne mit einem Single Malt Whiskey ausklingen lasse, bedächtig und in Ruhe. Einfach nur zurücklehnen und den herben Geschmack des Gerstengetränks wirken lassen. Als Du Dich zu mir setztest. Es war mir nicht entgangen, dass Du Dich in der Öffentlichkeit immer wie ein Pfau in der Balzzeit benimmst. Ich finde es amüsant und nett zu beobachten, doch an diesem Abend hattest Du mich als Dein Balzobjekt auserwählt. Deshalb unterbrachst Du meine Ruhe, mein Genießen und Ausklingen-lassen. Ich möchte Dir keinen Vorwurf machen, denn das Leise ist nicht Deine Sache und ich hatte auch nicht das Bedürfnis, es Dir zu erklären. Schwungvoll setztest Du Dich zu mir, Dein Anliegen darzulegen.

„Ich durfte mit Freude beobachten, dass Du ein intensives Interesse an mir hast“, leitetest Du Deine Ausführungen ein. Rasch überschlug ich mein Verhalten, konnte aber beim besten Willen nicht erkennen, woraus Du Deinen Schluss gezogen hattest. Wahrscheinlich waren es doppelte Botschaften, die ich aussandte, doppelte, geheime Botschaften, so geheim, dass sie mir selbst verborgen geblieben waren. Deshalb begnügte ich mich, mit einem – hoffentlich – unverfänglichen „Aha“ zu antworten.

„Dazu muss ich eines gleich vorwegschicken“, fuhrst Du ungerührt fort, „Wenn ich mich dazu bereit erkläre, mit Dir eine intime Beziehung einzugehen, so ist es eine mit einem richtigen Mann, nicht so wie diese weichgespülten Für-immer-und-ewig-Treue-sabbernden Weicheier, die die eigentliche Aufgabe des Mannes, die biologisch grundgelegt ist, verleugnen können. Ein Mann ist dazu ausersehen, seinen Samen zu verbreiten, so weit wie möglich. Deshalb muss er – er kann gar nicht anders, so er denn ein Mann ist – so viele intime Beziehungen wie möglich eingehen, um seiner natürlichen biologischen Berufung zu entsprechen.“

„Und wie ist es mit der Liebe?“, wagte ich eine Zwischenfrage.

„Die Liebe ist schändlich“, meintest Du voll innerer Überzeugung, „Sie verpflichtet uns aus irgendeinem dubiosen Grund dazu, uns auf einen Partner zu konzentrieren, ihm treu zu sein und all diesen Firlefanz. Und dann hängen die Paare nach vielen Jahren herum, langweilen sich gegenseitig zu Tode und haben sich nichts mehr zu sagen. Die romantische Liebe zerstört jegliche Gemeinschaft.“

„Du glaubst also nicht an die Liebe?“, warf ich ein, „An gar keine oder nur nicht an die romantische?“

„Was sollen die Wortklaubereien?“, fuhrst Du mich an, schon ein wenig von Deiner wahren Persönlichkeit offenbarend, „Romantisch oder nicht, die Liebe ist nur dazu angetan, den Mann in seiner biologischen Bestimmung und damit als ihn selbst zu reduzieren, um nicht zu sagen, zu kastrieren. Also, ich gehe davon aus, dass Du mit diesem Konstrukt einverstanden bist und es nun kaum mehr erwarten kannst, mir dazu zu verhelfen, meinen Samen noch weiter zu verbreiten.“ Damit griffst Du nach meiner Hand, weil Du von meinem Einverständnis ausgingst und es natürlich keiner Frau einfallen würde, Dich von ihrer Bettkante zu stoßen, der Du das große Privileg Deiner Zuwendung angedeihen ließt. Hocherfreut und beglückt hätte ich wohl sein müssen. Beides fand ich nicht. Deshalb hielt ich Dich im Sitz fest, da ich noch das eine und auch andere zu sagen hatte.

„Zunächst gefällt mir Deine Offenheit“, gestand ich Dir ein, „Deshalb wirst Du auch die meine zu goutieren wissen. Wenn Du Dich auf den biologischen Urtrieb zur Arterhaltung berufst, so hast Du sicher recht. Dabei übersiehst Du aber, dass sich der Mensch so etwas wie entwickelt-sein schimpft. Dazu gehört, dass er sich entscheiden kann, folge ich meinen Trieben oder nicht. Wenn Du Dich darauf berufst und es als unumstößlich siehst, so argumentierst Du wie ein Dreijähriger, der will was er gerade will. Letztlich geht es Dir aber um nichts weiter als um einen Persilschein zum Fremdvögeln, verbrämt mit dem hübschen Mäntelchen der Unausweichlichkeit. Wobei Du es nicht einmal für notwendig erachtest dazu zu sagen, weil es sich aus Deinen Ausführungen ergibt, dass das Weibchen, das ja keinen Samen zu verbreiten hat, während des Fremdvögeln des Männchens, brav zu Hause bleibt und seine Hemden bügelt. Dann noch zur Liebe. Erstens bringst Du verschiedene Begriffe durcheinander. Die romantische Liebe ist nur eine Form, und noch nicht einmal die gelungenste. Nehme ich die Liebe an sich in der Bedeutung der Verbundenheit mit der Lebendigkeit, so bin ich weder fixiert auf einen einzigen Menschen, den zu besitzen ich mir unterstehe, sondern bin in Verbindung mit dem Leben selbst. In dieser Weise ist die Liebe lebensnotwendig. Aber ich denke, Du solltest hinausgehen und den Teil der Damenwelt beglücken, die sich gerne nach dem Einen verzehren, während er in Steinzeitmanier über alles herfällt, was nicht bei Drei am Baum ist.“

„So habe ich das nicht gesagt“, unternahmst Du einen zaghaften Versuch zu widersprechen.

„Aber gemeint“, konterte ich, „Einen schönen Abend noch.“

Als Du gegangen warst, hatte ich endlich die Gelegenheit, meinen Single Malt in Ruhe zu genießen.

2 Gedanken zu “Liebe ist schändlich

  1. oma99 sagt:

    Tatsächlich scheinen manche „Herren“ sich und ihre Art so zu sehen, auch wenn sie es selten derart offen formulieren würden…

    Zumindest ist es erstaunlich, wie viele es als gegeben ansehen, das sie fordern/wollen dürfen und die auserkorene Frau nicht „Nein“ sagen kann.
    Und wenn sie es denn doch tut, so wird das als verschämtes „Ja, bitte bitte doch“ interpretiert. denn es kann ja nicht sein, das sie tatsächlich nicht will…

    Zum Glück gibt es auch eine gute Anzahl Männer, die da ein wenig weniger von sich eingenommen sind.

    Nichts desto trotz finde ich es unfaßbar, was oft genug in den Köpfen (bzw. in der Hose) mancher Herren abgeht – denn „Männer“ sind diese wohl kaum.

    Ob sich ein „Herr“ findet, der diesen Text nutzen kann und will, zum „Mann“ zu werden?

    Gefällt 1 Person

    1. novels4utoo sagt:

      Ja, es gibt auch die anderen, zum Glück. Und ich denke nicht, dass sich die Samenverstreuermachos von diesem Text umstimmen lassen, aber hoffentlich verstehen die anderen, die nicht dieser Ansicht sind, das als Bestätigung, dass sie den richtigen Weg gehen.
      Die Aussage stammt übrigens von einem gewissen David Richard Precht, seines Zeichens Popstar unter den Philosophen heute, öffentlich kundgegeben in einer Talkshow. Man fasst es nicht, die Anwesenden haben dazu applaudiert. Übrigens wurde es auch von einem jener Herren geteilt, die ganz seiner Meinung sind. Was den Herrn Precht betrifft, so dachte ich einige Zeit, es ist gut, was er macht, sein Auftreten gegen Massentierhaltung, die Aufarbeitung der Geschichte vor allem der Philosophie bezüglich Umgang mit Tieren, bis ich erfuhr, dass er nicht einmal Vegetarier ist. Jetzt ist natürlich fraglich, was daran glaubwürdig ist, wenn ich den anderen sage, es ist falsch Fleisch zu essen und es selber tue. Aber die Frage kann sich jeder selbst beantworten.

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