Tia konnte es sich nur so erklären, dass sie aus einer Bauernfamilie stammte, die einen großen Hof besaß und in der Gemeinde sehr angesehen war. Stets fleißig, gottesgläubig und unauffällig. Das war das Credo. Deshalb wohl, war sie auch gut genug für die bürgerliche Marianne, deren Vater ein hoher Beamter war und die Mutter eine perfekte Hausfrau. Doch auch auf diesen Punkt ging Marianne in ihrem Brief ein.
„Du kannst Dich erinnern, damals im Kindergarten?“, fuhr Tia mit ihrer Lektüre von Mariannes Brief fort, „Du warst schon damals so, wie soll ich sagen, anders. Ich erlaubte Dir, meine Freundin zu sein. Denn ich war etwas wählerischer als Du, was Dir nie gut bekommen ist. Jedenfalls spieltest Du mit jedem, egal woher der kam oder was seine Eltern machten. Du kanntest keinen Anstand und wusstest nie, dass das nie gut ist, wenn man sich mit dem Pöbel abgibt. Meine Eltern legten mir den Umgang mit Dir nahe, weil Du eben aus einem guten, anständigen Haus stammst, aber dass Du das so mit Füßen tratst, das hätte mich schon damals stutzig machen sollen.“
Seltsam, dachte Tia, ich war so überzeugt davon, dass Marianne einfach schüchtern und introvertiert war. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass sie etwas anderes wollte oder ein Problem damit hatte, dass ich auch andere Freundinnen hatte, doch Marianne ließ sich gar dazu herab, es näher zu erklären, viele Jahre später.
„Ich habe mir meinen Umgang sehr genau ausgesucht und so habe ich Dich zu meiner besten Freundin erklärt. Nun, wir hatten auch immer viel Spaß miteinander. Das will ich nicht bestreiten. Später warst Du auch immer für mich da, wenn ich Kummer oder Probleme hatte. Auch das will ich Dir nicht absprechen. Was ich Dir aber abspreche, das ist Loyalität. Denn Du hattest neben mir auch noch andere Freundinnen, die Du wohl genauso behandeltest wie mich. Das kann doch nicht sein? Ich war stets treu und Dir verbunden. Aber wenn wir auf dem Spielplatz waren oder später auch an anderen Orten, da kam ich mir vor, wie eine unter vielen, mit denen Du Dich gut verstandst. Deshalb ging ich bald nicht mehr mit. Und erwartete von Dir, dass Du fortan zu mir kamst. Das hast Du wohl auch getan. Und was tatst Du, als Du bei mir warst? Du hast Dich mit meiner Mutter abgegeben! Du hast ihr geholfen, als sie Dich darum bat. Das war einfach grotesk! Du warst schließlich bei mir auf Besuch, da hast Du Dich nicht mit meiner Mutter abzugeben, die sowieso nur die Aufgabe hatte, auf uns aufzupassen und das zu machen, was wir brauchten. Ansonsten hättest Du sie ignorieren sollen. Und was kam dann? Meine eigene Mutter schwärmte für Dich. Für Dich! Was Du doch für ein liebes Kind seist, das auch hilft usw.“
Tia war tatsächlich sprachlos, was ihr sonst äußerst selten passierte. Sie las aus diesen Zeilen, dass Marianne eigentlich erwartet hatte, dass Tia sich nur um sie kümmerte. Nicht einmal ihre Mutter durfte Tia mögen. Sie hatte wohl damals schon gemerkt, dass Marianne sich manchmal seltsam benahm, aber Tia akzeptierte es, war bereit, sie so zu mögen, wie sie war, ohne sie verändern zu wollen. War das Eifersucht, was sie da herauslas? Oder gar Neid? Aber es kam noch besser.
„Nachdem Du die Schule verlassen hattest, wurde der Kontakt loser, was sich von selbst verstand, hast Du mir zumindest erklärt. Heute weiß ich, dass Du einfach zu träge und faul warst, Dich um Deine beste Freundin zu kümmern. Stunden habe ich darauf gewartet, dass Du anriefst, aber da kam nichts oder nur sehr selten. Offenbar war ich immer nur gut genug, wenn Du gerade nichts Besseres vorhattest. Und dann hattest Du diesen Freund. Du sagtest, Du müsstest auch Zeit mit ihm verbringen. Und was hattest Du davon? Schwanger wurdest Du und sitzen ließ er Dich. Aber Du hast ja schon immer die falschen Entscheidungen getroffen. Und dann hast Du ständig gemeint, das Kind und die Arbeit. Irgendwann hattest Du gar keine Zeit mehr für mich. Aber das war mir egal. Ich hatte Deine Ausreden so gründlich satt. Schließlich habe ich ein anständiges Leben geführt, im Gegensatz zu Dir. Ich habe als erst geheiratet und dann zwei Kinder bekommen. Aber was Du da vor ein paar Jahren getan hast, das ist wirklich das Schlimmste.“
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