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Life is too short for boring stories

Vorsichtig legt sie das Buch auf den Nachttisch, streckt den Arm aus und löscht das Licht, denn er ist eingeschlafen, in ihrem Arm, den Kopf auf ihre Schulter gebettet. Sie widersteht dem Impuls, ihm mit den Fingern durchs Haar zu streichen, als würde das genügen, ihn zu wecken. Er atmet ruhig und gleichmäßig, endlich die Unruhe hinter sich lassend, die er im wachen Zustand nicht abzuschütteln vermag, eine tiefe, dumpfe Unruhe, vielleicht auch als Ausdruck eines Rests an Misstrauen dem Leben gegenüber, das ihm so viel genommen, aber auch so viel gegeben hatte. Vielleicht ist es gerade diese Konstellation, die einen wach hält, so dass er viele Jahre lang unter Schlaflosigkeit gelitten hatte. Bis sie begann ihm vorzulesen.

„Ich kann nicht schlafen“, war eines der ersten Dinge, die er ihr anvertraute, als sie sich kennenlernten. Er litt darunter und konnte dennoch nicht entkommen, all den Gedanken, die in seinem Kopf Karussell fuhren und sich nicht abstellen ließen. Sie kamen sich näher, fanden in die Umarmung, auch die intime, eine sanfte, gleitende, vertraute Umarmung, geheimnisvoll und staunenerregend. Dreißig Jahre waren seitdem vergangen. Aber auch das Wiederfinden in eine Umarmung, die er seit dem Tod seiner Frau, zehn Jahre zuvor, nicht mehr annehmen konnte, vermochte nicht, die Gedanken zu vertreiben.

„Lass mir Dir vorlesen“, schlug sie vor, weil sie es gerne tat, immer schon gerne getan hatte. Es war das erste Mal gewesen, genau an diesem Tag vor dreißig Jahren. Sie hatte einige Zeit darüber nachgedacht, bevor sie ihm das vorschlug. Aber es machte ihr Sorgen, miterleben zu müssen, dass er sich neben ihr schlaflos wälzte, während sie tief und fest schlief. Es war ihr, als würde sie ihn alleine lassen, weggehen in eine Entspannung und Regeneration, zu der er keinen Zugang hatte, seit jenem Verlust. Da war ihr der Gedanke gekommen, ihm vorzulesen, denn in den stillen Winkeln ihrer Erinnerung hatte sie ein Erlebnis wiedergefunden, das sie auf diesen Gedanken kommen ließ. Sie war gerade mal 17 und mit einer Freundin in England gewesen, genauerhin in der malerischen Küstenstadt Hastings. Aufgeputscht von all den intensiven Erlebnissen, konnte ihre Freundin keinen Schlaf finden und bat sie deshalb, ihr vorzulesen. Dem kam sie auch gerne nach. Sie hatten nur einen Roman mit, damals. Günter Grass, „Die Blechtrommel“.

„Es hätte schlimmer sein können“, dachte sie und begann ihrer Freundin vorzulesen. Sie kam über die erste Seite nicht hinaus, da lag ihre Freundin bereits in Morpheus Armen. „Interessant“, war ihr durch den Sinn gegangen, an diesem Abend, „Ich hatte mir schon vorstellen können, dass das funktioniert, aber so schnell. Ob es wohl an mir liegt oder an Günter Grass?“ Die Frage blieb unbeantwortet, was nun auch nicht weiter wichtig war. Spannend war jedoch, dass sie während der gesamten drei Wochen ihres Aufenthaltes, die noch mehrere Vorlesenotwendigkeiten aufboten, nicht über diese erste Seite des Romans hinauskam. Daran erinnerte sie sich an jenem Tag vor 30 Jahren. Es fiel ihr nicht leicht ihm dies vorzuschlagen. Schließlich haftete diesem Vorschlag etwas von Infantilisierung an. Er konnte schließlich selber lesen und war weit davon entfernt, dafür jemanden zu brauchen. Es bestand auch keinerlei Notwendigkeit, ihn pädagogisch sanft an das Abenteuer Lesen heranzuführen, denn er las gerne und viel. Dennoch schlug sie es ihm vor. Eher defensiv, doch zu ihrer Überraschung nahm er ihren Vorschlag mit großer Freude an.

„Das ist eine großartige Idee“, meinte er, „Das habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr erlebt und es ist schon schade, dass das aufhört. Ich habe es immer sehr genossen, wenn mir vorgelesen wurde.“ Und damit begann ihr gemeinsames Leseabenteuer. Sie war ein wenig nervös, wünschte sie sich doch sosehr, dass es klappte. Er legte sich also zu ihr und sie fing an zu lesen. Wenige Minuten später war er eingeschlafen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren, erwachte er, ausgeruht und entspannt. Er war überglücklich und dieses Glück verleitete ihn zum Überschwang.

„Versprich mir, dass Du mir von nun an jeden Abend vorliest, für den Rest unseres Lebens“, forderte er. Und sie spürte, wie ihr schwindlig wurde. Für den Rest unseres Lebens? Sofort erschien vor ihr das Bild einer Gefangenen, die sich in den eigenen Versprechungen verstrickt hatte und nicht mehr herausfand. Sie hatte es zu lange erlebt. Doch wie sollte sie ihm das sagen, wo der doch so glücklich war? Wie ihm begreifbar machen, dass sie sich nicht in eine solche Verpflichtung geben konnte?

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