Tiere in Gefangenschaft

Tiere in Gefangenschaft – Aktivismus

Milena war fünf Jahre alt, als ihre Mutter sie mit zu einem Streichelzoo nahm. Hinter einem Zaun befanden sich Kaninchen und Meerschweinchen. Die Kinder durften hineingehen und die Tiere streicheln, was eine gewisse Logik hat, denn sonst wäre es kein Streichelzoo gewesen. Allerdings empfiehlt es sich bei anderen Tieren wie Löwen, Elefanten etc. eher weniger. Also müssen die kleinen Nager es über sich ergehen lassen, dass kleine, patschige Finger immer an ihnen herumziehen. Allerdings war das noch nicht das Schlimmste, denn die Tierchen hatten keine Freude daran und versuchten sich zu verstecken. Milena, ein resolutes, selbstbewusstes Mädchen, sah sich kurz um und erkor sich ihr Opfer aus, ein kleines, weißes Kaninchen, das sie ach so süß fand. Sie stürmte in das Tiergefängnis und wollte es sich schnappen, aber das versteckte sich unter dem Häuschen in einem Gang. Prompt begann Milena zu schreien, so laut, dass man meinte, es hätte Tote erwecken können. Sie beruhigte sich erst, als ihre Mutter kam und ihr versprach, das Kaninchen für sie herauszuholen. Nur, dass das Kaninchen blieb, wo es war, denn es wollte nicht zu Milena. Da konnte die geballteste Mutterliebe nichts ausrichten.

„Milena, das Kaninchen will nicht zu Dir kommen. Es tut mir leid“, erklärte die Mutter dem Kind, das stur blieb, so dass die Frau, die sie geboren hatte, zu dem Mittel griff, auf das wohl die meisten in dieser Lage verfallen wären, „Komm, ich kauf Dir ein Eis.“ Normalerweise half das immer, nur hier nicht.
„Ich will kein Eis, ich will das Kaninchen“, blieb Milena stur, „Das Kaninchen muss tun, was ich will. Böses Kaninchen.“
„Das Kaninchen hat Angst vor Dir“, versuchte die Mutter zu erklären, doch das war der völlig falsche Ansatz, denn nun weinte und schrie Milena noch lauter.
„Will Kaninchen, will Kaninchen, will Kaninchen“, wiederholte sie wie ein Mantra. Es klang wie eine Schallplatte, die hängengeblieben war. Die Mutter war ratlos. Die ständigen Wutausbrüche ihrer Tochter hatten sie ausgelaugt und erschöpft, so dass sie einen verhängnisvollen Fehler beging, wahrscheinlich den verhängnisvollsten überhaupt, zumindest aus Sicht der Tiere.
„Weißt Du was, wir kaufen ein Kaninchen“, erklärte die frustrierte Mutter. Sofort stellte Milena das Weinen und Schreien ein. Ein paar Tage später fand sich im Garten ein Gehege, ein Häuschen für nicht ein, sondern zwei Kaninchen, denn man sollte sie nicht alleine halten, wie der Mutter versichert wurde. Milena war zufrieden. Den Kaninchen folgten die obligatorischen Meerschweinchen, dann Hühner und sogar zwei Zwergziegen, zwei Katzen und zuletzt ein Hund. Milena verwahrte sie wie man Eigentum verwahrt. Inzwischen wuchs sie heran, schloss die Schule ab und begann zu studieren. Sie entschied sich für Biologie, denn sie wollte Zoodirektorin werden, was ihr auch einige Jahre später gelang. Was für ein Triumph, denn Milena hatte zwei Zugänge zu Tieren. Entweder aß sie diese oder sie besaß sie. Sie vertauschte eigentlich nur den Schauplatz des Geschehens und dessen Größe. Aber egal, ob privat oder öffentlich, Tiergefängnis bleibt Tiergefängnis. Und ein Gefängnis ist es, in dem Lebewesen gegen ihren Willen eingesperrt werden. Natürlich sind diese Tiere zu blöd, um das zu verstehen, dass man nur ihr Bestes will, wie Milena nicht müde wurde zu betonen, denn viele von diesen Geschöpfen wären schon längst ausgestorben, ohne die großartige Arbeit der Zoos und die Freiheit ist so gefährlich. Allerdings waren diese Aspekte für Milena, der Direktorin und damit Diktatorin über das Tiergefängnis, herzlich egal, denn es ging um den Besitz, die Unterwerfung und die Dominanz. Sie hatte das Recht, mit diesen Tieren zu machen, was sie wollte. Keines würde sich je mehr vor ihr verstecken können oder ihrem Zugriff entziehen, wie es damals dieses verdammte Kaninchen machte. Sie waren ihr völlig ausgeliefert. Nina, ihre Freundin aus dem Kindergarten, hatte einmal zu Milena gesagt, sie fände es viel schöner, die Tiere aus der Ferne zu beobachten und ansonsten in Ruhe zu lassen. Dabei sind Tiere doch dazu da, dass wir sie besitzen. In Ruhe lassen. Und was war aus Nina geworden? Auch eine Biologin, allerdings eine, die sich dafür einsetzte, dass Areale entstanden, in denen die Tiere so weit wie möglich frei und unbehelligt leben konnten. So eine komische Aktivistin also, die meinte, die Tiere wollten die Freiheit. Dabei war es völlig einerlei, was die Tiere wollten. Es ging nur darum, was Milena und all die anderen Menschen wollten, die Tiere inhaftieren, in Zoos oder Delfinarien, Ställen oder Zwingern, Häusern oder Kellern, sie besitzen und ausbeuten. Und so lange es eben nur Tiere waren, war das auch rechtlich gedeckt. Milena jedenfalls war stolz und glücklich, jetzt, da sie eine richtige Gefängnisdirektorin war, wobei dessen Insassen niemals begnadigt wurden. Sie würden für immer eingesperrt bleiben.

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