novels4u.com

Life is too short for boring stories

Wolken hatten sich vor den Mond geschoben, tiefe, dunkle Wolken, so dass ich Dich kaum mehr zu erkennen vermochte. Finsternis, pechschwarze Finsternis überlagerte sogar noch das Grau, nahmen selbst diesem noch die Nuancierungen. Doch ich spürte, dass Du mich ansahst, intensiv und fordernd.

„Erzähl weiter, erzähl weiter, damit ich bleiben kann.“, fordertest Du, „denn ich will bleiben.“ „Ich soll Dir erzählen? Ja, ich will Dir erzählen, aber ich bin nicht Seherazade. Meine Geschichten werden zur Neige gehen, früher oder später.“, sagte ich traurig. „Aber ich bin auch nicht Schakriyâr. Und ich will auch keine fernen, fremden Geschichten, ich will Deine.“, erwidertest Du. „Umso schneller werden sie sich erschöpft haben, die Geschichten.“, setzte ich entgegen. „Umso weniger besteht die Gefahr, dass sie zu Ende gehen, denn jeden Tag kommt eine hinzu, eine neue von diesem, einen, einzigen, diesem Tag. Niemals hören die Geschichten auf.“, sagtest Du. „Aber Du bist doch hier bei mir und bist mit in diesen Geschichten aus dem Heute. Was könnte ich Dir da schon erzählen?“, sagte ich, noch trauriger, denn wenn mir nichts mehr einfiele, dann müsstest Du weg von mir, weg aus meiner Welt, zurück in Deine, die mir ferner und unverständlicher erschien als die fernste Galaxie. Ich wollte sie nicht, diese Traurigkeit, und auch nicht die Angst, denn ich wusste, umso trauriger, umso ängstlicher ich war, desto eher würde mir nichts mehr einfallen. Da war ein großes Tor in meinem Kopf, ein zweiflügeliges, das der Zugang war zu den Bildern, die darin lebten. Angst war der eine Flügel und Traurigkeit der andere, und diese schlossen sich, wenn ich sie zuließ, so dass mir der Weg zu meinen eigenen Bildern verschlossen war und ich keine Geschichten mehr erzählen konnte, keine Sätze und kein einziges Wort.

„Jede dieser Geschichten aus diesem Heute kannst Du mir erzählen.“, risst Du mich aus meinen traurigen und ängstlichen Gedanken, „Denn selbst wenn wir dieselbe Geschichte erleben, so erleben wir sie doch als je unsere, als Deine und meine Geschichte, konstituiert und getragen von unseren Vorerfahrungen, unserem je eigenem Gestern, im Jetzt sich bildend, um ein Hinüberwachsen in das Morgen zu ermöglichen. So sollst Du mir Deine Geschichte erzählen, und darin Dich. Erzähl mir Dich!“.

Langsam, ganz langsam, spürte ich wie sich die Angst und die Traurigkeit zurückzuziehen begannen, wie die Türflügel sich zaghaft zu öffnen wagten. Da war schon ein kleiner Spalt der den Blick auf die dahinterliegenden Bilder erlaubte. „Ja, ich werde Dir erzählen, so wie ich Dir zu erzählen gewohnt bin, wie ich es bisher tat, ob Du da warst oder nicht. Ich erzählte und erzähle, mit meinen Worten, mit meinen Gedanken, mit mir, erzähle mich.“ Und mit diesem Erkennen öffneten sich die Türflügel ganz, auf einen Schlag, und die ganze Pracht meiner Bilderwelten wurde sichtbar.

„Und selbst wenn Du je an die Grenze des Erzählbaren gelangen solltest, so werden wir uns auch über diese Grenze hinwegsetzen, denn jenseits des Wortbaren, beginnt das eigentliche, personale Sprechen.“, sagtest Du. „Über die Grenze des Wortbaren zum eigentlichen personalen Sprechen, zur Wahrhaftigkeit und Einzigkeit des Du-Sagens. Dorthin will ich uns erzählen.“, versprach ich. „Und ich werde mit Dir gehen, mit in Dein Erzählen hinein und darüber hinaus.“, versprachst Du.

Und als die Wolkendecke aufriss und der warme, fahle Mondschein auf Dein Antlitz fiel, so war mir, als wärst Du ein Stück weit genesen von der Aufzehrung des Lebens.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: