Vor ein paar Jahren wurde ein Lehrvideo beim Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Sport zur Überprüfung eingereicht, denn schließlich soll es kindgerecht sein, was da über Schweine erzählt wird. Der Inhalt war in Ordnung. Es wurden brav die Fakten erzählt, wenn auch ein wenig geschönt, denn den Kindern darf man die Realität nicht zumuten, aber so gesehen war es in Ordnung. Dennoch wurde es abgelehnt. Der Grund war die Sprache. Wir sind es gewohnt zu sagen, dass eine Muttersau trächtig ist und dann wirft. In diesem Lehrvideo wurde dieser, angeblich sinnvolle Sprachgebrauch, negiert, indem von einer schwangeren Muttersau die Rede war und von gebären. Das geht gar nicht, denn diese Begriffe sind dem Menschen vorbehalten. Eigentlich nur zwei kleine Wörter, schwanger statt trächtig und gebären statt werfen. Dennoch war die Aufregung groß.
Dabei sind so viele Menschen der Meinung, dass es keinen Unterschied macht, zumindest, wenn es um andere Dinge, wie z.B. das Gendern geht. Denn plötzlich haben wir das immer schon so gemacht, die Frauen seien eh mitgemeint und die Sprache müsse so bleiben, wie sie ist. Denn sie war schon immer so. Da finden sich plötzlich eine überwiegende Mehrzahl an Menschen, die sich als Sprachpurist*innen outen, was allerdings keinen Sinn hat.
Sprache verändert sich, was auch notwendig ist. Für viele Dinge gibt es logischerweise überhaupt erst Wörter, seit sie erfunden sind, denn vorher brauchte man sie nicht. Aber nicht nur die äußere Welt verändert sich, auch die Werte und Grundlagen einer Gesellschaft. Das spiegelt sich in der Sprache. War bis 1972 die Ehefrau in Österreich de facto Eigentum des Mannes, ist das nun nicht mehr so und die Sprache sollte dies widerspiegeln. Deshalb zeigt die Abneigung gegen das Gendern nicht, dass man Wert auf eine schöne Sprache legt, sondern auf das Festhalten an Althergebrachten, in dem sich auch Machtstrukturen spiegeln. Die Hegemonie arbeitet bevorzugt über Sprache und alle, die Anteil haben oder sich Vorteile davon versprechen, buckeln vor ihr.
Sprache spiegelt Realität, die realen Über- und Unterordnungsverhältnisse. Das zeigt sich besonders an den Begriffen für Vorgänge die sowohl menschliche als auch nicht-menschliche Tiere betreffen. Wie schon das Eingangsbeispiel zeigte, ist es ein Unterschied, ob ein Mensch oder ein anderes Tier neues Leben in sich trägt und es zur Welt bringt. Tiere sind trächtig. Menschen sind schwanger. Tiere werfen (wo auch immer hin). Menschen gebären. Aber es gibt noch viele andere Beispiele, wie essen für menschliche und fressen für tierliche Nahrungsaufnahme, sterben für menschliche und verenden für tierliche Lebensentäußerung. Männchen und Weibchen statt Mann und Frau. Man darf noch nicht einmal von Babies, Kleinkindern oder Kindern sprechen, wenn man tierlichen Nachwuchs damit bezeichnet, wie mir brüsk erklärt wurde. „Das sind doch keine Babies, das sind Kälber“, wurde mir gesagt. „Aber was sagst Du dann, wenn ein Küken, ein Kalb, ein Lamm und ein Ferkel zusammensind, was sagt man dann?“, fragte ich nach und bekam keine Antwort. Besonders erfinderisch ist die Jäger*innensprache bei der Erfindung von herrschaftsverschleiernden Begrifflichkeiten. Töten heißt da ernten oder entnehmen. Das Blut heißt Schweiß und vieles mehr. Das kommt nicht von ungefähr.
Mit diesen divergierenden Begriffen soll Herrschaft zementiert werden und die Unterdrückung gerechtfertigt, denn die für die tierlichen Mitgeschöpfe genutzten Ausdrücke lassen die Minderwertigkeit derselben offensichtlich werden, was wiederum rechtfertigt, dass wir nicht-menschliche Tiere ausnutzen, besitzen, bevormunden und abschlachten dürfen. Eine Veränderung dieser Sprachgewohnheiten rüttelt an diesen Überlegenheitsattitüden. Wenn ein nicht-menschliches Säugetier genauso schwanger ist und ein Baby gebiert, wie das menschliche Pendant, dann erscheint es illegitim dieser Mutter in anderer Gestalt dieses Baby wegzunehmen. Deshalb wird auch so empfindlich darauf reagiert, wenn man dieselben Begriffe benutzt. Denn letztlich ist es eine immanente Forderung, jedes Leben als gleichwertig zu achten und zu respektieren. Damit müsste eine Beendigung sämtlicher Ausbeutungsverhältnisse einhergehen. Tiere dürfen auch kein Besitz mehr sein, denn niemand kann Leben besitzen. Das wiederum würde unser System auf den Kopf stellen, das darauf fußt, das alles und jede als Eigentum gesehen werden darf, mit dem man machen kann, was man will. Die Eliminierung von Herrschaftsbezeigungen aus der Sprache ist ein Akt der politischen Befreiung und deshalb unerwünscht.


Danke für die Klarstellung.
Es wird wirklich Zeit, dass wir uns selber wahrnehmen und auch benennen als das, was wir sind: Tiere der Gattung Mensch.
Natürlich haben wir uns aus der ursprünglichen Tierart weiterentwickelt, aber das haben andere Tierarten auch, nur wesentlich Umweltverträglicher.
Wenn wir uns als das wahrnehmen und benennen, was wir sind, haben wir die Chance endlich auch viele Fehler einzugestehen und unser Verhalten Umwelt und lebensfreundlicher zu gestalten. es wird höchste Zeit, wir haben diese Erde schon viel zu weit zerstört!
Genau so ist es. Wenn wir es schaffen endlich unsere Präpotenz und Arroganz abzustreifen und als die bedürftigen Wesen wahrzunehmen, die wir sind, wie alle anderen und dass auch unser Wohlergehen von dem der Natur abhängig ist.