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Life is too short for boring stories

Maria hatte ihr Lager beibehalten, mit aller Selbstverständlichkeit, neben den Welpen, die zusehends lebhafter wurden und schon langsam begannen ihre Umgebung zu erkunden. Hatten sie bisher ihre Zeit damit zugebracht zu schlafen und zu fressen, so erweiterten sie nun ihren Radius und Maria musste aufpassen, wenn sie das Haus verließ, dass sich nicht einer der Vier hinausschlich. Sie waren noch nicht bereit für die Welt. Noch waren sie zu klein und hilflos. Plötzlich erkannte Maria so viele Gefahren, die auf so kleine Geschöpfe lauerten, sah sie, weil sie sich hatte anrühren lassen und die Welt anders sah als zuvor. Und dennoch gab es so viel zu erkunden. Die Wohnstube, die Küche, alles war neu und aufregend. Und wer weiß schon wie die Welt aus ihrer Perspektive aussieht. Maria stellte sich vor, dass sie riesengroß und überwältigend sein musste, aber sie hatten das unbedingte Vertrauen, dass sie sicher waren. Da war alles was sie brauchten, Wärme und Sicherheit, Fressen und ein Platz zum Schlafen. Sie verlangten nicht nach mehr, weil es nicht notwendig war.

Wie anders ist doch der Mensch. Zunächst trachtet er danach, dass all diese Bedürfnisse befriedigt sind, Nahrung und Kleidung, Wärme und Sicherheit, doch wenn dem so ist, dann ist es keinesfalls so, dass er im Kreise der Menschen sitzt und sich daran freut, sondern er braucht mehr. Es darf nicht einfach nur Nahrung sein, es muss etwas Besonderes sein. Zunächst vielleicht nur am Sonntag oder am Feiertag, denn einfach nur essen um satt zu werden, das ist eindeutig zu wenig. Es darf auch nicht einfach nur mehr Kleidung sein, die ihre Funktion erfüllt, geziemend zu verhüllen und gegen die Witterung zu schützen, sie muss darüber hinaus auch noch modisch sein und gut aussehen, dem Träger Individualität verleihen. Es darf nicht einfach nur mehr eine Behausung sein, sondern es braucht viele Zimmer, in denen man sich voreinander abschirmen kann, wo jeder seinen Freiraum hat um mit sich alleine zu sein, wo doch der moderne Mensch auch in Gemeinschaft oft alleine ist. Und wenn all diese weiteren Auflagen erfüllt sind, dann kommen die nächsten, so dass es immer mehr wird an Haben, immer mehr an Dingen und Leblosigkeit, und immer weniger an Lebendigkeit.

 

„Meine Mutter war aufgewachsen in einer Welt der Leblosigkeit und Berührungsarmut“, erkannte Maria plötzlich, „Alles was zählte war die äußere Form, die Etikette und die Regeln. Das was man nach außen hin schien, das war es was für wahrgenommen wurde. Wie viel Kraft und Energie doch an diesen äußeren Schein verschwendet wurde.“

„Ich kenne diese Welt“, erwiderte Magdalena, „Denn es war die Welt, in der auch ich aufgewachsen bin. Ich konnte ihr entfliehen. Vielleicht auch nur deshalb, weil ich eine Alternative hatte, etwas, das mein Leben so sehr bereicherte, dass ich die Kraft fand all das nicht nur zu durchschauen, sondern auch hinter mir zu lassen. Deine Mutter jedoch gefiel sich in der Rolle der vornehmen Dame, der Herrin.“

„Bei ihr kam es mir nicht vor wie eine Rolle, die sie spielte, sondern es ist, als ob sie gar nicht anders sein könnte“, erwiderte Maria, während sie versuchte sich ihrer Mutter zu erinnern, was nicht so einfach war, weil sie so weit weg war, nicht nur räumlich und zeitlich, sondern auch in ihrem Leben.

„Wahrscheinlich weil sie sich so sehr damit identifizierte, ja darin aufging, dass nichts übrigblieb, kein Raum für eine eigenständige Persönlichkeit“, versuchte Magdalena zu verstehen, „Ich erinnere mich, dass sie schon als ganz kleines Mädchen Gefallen daran fand Dinge geflissentlich fallen zu lassen, um zuzusehen wie diverse Diener sofort herbeieilten um sie aufzuheben. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen sich selbst zu bücken, und das wurde sowohl von meiner Schwester als auch von unserer Mutter, Deiner Urgroßmutter, sehr gerne gesehen. Und weil dieses Verhalten Gefallen fand, blieb sie dabei, denn das war ihr das Wichtigste, zu gefallen, zumindest den Menschen, die sie als rangmäßig ebenbürtig oder höherstehend betrachtete. Manchmal hatte ich sie sogar im Verdacht, dass sie das Hauspersonal nicht einmal als Menschen wahrnahm, sondern als eine Art dressierter Affen, zumindest gestand sie ihnen keine Gefühle zu.“

„Und als dann der Abstieg kam, der gesellschaftliche und der finanzielle, konnte sie aus ihrer Rolle nicht mehr heraus, weil sie damit verwachsen war“, überlegte Maria weiter, „Es war nicht die Armut an sich das Schlimme, nicht die materielle Armut, sondern ihre Herzensleere, die ihr auch keine Möglichkeit gab weiterzumachen. Das war also die eigentliche Armut meiner Kindheit, meiner Jugend, die Armut an Einsicht und Zuwendung. Immer war es die Schuld der anderen, was ihr Schlimmes widerfuhr. Es war der Dreck und das Elend und die Abgeschlossenheit, und damit die Kälte und die Abgewandtheit. Und dabei konnte sie einfach nicht anders. Vielleicht hätte man sie auch dafür zur Verantwortung ziehen müssen, aber nicht sie alleine. Und als unser Vater uns verließ, so wohl, weil er resigniert hatte. Warum nur war ich so blind?“

„Weil Du zu nahe warst um zu sehen“, meinte Magdalena, und ihre Worte waren Trost und Aufforderung zugleich, „Weil Du nur einen kleinen Ausschnitt des Ganzen sahst, Deinen kleinen Ausschnitt. Du musstest erst weggehen, Dich aus der Situation lösen, musstest den Blick öffnen und Deine Vorurteile ablegen um das gesamte Bild sehen zu können. Jetzt bist Du weit genug weg, damit Du erkennst.“

„Aber warum konnte ich das nicht schon viel länger? Warum habe ich mich selbst verkrochen?“, fragte Maria unwillkürlich.

„Weil Du selbst noch nicht bereit warst“, erklärte Magdalena, „Weil Du zu sehr verstrickt warst. Erst die Loslösung brachte Dir die Möglichkeit zu verstehen und damit zu verzeihen, Deiner Mutter und vor allem auch Dir selbst.“

„Aber das heißt doch nichts Anderes, als dass ich die letzten Jahre etwas hinterhergelaufen bin, was mich in die völlig falsche Richtung geführt hat, was meinen Hunger niemals stillen hätte können, egal wie viel ich erreicht hätte“, fasste Maria zusammen, und während ihr Blick auf die Welpen fiel, die friedlich neben ihr schliefen, müde und erschöpft von ihren aufregenden, ersten Entdeckungsreisen, fügte sie leise hinzu, „Und dann gibt es das ganz Einfache, das für lange Zeit sättigt. Es braucht nicht viel fürs Glück, aber immer viel mehr um sich davon abzulenken.“

„Viele unter uns leiden unter einer Armut des Herzens und nicht unter einer Armut an Dingen“, sagte Magdalena schlicht, „Sicherlich, es gibt auch die, die offensichtlich Not leiden, die hungern und frieren müssen, aber viel mehr unter uns haben so viel und sind dennoch unglücklich, weil sie den Reichtum nicht erreichen können, den sie in sich besitzen, weil sie ihr Leben nicht leben können, nicht den Blick zum andern finden, noch die Zugewandtheit. Der wahre Reichtum liegt in einem jeden gelebten Moment, in jedem Augenblick des Miteinander.“

„Ich bin so froh, dass ich hergekommen bin“, erklärte Maria spontan, „Vielleicht hätte ich sonst niemals das gefunden, was ich eigentlich suchte, und hätte immer gedacht, dass das was ich gefunden habe, das Gesuchte ist. Hier wurden mir die Augen geöffnet. Du hast sie mir geöffnet.“

„Nein“, widersprach Magdalena entschieden, „Nicht ich habe Dir die Augen geöffnet, sondern das warst Du allein. Und es konnte sein, weil Du dazu bereit warst, weil Du es Dir selbst zugestanden hast.“

„Vielleicht sollte ich meiner Mutter schreiben“, meinte Maria, „Vielleicht kann ich sie doch noch erreichen, aber ihr zumindest sagen, dass ich sie verstehe. Ich bin bereit auf sie zuzugehen, und wenn sie mich nicht annimmt, so habe ich ihr doch die Hand gereicht.“

„Es ist nie zu spät für eine Wandlung, sondern nur der richtige oder falsche Zeitpunkt“, erklärte Magdalena, „Es ist immer möglich den Reichtum des Herzens, der Gedanken und der Taten zu entdecken.“

 

Und mit der Erstellung einer neuen Reihe auf dem Webbild des Lebens wurde das Erkennen festgehalten, so dass es blieb, unhintergehbar. Und es war der Abend des dreizehnten Advents.

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