Es ist Dein freier Tag. Du sitzt mit Wonne auf der Terrasse und genießt Dein Frühstück. Kaffee mit Milch, Eier, Schinken und Gebäck. All das schmeckt so gut. Dein Partner ist bei Dir. Die Kinder springen im Garten herum. Ihr genießt den Sonnenschein und schmiedet Pläne für den Tag. Die Welt steht Euch offen. Wollen wir einen Ausflug machen? Aber wohin? Ins Freibad vielleicht oder in den Zoo oder eine Wanderung durch den Wald? Nein, der Wald darf es nicht sein. Du siehst die Kinder schon jammern. Das ist doch viel zu langweilig. Dann doch lieber in den Zoo. Wer weiß, wie sich das Wetter entwickelt. Da ist es Dir zu unsicher, das mit dem Freibad. Du siehst es vor Deinem geistigen Auge. Ihr würdet an den Käfigen vorbeischlendern. Zu Mittag werdet ihr Euch ein gutes Essen im Restaurant des Zoos gönnen. Du denkst daran, dass es da jetzt sogar Krokodilsteaks gibt. Wie amüsant. Als erst sieht man die Tiere in echt und kurz darauf isst man sie. Schließlich werden Schweine auch nicht anders behandelt. Das ist es was Du siehst.
Wenn ich die Milch in Deinem Kaffee sehe, sehe ich rot, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich sehe das Leid der ausgebeuteten Kühe, die jedes Jahr aufs Neue zwangsgeschwängert werden, erkenne ihre Hoffnung, auf ihr Kind, das sie nähren werden, an ihrem Busen, nur dass diese Hoffnung sofort zunichte gemacht wird, denn es wird ihr weggenommen. Sie schreit, sie fleht, sie verzweifelt, doch es ist egal. Es wird ihr gestohlen, ihr Kind. Und während sie ihre ganze kurze Lebensspanne ausgenutzt wird, bis ihr Körper die Leistung nicht mehr erbringt, werden ihre Kinder, je nach Geschlecht, ebenfalls in die Ausnutzung genommen oder brutalst ermordet. Eingesperrt, ausgebeutet, misshandelt, um ihre Freiheit, ihr Leben und ihre Kinder betrogen, all das sehe ich, während Du meinst, dass es eben gut schmeckt und das, obwohl Du selber Mutter bist.
Wenn ich das Frühstücksei sehe, das Du isst, dann lässt Du es Dir schmecken. Optimal ist es geworden, der Dotter flüssig, das Eiweiß fest. Ich sehe das Leid der ausgebeuteten Hühner. Hineingestopft in überdimensionale Hallen, sind sie so gezüchtet, dass sie so viele Eier wie möglich legen. Nicht 30 im Jahr, wie es in der Natur vorgesehen uns sinnvoll wäre, sondern 200 im Jahr. Dafür sind sie ausgelaugt, ihre Körper abgewirtschaftet, nach nicht einmal einem Jahr, dass sie nur mehr als Suppenhühner verwendbar sind. Nichts interessiert an ihnen, als die Produkte ihres Körpers, die ihnen abgezwungen werden, weil sie durch die Züchtung nicht anders können. Ich sehe die ausgemergelten Leiber, die Schmerzen und Leiden, da wir ihnen alles nehmen, was ein Leben ausmacht. Du drängst es weg, meinst, Hühner legen sowieso Eier und willst nicht verstehen, dass sie es nicht für Dich machen, sondern weil sie auf ihre Kinder hoffen, die es nie geben wird.
Wenn ich den Schinken auf Deiner Semmel sehe, den Du ohne Nachzudenken verzehrst und meinst, das gehört zu einem Frühstück dazu. Wenn Du ganz ignorant bist, sogar, dass es zu einer vollwertigen Nahrung dazugehört. Ich sehe das Mutterschwein, das im Kastenstand liegt, während sie hilflos zusehen muss, wie ihre Babies, trotz ihrer Anwesenheit, eigentlich mutterlos sind. Ich sehe, wie die Kleinen hochgehoben, ihnen die Hoden ohne Betäubung herausgerissen werden und ich höre ihre Schreie, für die Du taub bist. Ich sehe, wie sie in enge Kobel zusammengepfercht werden, vegetierend über ihren eigenen Exkrementen, dank des Spaltenbodens voller Wunden, auch wegen der Bisswunden, die sie sich aus Langeweile zufügen. All das sehe ich, während Du meinst, dass es doch schmeckt und all das weit weg ist, weit genug, dass es Dir egal sein kann.
Wenn ihr in den Zoo geht, dann seht ihr die Unterhaltung und hinterfragt nicht, warum es legitim ist, freie Lebewesen in Käfige zu sperren. Ich sehe ihre Verzweiflung, ihre Ohnmacht und ihre Fassungslosigkeit über das Leben, das ihnen in Gefangenschaft zugemutet wird, das eigentlich keines ist, sondern ein langsames, eintöniges Dahinsiechen. Aber ihr seht die netten Tiere, deren Schicksal Euch völlig egal ist. Hauptsache, es bringt ein wenig Abwechslung in ein überzivilisiertes und unteremotionalisiertes Leben. Ich sehe die verlorene Hoffnung in ihren Augen und würde mir wünschen, macht endlich die Käfige auf und lasst sie leben, wie sie es verdienen, frei und eigenständig.
Wenn Du all das sehen würdest, was ich sehe und wofür Du blind bist, so wie Deine Umgebung, der Du unreflektiert folgst, dann würdest Du verstehen, meine Trauer, meine Wut und meine Fassungslosigkeit über so viel Gleichgültigkeit gegenüber fühlenden, leidensfähigen Lebewesen. Aber Du siehst es nicht, weil Du es nicht sehen willst, so dass Du nur verstimmt bist über meine Reaktion, die Du eben deshalb nicht verstehen kannst. Trotzdem werde ich nie aufhören, Dir zu erzählen, was ich sehe, denn ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass der Tag kommt, an dem Du endlich Deine Augen öffnest und siehst, was ich sehe.

