Die Frau auf der Klippe (1)

Die Frau auf der Klippe (1) – Alle Geschichten
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Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

Nana saß auf der Klippe, an der sich unablĂ€ssig die Wellen brachen, sog den salzigen Geruch ein und ließ sich vom Wind die Haare zausen. Neben ihr lag ihre alte HĂŒndin Anima. Sie war mittelgroß mit schwarzem Fell und einem weißen Fleck auf der Brust. Wenn die Menschen Nana fragten, was sie denn fĂŒr eine Rasse sei, antwortete sie „Hund, das genĂŒgt“. Gedankenverloren strich Nana durch ihr weiches Fell. Immer noch fĂŒhlte es sich wie Samt an, trotz ihres hohen Alters. Wieviel Jahre sie schon hinter sich gebracht hatte, das wusste Nana nicht so genau, nur, dass diese wunderbare, anhĂ€ngliche HĂŒndin in einer Tötungsstation gelandet war, aus der es kein Entrinnen mehr fĂŒr sie gehen sollte. Zumindest nicht lebend. Ein Zufall hatte Nana dorthin gefĂŒhrt. Anima lag eingerollt in einer Ecke und rĂŒhrte sich nicht, als wĂŒrde sie nichts mehr hoffen, nichts mehr erwarten als den Tod. Vorsichtig war Nana auf sie zugegangen und hatte die Hand auf ihre Seite gelegt. Dann hob die HĂŒndin kurz den Kopf und sah sie an, mit ihren dunklen, milden Augen. „Wenn Du mich nicht retten kannst, dann geh, aber wenn Du bleibst, dann nur, wenn Du es ernst meinst“, schienen ihr diese Hundeaugen sagen zu wollen.

Nana meinte es ernst. Kurze Zeit spĂ€ter fuhr sie mit einem wunderbaren Geschöpf beschenkt zurĂŒck nach Hause. „Sie ist mindestens 13 Jahre alt“, hatte der Tierarzt, Dr. Wagenscheidt, sie wissen lassen, „Ich bin sicher, sie hat sehr viel mitgemacht und dafĂŒr ist sie ĂŒberraschend gesund. Sie mĂŒssen aber damit rechnen, dass sie nicht mehr lange lebt.“ „Und genau deshalb habe ich sie mitgenommen“, hatte Nana erwidert, „Um ihr zumindest noch fĂŒr die restliche Zeit, die ihr noch bleibt, ein angenehmes, warmes, sicheres Heim zu bieten.“ „Und wie heißt sie?“, fragte der VeterinĂ€r weiter. „Anima“, meinte Nana kurzentschlossen, denn in der Tötungsstation hatte es keine Namen gegeben, nur Nummern, „Das passt optimal. Das bedeutet die Sanfte, EinfĂŒhlsame, Feine.“ Das war nun ein Jahr her und Nana hatte gemerkt, dass Anima zusehends schwĂ€cher wurde. Die Stiegen konnte sie nicht mehr bewĂ€ltigen und die SpaziergĂ€nge wurden zusehends kĂŒrzer. Am liebsten lag sie neben Nana, wenn sie arbeitete, kuschelte sich an sie und schien zufrieden zu sein. Deshalb hatte Nana nachgedacht, wie sie diese letzten Monate oder gar nur Wochen verbringen sollte, um es Anima so angenehm wie möglich zu gestalten. So war sie auf die Idee mit dem Haus an der SĂŒdwestkĂŒste Irlands verfallen, das einsam stand, aber nicht zu weit entfernt von einem Ort war, so dass sie diesen bequem zu Fuß erreichen konnte, wenn sie etwas brauchte. „Wir haben es wirklich gut getroffen“, sagte Nana, wĂ€hrend sie fortfuhr Anima sanft zu streicheln und den Blick ĂŒber das Meer bis zum Horizont wandern ließ, „Keine einzige Stiege, alles ist flach und dann haben wir noch Darcy und Donal hinterm Haus.“ Es war tatsĂ€chlich ein großes GlĂŒck gewesen, dass sie dieses Haus gefunden hatten, denn es entsprach nicht nur genau ihren Erwartungen, es ĂŒbertraf diese sogar. Denn Darcy und Donal, die zwei alten Eseln, die hinter dem Haus ihren Stall hatten, mussten versorgt werden. Der Vermieter hatte, nachdem er selbst wegen einer ĂŒberraschenden lĂ€ngeren Auslandsreise nicht mehr vor Ort sein konnte, jemanden gesucht, die sich um die Esel kĂŒmmern wĂŒrde. Entsprechend moderat war die Miete, die Nana zu bezahlen hatte. Alle profitierten, Nana, weil sie in Ruhe ein umfangreiches, literarisches Projekt abschließen und trotzdem so viel Zeit wie möglich mit Anima verbringen konnte. Anima, weil sie jederzeit nach draußen gehen konnte, ohne jemanden zu behelligen oder behelligt zu werden und keine Stufe zu bewĂ€ltigen war. Und der Vermieter, der seine Tiere in verantwortungsvollen HĂ€nden wusste. Das erste, was Nana getan hatte, als sie vor einigen Tagen mit Anima das Haus bezogen hatte, war, dass sie die Matratze auf den Boden legte, so dass sich Anima bequem zu ihr kuscheln konnte.

„Komm, lass uns wieder ins Haus gehen“, sagte Nana endlich, woraufhin sich beide, Mensch und Hund erhoben, um die paar Meter bis zum Haus zurĂŒckzulegen. In dem Moment, als Nana einen letzten Blick ĂŒber den KĂŒstenweg wandern ließ, entdeckte sie eine Gestalt, die diese entlangging. „Eigenartig“, dachte sie, „Ich kann die Person zwar nicht erkennen, aber der Gang, die Art sich zu bewegen, kommt mir sehr bekannt vor. Kann es denn sein? Nein, das kann und darf nicht sein.“ Damit verbot sich Nana jeden weiteren Gedanken daran. Dennoch kam es ihr so vor, als wĂŒrde sie sich in der Geborgenheit ihres HĂ€uschens verkriechen, wĂ€hrend alles andere, auch die Erinnerungen und die Vergangenheit, draußen blieben.

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