Verlorene Sehnsucht (1)

Verlorene Sehnsucht (1) – Alle Geschichten
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Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

Die Morgenroutine ist abgeschlossen. Versorgungspflichten sind erledigt. Endlich kann ich mich an meinen Laptop setzen, die Liste der zu erledigenden Aufgaben neben mir. Pflichtgemäß fange ich an, sie abzuarbeiten, von oben nach unten. Natürlich ist sie strukturiert. Dringendes steht an erster Stelle. Dann kommt das Notwendige und zum Schluss das Obligatorische, bei dem es keine Rolle spielt, ob es an diesem oder an einem anderen Tag erledigt wird. Die Kür folgt der Pflicht. Ich befinde mich im Wettstreit mit mir selbst. Zufrieden bin ich erst, wenn ich sämtliche Aufgaben dieser Liste an diesem Tag abhaken kann. Es gelingt, mitunter, aber sehr selten.

Meistens verliere ich gegen mich selbst. Nur das Dringende und Notwendige zu Ende zu bringen, das ist sich noch immer ausgegangen, irgendwie, trotz unvorhergesehener Unterbrechungen, nicht eingeplanter Änderungen oder der Abhängigkeit von der Zuverlässigkeit Anderer. Oder eben deren Unzuverlässigkeit. Ungern mache ich mich von Anderen abhängig. Manchmal geht es nicht anders. Deshalb arbeite ich am liebsten allein. Es ist möglich, zumeist. Es kommt vor, ab und an, dass ich mich auf Andere einlasse, weil sie mir Zuversicht schenken, dass es klappt, sie dasselbe Pflichtbewusstsein an den Tag legen, wie ich. Doch was kann man erwarten, wenn man sich nicht die Zeit nimmt, sich mit dem Arbeitsstil des Anderen vertraut zu machen, um zu wissen, wie es funktionieren kann. Man tut es nicht, so dass man zumeist enttäuscht zurückbleibt. Sich noch weiter zurückzieht, in die eigenen Abläufe, Routinen und Bequemlichkeiten. Mit sich selbst, nur mit sich selbst zurechtzukommen, ist beinahe schon einfach. Zumindest vertraut. Ich muss mir keine Gedanken mehr machen, vor allem, nichts erklären. Der Tag wird mit der Abendroutine beschlossen. Versorgungspflichten sind zu erledigen.

So reiht sich Tag an Tag. Es ist gut, sich eingerichtet zu haben, in den Gewohn- und Vertrautheiten. So halten sich die Überraschungen in Grenzen, in immer enger werdenden Grenzen, weil ich auch gelernt habe, mir diese vom Leib respektive aus dem Leben zu halten. Ich lasse sie nicht mehr zu. Wenn sie passieren, kann ich sie umschiffen, anderen zuschieben oder ignorieren. Es geht viel einfacher, als ich gedacht habe. Ehedem. Und an einem dieser Tage, die sich, bis auf die wechselnden Aufgabenstellungen, gleichen, mitten im Tun, blicke ich auf. Ein Glitzern hat mich dazu bewogen, ein feines, zartes Glitzern. Ich versuche zu eruieren, woher es kam. War es ein Sonnenstrahl, der sich im Glas gebrochen hatte, das neben mir steht. Nein, es war das Schimmern des Wassers. Auch darin sind die Sonne und ihre Strahlen involviert. Damit ist die Irritation behoben und ich könnte mich wieder meinen Aufgaben zuwenden, die ihrer Erledigung harren. Sonst hätte ich es getan, doch diesmal, an diesem einen Tag, der sich durch fast nichts von all den anderen unterscheidet, eingeklemmt im selbstvergessenen Tun zwischen Morgen- und Abendroutine, völlig überraschend, wende ich den Blick nicht ab, sondern lasse ihn noch weiter im Draußen verweilen, das die Weite und abseitige Gedanken, außerhalb der Routine des Festgefahrenen, symbolisiert. Ich lasse sie ziehen, meine Gedanken, ihres Zaumzeugs und ihrer Fesseln entledigt. Ich hatte es nicht einmal gemerkt, dass ich sie ihnen angelegt hatte. Es war, um die Irritation nicht aufkommen zu lassen, weil ich nicht wissen wollte, wohin sie mich tragen, wenn sie freigelassen sind. Doch jetzt, in diesem Moment, lasse ich sie ziehen, wohin sie wollen, völlig unkontrolliert. Wohin sie mich tragen wollen, dorthin lasse ich mich tragen.

Ich sehe mich auf einer Klippe in Ballydavid, dem westlichst gelegenen Ort Irlands, sehe mich dort im Gras sitzen und den Wellen lauschen, die sich an den Klippen brechen. Das Rauschen des Wassers erfüllt die Luft. Es ebbt ab, braust auf und versinkt wieder, mit den Wellen. Ich sitze nur da, lausche den Geräuschen dieser urtümlichen Kraft nach, die so stark ist, dass sie diese Klippen, auch jene, auf der ich sitze, geformt haben. Nicht von heute auf morgen, sondern über Jahrhunderte. Es hat keine Eile. Und ich lasse mich anstecken, von dieser stoischen Ruhe. Es geschieht, nichts weiter. Es geht seinen Weg, nichts weiter. Ich sitze, bin da, mitten im Moment des Geschehens, das sich in seiner Einmaligkeit immer und immer wiederholt. Präsenz in seiner ganzen Tiefe und Selbstverständlichkeit. Beinahe wie in einer Trance, die nichts weiter fordert oder wünscht als das Dasein inmitten des Ursprünglichen und des Seins. Es ist beinahe wie ein Ankommen, das ein Bleiben verheißt. Endlich reiße ich mich los. Es ist Zeit zum Abendessen. Ich denke noch, ich komme hierher zurück. An einem anderen Tag, alleine und ohne Verpflichtungen, komme eines Tages wieder, tatsächlich, um zu bleiben. Eine Weile? Für immer? Wer weiß das schon. Das ändert auch nichts, denn es geht darum wiederzukommen, mein Versprechen mir selbst gegenüber einzulösen, denn den Wellen und den Klippen ist es egal. Sie sind da. Ohne mich. Ohne jeden Menschen.

Das nahm ich mit, als ich nach Hause zurückkehrte. Ich dachte daran. Es passte gerade nicht. Wie lange das nun wohl her war? Fünf Jahre? Sieben Jahre? So ungefähr. Es spielt keine Rolle, nur, dass ich irgendwann während dieser Jahre, die ich einfach vergehen ließ, eingespannt in Routine und Verpflichtungen, meine Sehnsucht danach abhandenkommen ließ. Wann war das geschehen? Wann war mir die Sehnsucht verloren gegangen?

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