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Life is too short for boring stories

Mathilda steckte verträumt eine goldglänzende Kapsel in ihre Nespresso-Maschine und drückte auf den Knopf, der dem Gerät anwies, ihr einen Espresso zuzubereiten. Während sie zusah, wie der Kaffee in ihre Tasse rann, dachte sie an George Cluny, der sogar da nicht zu lächeln aufhörte, als ihm seine Kaffee weggenommen wurde. Sie, Mathilda, könnte diese Ruhe nicht aufbringen. Niemand dürfte ihr ihren Kaffee streitig machen. Sie hörte noch, dass die Kapsel in den dafür vorgesehenen Behälter plumpste, dann griff sie nach der Tasse und führte sie vorsichtig zum Mund. Natürlich war ihr die Umwelt wichtig, aber diese paar Kapseln aus Aluminium, machten doch das Kraut nicht fett. Wenn sie darauf verzichtete, würde sie den Regenwald nicht retten. Sie sowieso nicht. Auch der hohe Energieverbrauch, ein gebrochener Staudamm, der giftige Schlacke über mehrere Dörfer ergossen hatte und den Del Nigro zu einem Schlammpfuhl werden ließ, in dem sämtliche Tiere zugrunde gegangen waren, aber auch Menschen ihres Trinkwassers beraubt wurden, ließ sie kalt. Es geschah doch alles weit weg und es waren doch nicht mehr als Menschenleben.

Mathildas Wohnung war angenehm klimatisiert, der Strom kam aus der Steckdose und Wasser aus dem Wasserhahn. Wie privilegiert sie alleine diese Dinge machten, war ihr nicht bewusst, denn um sie herum ging es schließlich allen so. Dass ein großer Teil der Menschheit auf diesen Luxus verzichten musste, war schließlich nicht ihre Schuld. Versonnen fügte sie ihrem Espresso ein wenig Milch hinzu. Er war doch ein wenig zu stark geraten. Cremig weiße Milch, die einem Lebewesen abgepresst worden war, das permanent zwangsgeschwängert wurde, um ihr das Baby gleich nach der Geburt wegzunehmen, damit man ihr all die Milch wegnehmen konnte, die eigentlich für ihr Kind gedacht war. Ganz allein und verlassen müssen die Babies entweder in Kälberboxen ausharren oder sie werden auf eine lange Reise in den Tod geschickt. Der ausgezehrte, über alle Maßen strapazierte Leib der Mutter, geschwächt und gekränkt, vegetiert im Stall dahin, wo man sie nicht sieht und damit das frische, reine Image ihrer Milch aufrechterhalten kann, denn sie ist nicht mehr als eine Produktionsmaschine.

Mathilda ließ es sich schmecken. Natürlich ist es schrecklich, aber als Feministin musste sie sich um die Menschenfrauen kümmern. Da gibt es genug zu tun. Und Milchkühe sind schließlich vom Menschen dafür gezüchtet worden, dass sie Milch geben. Die haben auch keine Bindung zu ihren Kindern, schon gar nicht eine solche, wie sie zwischen Menschenmutter und Menschenkind gegeben ist. Das sind doch alles nur Instinkte. Ob sie wohl schon einmal die Schreie dieser Kuhmütter gehört hatte, wenn sie verzweifelt nach ihrem Baby rufen? Wohl kaum. Ebenso wenig wollte sie wissen, wie schrecklich es wohl für eine Hühnermutter sein musste, wenn ihr Nest jeden Tag leergeräumt wird, denn vielleicht würde ihr dann das Frühstücksei nicht mehr schmecken. Das durfte sie nicht zulassen, da doch lieber die Bewusstseinsbildung auf die Auswirkungen des Patriarchats beschränken, denn Hühner sind nicht mehr als Eierlegemaschinen.

Mathilda löffelte ihr Ei und genoss ihr Schinkenbrötchen. Nichts könnte ihr geschmackliches Erlebnis trüben. Selbst wenn man ihr erzählt hätte, dass Schweinemütter für diese kleine Leckerei ihr Leben lang in körperengen Käfigen liegen müssen, während ihre Kinder um sie herumwuseln, aber sie selbst keinen Kontakt zu ihnen haben kann, dann hätte sie wohl nur müde gelächelt. Ebenso darüber, dass besagte Kinder ihr ganzes, immerhin sechs Monate andauerndes, Leben, auf Vollspaltenböden über ihren eigenen Exkrementen auf engstem Raum verbringen müssen. Ist ja nicht mehr als ein Stück Fleisch.

Mathilda warf einen Blick auf die Uhr, nachdem sie ihr Frühstück beendet hatte und stellte fest, dass es an der Zeit war, sich anzukleiden. Rasch nahm sie ein Kleid aus dem Kasten, zog es an und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Sie hatte wohl ein wenig Fett angesetzt, rund um die Hüften. Dagegen müsste sie dringend etwas unternehmen. Das war ein Problem, das die Kinder, die ihre Kleider nähten, nicht tangierte. Vielmehr mussten sie jeden Tag bangen, ob sie überhaupt etwas zu essen bekämen. Aber Mathilda konnte sich schließlich nicht um alles kümmern, waren sie doch nicht mehr als ein Stück Arbeitskraft.

Mathilda war sowieso der Meinung, dass diese Kinderarbeit keine Ausbeutung war, noch weniger mit dem Patriarchat zu tun hatte, sondern nur damit, dass diese dummen Frauen viel zu oft ihre Beine breit machten und viel zu viele Kinder in die Welt setzten. Ja, ihr hatten sie es zu verdanken, dass sie überhaupt etwas zu essen hatten. Würde sie ihre Textilien nicht kaufen, wären sie dem Hungertod ausgeliefert. So gesehen, war sie ein durch und durch guter, wenn nicht sogar wohltätiger Mensch. Aber all das spielte jetzt keine Rolle, denn sie würde in wenigen Minuten eine Ansprache halten bei einer Kundgebung der Feministinnen in ihrer Stadt. Sie würde all die Ungerechtigkeiten anprangern, die Frauen zugemutet wurden und werden. Und darüber würde sie nicht merken, es ist nicht mehr als ein Bla-Bla.

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