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Life is too short for boring stories

Martinique fühlte sich wie erschlagen. Da saß er also, der Mann, der sich selbst als „der Herr des Ozeans“ bezeichnete, nahm mit aller Seelenruhe einen Schluck von seinem Bier, rülpste inbrünstig und schien gänzlich auf ihre Anwesenheit vergessen zu haben. Dabei fiel es Martinique sogar schwer schlecht von ihm zu denken, wenn sie die Umstände seines Lebens bedachte, bis auf die Tatsache, dass er es sich selbst ausgesucht hatte. Aber wie weit geht Entscheidungsfreiheit wirklich? Ist diese denn nur dann möglich, wenn man das ganze Leben überblicken, also in die Zukunft sehen, konnte?

Eine leidenschaftliche Affäre, die nicht ohne Folgen blieb, zu einer Zeit, zu der es noch notwendig war zu heiraten, wenn das Mädchen schwanger geworden war. Da war der Druck der Familie, dass die Schande nicht öffentlich würde, die Schande, dass sich ein Mädchen der körperlichen Liebe hingegeben hatte, als wenn es ein Verbrechen wäre. Hingabe als Verbrechen. Liebe als Verbrechen. Oder einfach nur das Eingeständnis, dass Sinnlichkeit gelebt wurde. Das Mädchen fügte sich, weil ihr ihre Ausweglosigkeit deutlich vor Augen geführt wurde, und der junge Mann musste Verantwortung übernehmen. Das bedeutete, in ein Leben gestoßen worden zu sein, das man nicht wollte, um dennoch für den Rest seines Lebens aneinander gefesselt zu sein. Auf Gedeih. Viel öfter noch auf Verderb. Die Schande, der Ruf, die Meinung der Anderen, alles wiegt mehr als das Lebensglück eines Menschen. In dem Fall zweier Menschen. Natürlich kann es sein, dass sie zueinander gefunden hätten. Doch es stellt sich gar nicht die Frage, ob sie es vielleicht doch gewollt hätten, weil sie sowieso müssen. Was zählt schon ein oder zwei Leben gegen die Gesellschaft, die alles verurteilt, aburteilt, um sich dann so schnell wie möglich wieder anderen Themen zuzuwenden und keine Verantwortung übernimmt. Für ein Urteil. Für eine Verurteilung. Wie sollte sie auch. Man war es. Jeder und keiner. Nicht greifbar, bloß immer als die Stimme im Hinterkopf, die einem genau sagt, was man zu tun oder zu lassen hat. Gefangen in einer Ehe, die man nicht will, und aus der es auch keinen Ausweg gibt, zieht man eben das Kind, vielleicht auch noch ein zweites miteinander auf. Nein, man zieht nicht miteinander auf. Es gibt eine spezifische Arbeitsteilung. Einer erwirbt den Lebensunterhalt. Der andere zieht die Kinder auf. Auch das gehört sich so. Ist so. Und dann ist man in diesem Hamsterrad und rennt und rennt und rennt. Bis man aufhört zu rennen. Das nennt man dann Leben. Eigentlich kaum ein Unterschied zu den Inhaftierten im Aquarium. Vielleicht fällt es uns deshalb so leicht unsere Mitgeschöpfe der Freiheit zu berauben, selbst des Lebens, weil wir es auch nicht anders kennen.

 

„Ich habe die Kontrolle über meinen Miniaturozean“, riss der Onkel Martinique aus ihren Gedanken, „Aber man darf das nicht unterschätzen. Es bedeutet eine enorme technische Herausforderung, gerade was das Salzwasserbecken betrifft. Und es gibt wohl nichts Schöneres, als hier zu sitzen und die Fische zu beobachten. Das ist reinste Kontemplation.“

„Kontemplation über Misshandlung, Vertreibung, Verschleppung und Mord“, schoss es Martinique unwillkürlich durch den Kopf, die nicht fassen konnte wie weit Euphemismus ging, „500 bis 600 Millionen dieser wunderbaren Kreaturen, für uns bloße Zierfische, werden Jahr für Jahr aus dem Meer geschöpft, getrennt von ihrem Leben, von ihren sozialen Strukturen, bloß zum Amüsement des Menschen. Gefangen in tropischen Gewässern, meist Korallenriffen, illegal, fast immer, so dass die Korallenriffe leer gesammelt werden. Gesammelt, um bereits am Transportweg elendiglich zu krepieren. Oder beim Fischen selber. an Cyanidvergiftung, dem Atemgift, das immer noch in Korallenriffe gespritzt wird, um sie an die Oberfläche treiben zu lassen. Auch da krepieren schon viele. Macht ja nichts, sind noch genug da. Oder mit Dynamit herausgesprengt. Und wofür das ganze Elend? Für einen Moment der Kontemplation, für das Gefühl mächtig zu sein. Macht über die wehrlose Kreatur. Da kann man doch richtig stolz auf sich sein. So sieht die Krone der Schöpfung aus.“

 

Immer schneller drehten sich die Gedanken in Martiniques Kopf, während der Onkel weiter munter vor sich hin plauderte, während Christian da stand und zuhörte, oder auch nicht, immer schneller, wie die Fische in ihrem Gefängnis, immer schneller, ohne einen Ausweg zu finden. Immer schneller, ohne Sinn, ohne Ziel. Immer schneller, so dass sie nicht auskonnte. Wohin sollte man auch fliehen vor der Wahrheit? Oder vor denen, die die Wahrheit verdrehen, so sehr, dass Misshandlung als etwas Positives erscheinen kann? Unwillkürlich fasste sich Martinique an den Kopf, als könnte sie ihren Gedanken so Einhalt gebieten, doch es ging nur noch schneller, wie ein Wirbel, der sie gänzlich erfasste, ihre die Kräfte raubte und die Sinne schwinden ließ. Endlich war es ruhig, und sie musste nicht mehr denken, sich einfach fallen lassen, in die Gnade einer Ohnmacht.

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