Buchvorstellung: „Kinder weinen leise“

Kinder weinen leise | Daniela Noitz | Fantasyroman – Novels4u Geschichten

Kinder, die nicht gehört werden, weinen leise, bis sie ganz verstummen. Kinder, die Verlassenheit, Gewalt und Missbrauch erfahren mussten. Sie verkriechen sich in sich selbst und schließen die Türe nach außen, oft für immer – doch Utopien von einem besseren Leben siend möglich, nicht an einem Ort, sondern in einem Du. Tristan und Isolde, das ungleiche Zwillingspaar, wachsen in der Vorstadt auf, missbraucht die Verlassenheit der Mutter zu kompensieren.

Über viele schmerzliche Stationen gelangen sie nach Messianias, dem Ort einer verwirklichten Utopie, die ein gelungenes Miteinander darstellen soll. Doch sehr bald durchschauen sie die Machenschaften und Intrigen. Isolde macht sich diese zu Nutze, wohingegen Tristan das Schlechte hinter sich lässt und mit Hilfe von Nele findet er zu einem geglückten Leben. Vielleicht der Ausgangspunkt die Spirale aus Gewalt und Missbrauch endlich zu durchbrechen.

Hier bestellen.
Paperback, 394 Seiten

Leseprobe

Kinder,
die gehört werden,
weinen laut.
Kinder,
die nicht gehört werden,
weinen leise.

4. Die Psychologin

Isolde erwachte. Sie wusste nicht wo sie war, doch ihr erster Gedanke galt ihrem Bruder. Sie sah sich um und stellte fest, dass er neben ihr lag, gebettet in weißes Leinen. Das beruhigte sie, denn sie wusste nun, dass sie zusammen waren, wo auch immer das sein mochte. Erschöpft und kraftlos sank ihr Kopf zurück auf den Polster und sie schloss die Augen. In ihrem Kopf hämmerte es wie wild, doch was tat das. Sie waren nicht mehr im Keller, mussten nicht mehr frieren und Durst leiden. Vorläufig waren sie in Sicherheit. Vorläufig war es warm. Es musste wohl ein Krankenhaus sein, in das sie gebracht worden waren, sie und ihr Bruder. So angenehm hatten sie schon lange nicht mehr gelegen, und dennoch sehnte sie sich zurück in ihr zu Hause, in das kleine Häuschen am Rande des Sumpfgebietes, in dem sie aufgewachsen waren. „Isolde“, drang plötzlich eine matte Stimme an ihr Ohr, „Bist Du wach?“ „Ja. Wie geht es Dir?“, antwortete sie ihrem Bruder. „Geht so“, entgegnete Tristan knapp, „Und Dir?“ „Ich habe Kopfschmerzen, rasende Kopfschmerzen“, sagte Isolde. „Ich habe Durst“, meinte nun Tristan, „Ob wir hier was zu trinken bekommen? Was zu essen?“ „Ich denke schon. Die werden uns doch bestimmt nicht aus diesem verdammten Kellerloch holen um uns dann verhungern zu lassen“, entgegnete Isolde überzeugt. „Was meinst Du was die jetzt mit uns machen? Ob wir wieder nach Hause dürfen?“, fragte nun Tristan. Offenbar war auch sein einziger Gedanke wieder nach Hause zu kommen. „Ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht, dass sie uns wieder nach Hause lassen. Jetzt gibt es endgültig niemanden mehr, der sich um uns kümmern könnte“, gab Isolde zu. „Was wäre mit Großmutter?“, fragte Tristan unsicher. „Nein, Großmutter hat sich bist jetzt nicht um uns gekümmert. Warum sollte sie es jetzt tun. Außerdem ist sie zu alt“, entgegnete Isolde trocken. „Aber wo kommen wir dann hin? Was werden sie mit uns machen?“, fuhr Tristan ängstlich fort. „Es ist doch ganz egal was sie mit uns machen oder wo wir hinkommen, so lange wir zusammen bleiben dürfen“, versuchte nun Isolde ihren Bruder zu beruhigen. „Meinst Du denn, dass sie uns trennen?“, fragte Tristan, und Isolde merkte, dass ihn ihre Antwort nicht nur nicht beruhigt, sondern sogar das Gegenteil bewirkt hatte. „Natürlich bleiben wir zusammen. Wir gehören zusammen, und daran kann niemand etwas ändern“, antwortete sie deshalb schnell, ohne es zu wissen. Sie belog ihren Bruder nicht direkt, denn sie wusste es einfach nicht, aber zumindest war er nun weniger besorgt. Da wurde unvermittelt die Türe geöffnet und eine große, schlanke Frau trat ein.

„Hallo Isolde! Hallo Tristan! Mein Name ist Sigrid Siegel“, begrüßte sie die Kinder und reichte ihnen beiden die Hand, „Ich freue mich, dass ihr endlich erwacht seid. Wie fühlt ihr euch?“ „Wie lange haben wir geschlafen?“, gab Isolde zurück, ohne auf die Frage einzugehen, die ihnen gestellt wurde. „Zwei Tage. Ihr wart sehr schwach“, antwortete Sigrid Siegel. Isolde betrachtete sie beiläufig. Sigrid Siegel trug eine schwarze Stoffhose zu flachen Pumps und eine weiße, hochgeschlossene Bluse. Das kurze Haar flatterte wirr und sorglos um ihren Kopf. „Ich bin Psychologin und soll mich um euch kümmern“, fuhr Sigrid Siegel fort. „Warum müssen Sie sich um uns kümmern?“, fragte Isolde irritiert, „Wir brauchen keine Hilfe. Wir wollen nur nach Hause“ „Ihr braucht ganz bestimmt Hilfe, bei all dem Schrecklichen, was ihr in eurem jungen Leben schon durchmachen musstet“, merkte Sigrid Siegel voller Überzeugung an. „Hören Sie, was geschehen ist, ist geschehen, und es ist geschehen weil es geschehen musste. Es ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach so. Alles was wir wollen ist nach Hause zu gehen und zwar miteinander“, fasste nun Isolde knapp zusammen, und die Psychologin Sigrid Siegel, oder nur der Mensch Sigrid Siegel, das ist schwer zu unterscheiden, zuckte zusammen ob dieses erschreckenden Fatalismus, der sich in Isoldes Worten kundtat und der so gar nicht zu einer Sechzehnjährigen passen wollte. Aber es war wohl eher der Mensch Sigrid Siegel. denn für die Psychologin war es selbstverständlich ein klassischer Fall von Verdrängung. Ist doch schön, wenn man so leichthin auf alles eine Antwort geben kann, eine Erklärung parat hat. Will einer nicht reden über schreckliche Dinge, so hat er sie, schwuppdiwupp, ins Unterbewusstsein verdrängt. Hätte einer gefragt, was es denn ist, dieses Unterbewusstsein und wer da eigentlich verschiebt, darauf hätte sie wohl schwerlich eine Antwort gehabt, denn dabei handelte es sich um Fragen, die in der Ausbildung nicht vorgesehen waren. Fragen, die nicht beantwortet werden können, nicht eindeutig, sind auch nicht zu stellen. Das ist das Credo jeder Ausbildung.

Was war nur mit diesen Kindern geschehen? Sie wusste die Eckdaten, wusste, dass sich ihr Vater in ihrem Wohnzimmer aufgehängt hatte, wusste, dass ihre Mutter spurlos verschwunden war, ebenso wie ihre Tante und natürlich, dass diese beiden Kinder halb verdurstet aus dem Keller ihres Hauses geborgen wurden, wobei sich der, der ihnen das offensichtlich angetan hatte, selbst richtete. Aber sie war überzeugt davon, dass da noch sehr viel mehr war, dass diese Vorkommnisse – so schrecklich sie im einzelnen auch sein mochten – nur die Oberfläche waren, unter der sich ein Netz aus Grausamkeiten und Perversionen auftun würde, sobald sie es schaffen würde diese Kinder zum Reden zu bewegen. Oder war es nur ihr Wunsch, dass da mehr sein sollte, dass das noch nicht alles sein konnte. Niemals konnte es alles sein. Davon war Sigrid Siegel, die Psychologin, überzeugt. Oder war es doch bloß der Mensch, der sensationsgeil meinte, dass da noch Verstecktes sein musste. So riss sie sich schnell wieder zusammen, ließ die Professionalität über die Emotion siegen.

„Allein aus Deiner Antwort ersehe ich schon, dass ihr sehr dringend Hilfe braucht. Allerdings ist es völlig normal, dass ihr euch dagegen wehrt, denn diese Erlebnisse aufzuarbeiten kann sehr schmerzhaft sein, aber auch heilsam. Und das ist meine Zielsetzung, euch zu heilen“, meinte die Psychologin Sigrid Siegel. „Mein Gott, was haben wir denn Schreckliches erlebt? Unser Vater hat sich aufgehängt. Nun gut. Es war seine Zeit, und wenn es an der Zeit ist, dann muss man eben sterben. Niemand kann was dagegen oder dafür. Niemand kann was dafür, dass er geboren wird und niemand kann was dafür, dass er stirbt. Das ist eben so. Er ist uns aber auch nicht abgegangen. Unsere Mutter ist weggegangen, mit all ihrer Verschrobenheit und ihren wirren Gedanken. Sie hat sich verausgabt und uns alles gegeben. Sie lebt in uns. Und dann unsere Tante, nun sie ist ihrer Schwägerin nachgefolgt und unser Onkel seinem Bruder. So ist das. Da gibt es nichts Aufzuarbeiten und nichts zu Bedauern“, fasste nun Isolde kurz und prägnant zusammen, und auch diese Ausführungen ließen Sigrid Siegel zusammenzucken, mehr noch, ihr blieb der Mund offenstehen. „Also doch, eine klare Verdrängungsarbeit und Rationalisierung“, erwiderte Sigrid Siegel, „Du schiebst alle Emotionen, die damit zusammen hängen beiseite und das was übrigbleibt versuchst Du logisch zu erklären, wobei ich gestehen muss, dass es jeden, der nicht so professionell zu arbeiten versteht wie ich, überzeugen könnte. Aber mich nicht. Du bist zutiefst betroffen, und das werden wir aufdecken.“ „Also sind Sie dazu da mir einen Schmerz einzureden, um ihn dann wegzutherapieren?“, entgegnete Isolde ungerührt. „Nein, denn der Schmerz ist da, muss einfach da sein“, erwiderte Sigrid Siegel. „Demnach haben wir etwas wovon Sie meinen, dass wir es haben müssen? Wie lange wollen Sie uns das einreden? Bis wir es glauben oder gar selbst davon überzeugt sind?“, Isolde wurde langsam ungeduldig.

„Dürfen wir also nach Hause?“, fragte Tristan nochmals, denn er war es leid sich dieses Gerede anzuhören. „Nein, dürft ihr nicht“, antwortete Sigrid Siegel knapp, als sie sich von ihrer Betroffenheit erholt hatte, „Erstens seid ihr zu jung um allein zu leben und zweitens seid ihr offenbar derart traumatisiert, dass ich eine Therapie dringend anraten muss.“ „Wir sind nicht traumatisiert“, sagte Isolde ruhig, doch da mischte sich Tristan ins Gespräch ein: „Frau Siegel, was meine Schwester sagen möchte ist, dass wohl andere Kinder in unserer Situation Hilfe benötigen würden, aber wir haben einander und richten uns aneinander auf. Gerne kommen wir mit Ihnen ins Gespräch und Sie sollen alles erfahren, was Sie erfahren wollen. Wir haben Schlimmes durchgemacht, aber wir kommen darüber hinweg. Unsere größte Sorge im Augenblick ist, ob wir zusammen bleiben können.“ Seine angenehme, einnehmende Art, begleitet von dem warmen Blick seiner blauen Augen, die die Psychologin keine Sekunde während seiner Rede losgelassen hatten, taten ihre Wirkung. „Nun gut, ich werde sehen was ich für euch tun kann. Ich bin mir sicher, ich finde eine Familie, die euch gemeinsam aufnimmt, obwohl das nicht einfach sein wird, nachdem ihr doch schon relativ alt seid und mit dieser Vorgeschichte …“, entgegnete Sigrid Siegel. Isolde wollte schon entsprechend antworten, doch ihr Bruder kam ihr zuvor. „Wir sind überzeugt davon, dass Sie das schaffen werden“, merkte er lächelnd an. „Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun. Wenn ihr dann ein neues zu Hause habt, werden wir mit der Therapie beginnen“, schloss Sigrid Siegel und verließ grußlos das Zimmer. Nicht, dass sie unhöflich gewesen wäre, aber sie gehörte zu den Leuten, deren Gedanken ihren Taten immer schon zwei Schritte voraus sind. Sie musste sich also beeilen dieselben wieder einzuholen, was sich einigermaßen schwierig gestaltet, da ihre Gedanken niemals verharrten. Immer war sie dabei ihnen hinterherzulaufen. Ob sie wohl jemals Ruhe finden konnte. War das nicht der Grund warum sie Psychologin geworden war? So lange sie sich mit den Gedanken anderer beschäftigen konnte, stand sie nicht in Sklaverei ihrer eigenen. So lange sie sich mit den Geschichten anderer befassen konnte, rückte ihre eigene in den Hintergrund. Nichts weiter als Ruhe vor sich selbst war es, was sie wollte. Und wenn sie dann verglich, dann schien ihr eigenes Leid klein und unbedeutend.

Doch welches Leid ist wirklich unbedeutend? Gibt es denn ein kleines und ein großes Leid? Das Leid, das uns einnimmt, ganz und gar fokussiert und nichts anderes denken lässt, das unsere Kräfte, unseren Mut und unsere Hoffnung aufzehrt, als hätte es sie niemals gegeben, dieses Leid ist nicht kategorisierbar in klein und groß, ist nicht skalierbar zwischen Nicht Wichtig und Wichtig, es ist einfach Leid, und nicht einmal das Leid, sondern je meines. Für vieles haben wir mehr oder weniger passende Worte, die es uns erlauben einen anderen Zugang zu finden, nur das Leid ist unmitteilbar. So groß mein Mitfühlen auch immer sein mag, ich habe niemals die Möglichkeit, niemals die Chance in ein anderes Leid hineinzugehen, niemals eine Idee davon was es bei Dir anrichtet. Immer stehe ich als Leidloser entweder teilnahmslos daneben oder teilnahmsvoll darüber, pathetisch Rezepte und angebliche Antworten murmelnd, die nur einen Sinn haben, den Leidenden in seinem Leid noch mehr zu isolieren, ihn noch tiefer in sein Unverstandensein hineinzustoßen. Teilnahmsvoll arbeite ich daran alles noch schlimmer zu machen. Letztendlich scheitert jeder Versuch zu therapieren an eben jener Überheblichkeit, die in dem Glauben gründet, ich könnte helfen, seien meine Motive noch so hoch und hehr, immer dient es dazu mich freizusprechen und gegenüber dem Leidenden auf einen Sockel zu stellen, neben all den Nicht-Leidenden. Der eine steht am Startblock neben dem Schwimmbecken. Der andere ist im Wasser. Der eine sieht hinunter. Der andere ertrinkt.

Sigrid Siegels Leid war weder klein noch groß, weder wichtig noch unwichtig, sondern schlicht ihr Leid, auch wenn sie es immer wieder schaffte es vor sich selber in den dunkelsten Winkel der Bedeutungslosigkeit zu verschieben, indem sie sich mit fremdem Leid abzulenken suchte, das sie doch niemals verstehen würde. Aber was hatte sie schon für ein Leid?

Schließlich hatte Sigrid eine Mutter und einen Vater, immer noch. Schließlich gab es in ihrer Familie keine offensichtliche Gewalt. Ihre Mutter und ihr Vater waren Psychiater. Neben der eigenen Praxis, lehrten sie an der Universität und waren ständig unterwegs. Diese beiden Menschen waren eine perfekte Einheit. Nicht, dass die Liebe groß gewesen wäre. Wahrscheinlicher war, dass sie sich überhaupt nicht liebten, aber was tat das, wenn man mit dem Partner eine perfekte geschäftliche Kooperation einging. Nachdem sie am gleichen Gebiet forschten ergab es sich fast von selbst, dass sie sich auch privat verbündeten. Wo war die Grenze zwischen geschäftlich und privat, wenn doch letztendlich die Arbeit ihr einziges Gesprächsthema war. Dennoch passierte es ihnen. Sigrids Mutter wurde schwanger. Es war ein Verhängnis. Ruhig setzten sich die beiden zusammen und besprachen was zu tun sei. Sie entschlossen sich dazu an ihrem Leben nichts zu ändern, und ein gutes Kindermädchen zu suchen. Das hieß, dass die beiden nach wie vor kaum zu Hause waren. Das Haus wurde die meiste Zeit über ausschließlich von Sigrid und ihrem Kindermädchen alleine bewohnt. Die sporadischen Besuche der Eltern schienen nur einem Zweck zu dienen, die Tochter zu analysieren, als wäre sie nichts weiter als ein weiteres Forschungsobjekt in ihrem Leben.

„Seelische Kneifzange“ nannte Sigrid dieses Vorgehen sobald sie alt genug war die richtigen Worte zu finden. Es lief immer nach dem gleichen Schema ab. Die Mutter und der Vater kamen unangekündigt nach Hause. Egal wie spät es war, die Tochter wurde in das Arbeitszimmer bestellt. Kurz darauf saß sie ihren Eltern gegenüber und sie musste erzählen. Wenn sie endete wurde jede ihrer Erzählungen auseinandergenommen, wurde zerschnippselt wie ein Stück Papier, bis zur Unkenntlichkeit, und als dann endlich alles kaputt gehauen war, sahen sie ihre Aufgabe als beendet. Sigrid durfte sich zurückziehen. Am nächsten Morgen waren die Eltern nicht mehr da, waren gegangen ohne ein Wort des Abschieds. Manchmal blieben sie auch einige Tage, aber auch da sah man sie nur zu den Mahlzeiten außerhalb ihres Arbeitszimmers.

Niemals war Sigrid von ihren Eltern umarmt, niemals an der Hand genommen worden. Niemals hatten sie ihr zugehört, wie Eltern ihren Kindern zuhören, abseits der Profession, dafür voller Empathie. Kein Wunder, dass sie in den ersten Lebensjahren zu ihrem Kindermädchen Mama sagte. Schließlich kannte sie ihre leibliche Mutter gar nicht. Vielmehr war sie für Sigrid wie ein Großinquisitor, der ihr das Letzte an Herzblut abpresste, doch Sigrid war ein kluges Mädchen und lernte sich diesem Zugriff zu entziehen, indem sie anfing Geschichten zu lesen und diese als ihre eigenen auszugeben. Damit schlug sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits konnte sie sich innerlich distanzieren, denn ganz gleich wie diese Geschichten analysiert wurden, es hatte nichts mit ihr zu tun, und andererseits merkte sie, dass sie es schaffte ihre Eltern damit zufrieden zu stellen. Sie gab ihnen was zu tun, eine Beschäftigung und einen Grund überhaupt noch nach Hause zu kommen. Nur mit Sigrid hatte das nichts zu tun.

Mit den Jahren änderte sich der Charakter der Beziehung zu ihren Kindermädchen, die dann auch nicht mehr Kindermädchen sondern Gouvernanten genannt wurden. Drei Kindermädchen hatte sie verschlissen. Mittlerweile war sie vierzehn geworden, als die Gouvernante Einzug hielt, die einen nachhaltigen Eindruck hinterließ, in ihr Haus und in ihr Leben. Ihr Name war Ella Ebert. Sie war groß und schlank. Ihr schwarzes Haar trug sie kurz geschoren, und ihre grünen Augen wirkten lebenslustig und herausfordernd. Als Autodidaktin der Pädagogik, hatte sie sich ihr eigenes Erziehungskonzept zurechtgezimmert. Sigrid wurde ihr Versuchskaninchen. Es war durchaus sehr viel Gutes dabei, wie die Betonung der emotionalen Zuwendung, des tätigen Zuhörens, des Miteinander und die Integration von Sport und Naturerleben in den normalen Alltag. Ella gelang es sogar Sigrids Eltern davon zu überzeugen, dass ihr ein Haustier, genauerhin ein Hund, gut täte. Damit erfüllte Ella Sigrids größten Wunsch und eroberte ihr Herz. Wie Ella es geschafft hatte erfuhr Sigrid niemals, denn Sigrids Eltern waren gegen alles was Unordnung in ihr Leben brachte, und sei es nur für die wenigen Tage, die sie zu Hause verbrachten. Tiere waren in ihren Augen instinktgeleitet und ihr Verhalten unvorhersehbar. Wie anders, wie erschreckend leicht war es hingegen menschliches Verhalten vorherzusehen. Sie hatten es in der Hand, nur bei einem Tier, da war das anders. Da hörte ihre Möglichkeit Einfluss zu nehmen auf und war deshalb uninteressant, ja bedrohlich.

Ellas Leben war immer konzeptionell durchstrukturiert, wobei sie an diesem Konzept ständig arbeitete, um morgen zu verwerfen, was sie heute postuliert hatte. Sigrid fand in ihr, trotz des großen Altersunterschiedes von knapp 20 Jahren eine Freundin und Seelenverwandte. Immer mehr öffnete sie sich ihr hin, bis sie ihre Geliebte wurde. Vier Jahre lebten sie zusammen und liebten sich aufs Innigste, bis Ella ein neues Lebenskonzept fand und Sigrid von einem auf den anderen Tag verließ. Sigrid hatte sich niemals zuvor einem Menschen derart verbunden gefühlt, hatte sich niemandem mit Leidenschaft und Hingabe anvertraut. Der Tag, an dem Ella, völlig unvorhergesehen, ging, riss Sigrid in eine tiefe Depression. Sie setzte sich auf den Boden in ihrem Zimmer und blieb, weil ihr die Kraft fehlte aufzustehen. Niemals wieder würde sie sich hier wegbewegen. Und Akira, ihre Weimaranerhündin, legte sich zu ihr, den Kopf in ihren Schoß. Sigrid wusste nicht wie viele Stunden sie so dagesessen hatten, aber es kam der Moment, da musste Akira hinaus, und sie schaffte es tatsächlich Sigrid dazu zu bewegen mit ihr zu gehen, sich weiterhin um sie zu kümmern. So war es die Hündin, die sie Ella zu verdanken hatte, die Sigrid letztendlich davor bewahrte in ihrem Leid zu ertrinken, in diesem namenlosen, alles verschlingenden Schmerz. Akira forderte wortlos die Verantwortung ein, die Sigrid für sie übernommen hatte. Und Sigrid kam dieser Forderung nach.

Schließlich, Sigrid hatte einen Vater und eine Mutter, und war nie mit Gewalt konfrontiert worden. Verglichen mit all den anderen Geschichten, die sie zu hören bekam, war ihre eigene eine völlig normale. Beinahe hätte sie sich dazu verstiegen ihre Kindheit und Jugendzeit als glücklich zu bezeichnen. Und warum auch nicht. Sie hatte alles, ein schönes Haus, jede Freiheit, keine finanziellen Sorgen und jede Möglichkeit sich zu entfalten. Darüber hinaus hatte sie auch immer jemanden um sich, der sich um sie kümmerte. Doch das Leid ist weder klassifizier- noch skalierbar. Aber das wusste Sigrid nicht oder wollte davon nichts wissen. Dennoch stand sie nicht auf dem Sockel, sondern war ebenso im Wasser wie ihre Patienten, nur dass sie zumeist mehr Hilfsmöglichkeiten hatte sich an der Oberfläche zu halten, doch auch ihr würde irgendwann die Kraft ausgehen. Wer im Leid verbleibt ertrinkt. Unweigerlich. Früher oder später.

Tatsächlich wurden Tristan und Isolde wenige Tage später von eben jener Psychologin abgeholt. „Wohin bringen Sie uns?“, fragte Tristan. „Du wirst es sehr bald sehen. Ich kann euch versichern, ihr kommt in eine gute Familie, ehrbar, strebsam und sicher auf euer Wohl bedacht. Vor allem sind sie bereit euch beide aufzunehmen“, antwortete Sigrid ausweichend, „Darüber hinaus bekommt ihr noch drei Schwestern, sozusagen. Ist das nicht schön?“ Die letzte Frage blieb unbeantwortet.

Gut eine halbe Stunde dauerte die Fahrt bis sie ihr Ziel am anderen Ende der Stadt erreichten. Bei einem großen, gepflegten Haus hielt das Auto und sie stiegen aus. Eine wunderbare Ruhe herrschte in diesem Teil der Stadt. Kein Mensch war zu dieser Zeit des Vormittags auf der Straße. Die Männer waren bei der Arbeit, die Kinder in der Schule und die Frauen widmeten sich emsig der Hausarbeit. Gemeinsam durchschritten nun Sigrid Siegel, Isolde und Tristan den Vorgarten und die Psychologin betätigte die Klingel. Kurz darauf wurde ihnen die Türe geöffnet. Eine kleine, hagere Frau kam zum Vorschein. Das braune Haar trug sie in einem strengen Knoten und das einfache dunkle Kleid reichte ihr bis zu den Knöcheln und war beim Hals hochgeschlossen. Ihre ganze Erscheinung wirkte streng und verhärmt. „Guten Tag! Frau Siegel, Tristan, Isolde. Ich möchte euch in unserem Haus herzlich willkommen heißen“, sagte sie, doch von dieser Herzlichkeit, von der sie gesprochen hatte, war nichts zu spüren. Vielmehr ging eine beinahe unerträgliche Kälte von dieser Frau aus, die ihre Pflegemutter werden sollte. „Niemals werden wir uns hier zu Hause fühlen, niemals hier hergehören“, dachte Isolde, „Aber lange dauert es nicht mehr. Sobald wir achtzehn sind nehmen wir unser Leben selbst in die Hand.“ Entschlossen und geradlinig waren ihre Gedanken. Noch hatte sie keinen Plan, aber Isolde war überzeugt davon, dass sich eine Gelegenheit ergeben würde, und dann, dann würde sie sie wahrnehmen und ergreifen.

„Guten Tag!“, antworteten die drei folgsam. „Darf ich euch bitten im Wohnzimmer Platz zu nehmen? Tee?“, fragte ihre zukünftige Pflegemutter, und noch bevor jemand antworten konnte, verschwand sie in der Küche um für sich und ihre Gäste den Tee zuzubereiten. Alles was sie tat schien einstudiert, als hätte sie ein Drehbuch vorgelegt bekommen, an das sie sich unbedingt zu halten hatte. Dazu gehörte es wohl auch, sie für ein paar Minuten allein zu lassen. Währenddessen nahmen die drei im Wohnzimmer Platz, das vollgestopft war mit alten, schweren Möbeln. Es war alles so klinisch sauber, dass man Angst hatte auch nur zu intensiv auszuatmen. Sigrid Siegel setzte sich auf einen Stuhl, während sich die Tristan und Isolde nebeneinander auf die Couch setzten. Ebenso waren sie gesessen, als ihre Mutter in den Sumpf ging und ihr Onkel und ihre Tante bei ihnen einzogen.

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen