novels4u.com

Life is too short for boring stories

Sie gehen die paar Schritte, nähern sich dem Schein der zehn Kerzen, die dort den Gang beleuchten, sie den Ansatz einer Treppe erkennen lassen, einer Treppe, die hinauf- und wohl hinausführt, erkennen die Chance, aufzubrechen und aufzusteigen, erkennen den Ausblick, jetzt, da sie sich nicht mehr selbst im Weg stehen, jetzt, da ihnen nichts mehr die Sicht versperrt, und finden sich abermals vor ein Hindernis gestellt.

Was ist das schon wieder?

Was wird sich ihnen noch alles in den Weg stellen bis sie endlich hinauskommen?

Was werden sie sich noch alles in den Weg stellen bevor sie frei sein können?

Anstelle der Mauer hat sich ein Gitter aufgerichtet.

Wütend umfassen sie die kalten Gitterstäbe, drücken und zerren daran, bis die Knöchel weiß hervortreten, bis sie erschöpft ablassen, die Sinnlosigkeit ihrer Versuche einsehend.

Der Schein der zehn Kerzen hat sie getäuscht, hat sie weiter sehen lassen, als sie gehen konnten.

Sie geben auf und lehnen sich enttäuscht und verunsichert gegen die Gitterstäbe, an denen sie weder Schloss noch Öffnung entdecken können.

Ihr Blick wandert zum Schein der zehn Kerzen, der sie getäuscht hat, wandert zum Treppenansatz, der wieder unerreichbar scheint, wandert den Gang weiter bis zum anderen Ende, doch was erkennen sie dort, dort, am Ende des Ganges, an dem sie nichts mehr zu erkennen erwartet haben.

„Am Anfang aller Erwartung stehen Deine Augen, am Ende und am Anfang“, denken sie, und merken, dass sie aufeinander vergessen haben.

Den Berg, den Graben, den Kerker, die Kette, all das haben sie überwunden und hinter sich gelassen, haben es überwunden, um zueinander zu kommen, doch sie haben darauf vergessen.

Irgendwo auf diesem Weg haben sie aufeinander vergessen.

Im Schein der zehn Kerzen finden sie sich wieder und sprechen in ihren Gedanken den Willen des Aufeinander-zu, sprechen das Aufeinander-zu – und die Gitter zerfallen unter ihren Händen, im Schein der zehn Kerzen.

Hier geht es zu Tag 11.

Aus dem Buch: Adventreise ins Miteinander

Adventkalenderbücher

Auf der Suche nach dem Sinn von Weihnachten

Das gewebte Bild

Das leere Geschäft

Der Pilgerweg

***

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: